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Autor Thema: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften  (Gelesen 57862 mal)

Tomminator4real

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Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« am: 04.März 2013, 01:04:56 »

1. "Aranycsapat"- Die goldene Elf der Ungarn 1948-1954

Die erste Mannschaft, die ich euch vorstellen möchte, ist für viele neben der holländischen Nationalmannschaft 1974 die beste Mannschaft, die es nicht geschafft hat, Weltmeister zu werden.
Ich will euch diese Mannschaft vorstellen- sowohl die Spielerpersönlichkeiten, als auch die Taktik. Zudem bietet sich hier auch die Möglichkeit aufzuzeigen, wie ein einzelnes Ereignis ( nämlich der Ungarnaufstand 1956) es schaffen konnte, die Fußballkultur Ungarns zu zerstören. Denn: Außer einem Olympiasieg 1968 bleibt Ungarn von der Bildfläche der Topmannschaften für immer verschwunden.
Zunächst einmal zur Visualisierung ein Bild der Aranycsapat ;)



Allerdings sollte man sich von der Formation nicht irritieren lassen - das hier angedeutete W-M- System wurde zwar am häufigsten praktiziert, dennoch war diese Mannschaft mit einem System, was ich später aufzeige, berühmt.
Zuerst schauen wir uns  den ungarischen Fußball im Jahr 1948 an. Wichtig zu erwähnen ist zunächst, dass in Ungarn schon ( im Gegensatz zu Deutschland) Fußball im Ligensystem gespielt wurde.
Die ungarischen Mannschaften gehörten daher schon in den 20er und 30er Jahren zur Weltspitze. Sowohl im "Mitropapokal", einem europäischen Turnier der Vereinsmannschaften Ende der 20er bis in die 30er hinein, schnitten die ungarischen Mannschaften immer gut ab. Sowohl Ferencvaros Budapest, als auch der Ujpesti FC konnten den Pokal zwei Mal für sich entscheiden.
Bei der Weltmeisterschaft 1938 wurde die ungarische Mannschaft mit ihren Stars Dr. Sarosi und Gyula Zsengeller Vizeweltmeister, verlor aber auch verdient gegen die Italiener.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich besonders bei den Vereinen Honved Budapest (welcher quasi neu gegründet wurde:er war dem ungarischen Sportministerium direkt unterstellt und hatte den Status eines Armeeclubs inne) und MTK Hungaria zeitgleich eine Generation von Spielern, die ihre Vorgänger überragten. Ein Ferenc Puskas debütierte mit 15 bei Honved Budapest und dann 1945 mit 18 auch in der Nationalmannschaft.
Doch erst 1949 erhielt die ungarische Nationalmannschaft die Spielphilosophie, welche sie bis 1957 auszeichnete. Gustav Sebes wurde zum Trainer berufen.

Dieser nominierte bis 1954 beinahe ausschließlich Spieler von Honved und MTK Hungaria , wodurch Nationalmannschaft wegen dieser Blockbildung ( dieser Begriff trifft es am ehesten) sich gut einspielen konnte.  - kurzer Exkurs: Zu jener Zeit hatten Freundschaftsspiele durchaus eine wichtigere Bedeutung als heute- Europameisterschaften gab es nicht, WM Qualifikationen waren nicht so aufwendig wie heute. Insofern wurden Freundschaftsspiele mit höchster Intensität geführt.
Die Bilanz, welche die Ungarn zwischen 1950 und 1954 erreichte, ist daher sehr hoch einzuschätzen: 32 Spiele hintereinander waren sie ungeschlagen. Sie schossen dabei insgesamt mehr als 120 Tore, zudem besiegten sie alle führenden Nationen Europas. Bis zur Weltmeisterschaft 1954 stechen insbesonders 3 Erfolge hervor:   1952 wurde man in Helsinki Olympiasieger ,1953 besiegte man England im Wembley Stadion 6:3. Die Engländer wurden das erste mal in ihrer Fußballgeschichte zu Hause von einer Mannschaft geschlagen (Schottland gelang dies schon früher, man müsste also genauer sagen: eine Mannschaft außerhalb der britischen Insel). 
Doch dass das 6:3 schmeichelhaft war, zeigte sich im "Rückspiel" in Budapest 1954: Endstand: 7:1 für die Ungarn.
(Anekdote: Am gleichen Tag war das Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Der Fc Kaiserslautern, in welchem der Stamm der 1954er Nationalmannschaft spielte, ging mit 1:5 gegen den Underdog Hannover 96 unter).

Was demnächst folgt:  Die revolutionäre Taktik der Ungarn, Die Stars der Ungarn, Die Endspielniederlage 1954
« Letzte Änderung: 04.März 2013, 10:24:56 von Tomminator4real »
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smedhult

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #1 am: 04.März 2013, 06:41:51 »

Sehr schön. Weiter so!  :)
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #2 am: 04.März 2013, 15:36:14 »

Die Frage stellt sich natürlich, wie  und warum die Ungarn diese 4 Jahre so deutlich dominierten. Um das zu verstehen, schauen wir uns zunächst die Stars dieser Mannschaft an:

1. Gyula Grosics  *4.2. 1926


Der Torwart, der wie Oliver Kahn auf 86 Spiele für sein Land kam, gilt vielen als der beste Torwart der 50er Jahre. Seit 1950 bei Honved Budapest spielend, galt er in einer Zeit, als dass Toreschießen weit wichtiger war als das Toreverhindern, als Ausnahmetorhüter. Doch auch fußballerisch war der Keeper begabt, er gilt als Prototyp des mitspielenden Torhüters, er agierte gelegentlich als Ausputzer auf dem Feld. Als einer der wenigen des ungarischen Teams blieb er auch nach dem Ungarnaufstand 1956 seinem Land treu, was ihm allerdings auch einige Zeit im Gefängnis aufgrund angeblicher Spionage einbrachte.

2. Gyula Lorant  *6.2. 1923 - 31.5. 1981


Der spätere Weltklassetrainer machte sich auch als Spieler einen Namen. Als Mittelläufer brachte er es auf 37 Spiele für die ungarische Nationalmannschaft. Er war einer der ältesten Spieler der Aranycsapat und galt insgeheim als der Abwehrchef im Team. Dabei muss ich schonmal vorweg nehmen: die Abwehr der Ungarn war zugleich die größte Schwäche des Teams, keiner der Innenvertdiger kam an die Fähigkeiten eines Gyula Lorant heran. Auch er spielte bei Honved Budapest und erarbeitete sich dort den Ruf des Wadenbeißers im Team.
Er wurde später der erste Trainer , der in Deutschland (bei den Bayern) die Raumdeckung einführte.

3. Jozsef Bozsik *28.11. 1925 - 31.5. 1978


Man soll bei Vergleichen zwischen Fußballern vorsichtig sein, doch bei Bozsik fällt eine Beurteilung leicht. Neben dem Uruguayer Andrade (20er-30er Jahre) gilt Bozsik als der beste rechte Läufer aller Zeiten. Beidfüßig, torgefährlich ( für diese Position ungewöhnlich)  und mit spielgestalterischen Fähigkeiten ausgestattet, war er für das Team unverzichtbar. Mit seinen 101 Länderspielen ist er auch Rekordspieler der ungarischen Nationalmannschaft und gilt neben Ferenc Puskas als bekanntester Spieler von Honved Budapest.

4. Nandor Hidegkuti *3.3. 1922 - 14.2.2002


Der älteste Spieler der Aranycsapat hatte erst mit 30 einen wirklichen Stammplatz in der Nationalmannschaft. Dennoch war er und nicht Puskas, wie Sepp Herberger bemerkt der wichtigste Spieler der Mannschaft. Hidegkuti mag nicht der talentierteste Spieler dieser Mannschaft gewesen sein, dennoch verkörperte er die wohl größte Innovation des ungarischen Fußballs: der verkappte Mittelstürmer. Auch aufgrund der mangelnden Größe (1,79) musste sich Hidegkuti andere Wege als Mittelstürmer suchen. Da auch seine Dribbelfähigkeiten begrenzt waren, ließ er sich bis weit ins Mittelfeld zurückfallen. Dadurch schaffte er in der gegnerischen Abwehr große Lücken, da der gegnerische Mittelläufer, der ihn ständig verfolgte, nicht mehr an seinem Posten war.
Dennoch: in 69 Spielen schoß Hidegkuti 39 Tore, für einen Spielertyp wie ihm eine beachtliche Quote.

5. Zoltan Czibor  *23.8. 1929 - 1.9.1997


Der beste Linksaußen der 50er Jahre war wegen seiner Sololäufe gefürchtet. Gepaart mit seiner Torgefährlichkeit war er schwer für seine Gegenspieler auszurechnen, er passte perfekt in das Kombinationsspiel der Ungarn.

6. Sandor Kocsis *23.9.1929 - 22.7.1979


Das "Goldköpfchen". Der Torschützenkönig der Wm 1954 gilt als einer der besten Kopfballspieler aller Zeiten. Seine Torquote ist sogar besser als die von Gerd Müller: 68 Länderspiele, 75 Tore. Mit einem übernatürlichen Gespür für Tore knipste er auch später den FC Barcelona zu 2 spanischen Meisterschaften.

7. Ferenc Puskas *1.4.1927- 17.11.2006


85 Länderspiele, 84 Tore. 533 Ligaspiele für Honved Budapest und Real Madrid, 512 Tore. Bedenkt man nun, dass Ferenc Puskas ein Halblinker Stürmer war, welcher sich auch durchaus ins Mittelfeld zurückfallen ließ, ist diese Bilanz umso höher einzuschätzen. Puskas gilt als der beste ungarische Spieler aller Zeiten. In einer inoffiziellen Auflistung der besten Fußballer aller Zeiten belegt er den 6. Rang.
Der Linksfuß Puskas war der technisch ausgereifteste Spieler der Magyaren. Vor dem ersten Spiel gegen die Engländer als Moppelchen bezeichnet, war er dort der beste Spieler auf dem Platz. Sein Tor, wo er den Ball elegant mit der Sohle zu sich zurückzieht, dabei den Torwart ins Leere fallen lässt und dann einschießt, ist berühmt.

Man sieht also eine Mannschaft, die mit 7 Weltklassespielern ausgestattet war, von denen einige in den 50er Jahren als unübertroffen gelten. Etwas ähnliches gab es in den 50er Jahren nicht und auch sonst bemüht man sich, im späteren Verlauf eine solche Mannschaft zu finden ( Spanien ist da wohl noch weiter voraus). Um die Dominanz dieser Mannschaft anekdotisch zu belegen, muss ich hier mal was aus Wiki zitieren:
Es kam öfters vor, dass der Verband die versprochenen Prämien nicht auszahlte. So kam es angeblich 1952 im Berner Wankdorf gegen die Schweizer Auswahl bei einem Zwischenstand von 2:0 für die Schweiz zu folgendem Wortwechsel. Puskás rief Trainer Gusztáv Sebes zu: „Guszti, gibt es noch immer kein Geld für den Sieg?“ Aber da Sebes kurz zuvor die Zusicherung für die Siegprämie bekam, sagte er: „Doch, Geld ist da!“ Dann schaltete Ungarn einen Gang hoch und gewann mit 4:2 gegen die Schweiz.
Nun, ob wahr oder nicht, es verdeutlicht den Kern, den ich vorhin angesprochen habe ;)

Was folgt: Das 4-2-4 System und die Endspielniederlage 1954
« Letzte Änderung: 05.März 2013, 18:07:05 von Tomminator4real »
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #3 am: 04.März 2013, 16:40:21 »

Das 4-2-4 System
Kommen wir nun zur Taktik der Aranycsapat. Ich habe eine mit Paint angefertigte Skizze dran gehängt. Dass ich selten mit Paint arbeite, sieht man dort  :laugh: Dennoch erfüllt die Skizze ihren Zweck.
Das 4-2-4 System war ein absolutes Novum. Die herkömmlichen Spielsysteme waren ein 2-3-5 und 3-2-5 System.
Dennoch war das System der Ungarn nicht mit dem 4-2-4 System der Brasilianer ab 1958 zu vergleichen ( dazu vielleicht mal später mehr).
Man sieht zunächst die Läufer nach hinten gezogen. Bozsik und Zakarias agieren fast als linke Verteiger, die Innenverteidiger Buzanszky und Lantos rücken enger zusammen. Trotzdem: die Außenläufer hatten kaum Defensivaufgaben oder anders formuliert: ihre Defensivaufgaben waren nicht anders als in einem 2-3-5 System. Vielmehr holten sie sich die Bälle schon früher in der eigenen Hälfte, um Flankenläufe starten zu können.
Die Aufgabe von Lorant, dem Mittelläufer bleibt unverändert.
Bei Nandor Hidegkuti sieht man, dass das System auf ihn zugeschnitten wurde. Er agiert nicht mehr als Mittelstürmer, sondern ist eher dem heutigen offensiven Mittelfeldspieler ähnlich. er schaffte für die Stürmer Freiräume, schaltete den gegnerischen Mittelläufer aus.
Die Außenstürmer Czibor und Budai berackerten ihre Linien rauf und runter, doch besonders Czibor zog oft nach innen und beteiligte sich am Kombinationsspiel.
Puskas und Kocsis waren zumeist die Vollender. während sich der eine zurückzog, lief er andere nach vorne , ein weiteres Mittel um die gegnerische Abwehr auseinanderzuziehen.
Trainer Sebes sorgte neben der Formation an sich für weitere taktische Neuerungen:
1. Die Ungarn waren die erste Mannschaft, die gezielt Flanken an den kurzen Pfosten spielte. Der Ball war somit nicht mehr lange in der Luft, was dem schnellen Kombinationsspiel entgegenkam.
2. Die Ungarn bildeten beim Spielaufbau konsequent kleine Dreieckskombinationen. Somit gab es immer mehrere Abspielmöglichkeiten, die durch die geringen Entfernungen zwischen den einzelnen Spielern ein schnelles Kombinationsspiel ermöglichten.
3. Das Spiel er Ungarn baute auf eine ungeheure Laufbereitschaft und Schnelligkeit auf. Jeder Spieler war in Bewegung. Puskas fasste dies später folgendermaßen zusammen:

    „Wenn wir angriffen, griff jeder mit an, wenn wir verteidigten war es das Gleiche. Wir waren der Prototyp des totalen Fußballs."

    – Ferenc Puskas

Die Zeit zwischen Pass-Ballannahme-Ballabgabe erreichte Werte, die erst in den 80er und 90er Jahren erreicht wurden (die deutsche Mannschaft von 1972 erreichte gegen die UDSSR und gegen England ähnliche Werte)
Diese Kombinationsgeschwindigkeit halte ich neben der Blockbildung / Eingespieltheit der Mannschaft für das wichtigste Erfolgsrezept dieser Mannschaft. Wenn man der Zeit 30, 40 Jahre voraus ist, so liegt es Nahe, dass die anderen Mannschaften Probleme bekamen, etwas gegen diese Mannschaft auszurichten.

Was Folgt:  Warum verlor man dann gegen Deutschland?   Das Ende der Aranycsapat


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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #4 am: 04.März 2013, 22:32:52 »

Die Endspielniederlage 1954 und das Ende der goldenen Elf

Vorweg gesagt: Die Niederlage im Finale gegen Deutschland, das "Wunder von Bern", war nicht das Ende der Goldenen Elf der Ungarn. Nach dem Finale stellte die Mannschaft eine weitere beeindruckende Serie auf: In 17 offziellen Länderspielen ( plus 3 inoffiziellen) hintereinander blieb man ungeschlagen. 14 (bzw. 17) wurden gewonnen, 3 endeten Unentschieden. Von daher hätte diese Mannschaft wohl auch bei der WM 1958 zu den Favouriten gezählt. Doch der Reihe nach:
Kurz vor der WM 54 gab es unter den Journalisten eine Umfrage, wer Weltmeister wird. Ungarn lag unangefochten auf dem ersten Platz. Deutschland auf Platz 13 (von 16). Wie der Zufall es wollte, waren Ungarn und Deutschland in einer Gruppe, zusammen mit der Türkei und Südkorea. Doch der Gruppenmodus war anders als heute: Pro Gruppe gab es 2 "gesetzte " Mannschaften. Diese mussten gegen die anderen 2 "ungesetzten" und als schwächer eingeschätzte Gegner spielen, traten aber selber nicht gegeneinander an.
In dieser Gruppe waren Ungarn und die Türken gesetzt. Hier nun eine kleine Zusammenfassung der Ungarischen Spiele:

Ungarn - Südkorea:  9:0
Ein in dieser Höhe zu erwartendes Ergebnis. Der Puszta -Sturm spielte sich warm

Ungarn - Deutschland  8:3
Gegen eine Deutsche B-Elf siegten die Ungarn sogar noch schmeichelhaft gering. Allerdings : 3 Gegentore weisen auf Abwehrschwächen hin
Damit war Ungarn mühelos für das Viertelfinale qualifiziert, wo der erste schwierige Gegner wartete: Brasilien

Viertelfinale: Ungarn - Brasilien  4:2
Die "Schlacht von Bern" ging in die Geschichte ein. Es gab 3 Platzverweise (2 Brasilianer und Bozsik) und im Kabinengang ging die Schlägerei weiter. Bozsik war allerdings nicht für das nächste Spiel gesperrt. Ansonsten deutete sich eine weitere Tendenz an: Die Chancenverwertung der Ungarn ließ zu wünschen übrig, doch auch die Brasilianer hatten einige Chancen, das Spiel für sich zu entscheiden.

Halbfinale: Ungarn- Uruguay  4:2 n.V.
War das Viertelfinale schon kräftezehrend genug, so toppte das Vorweg genommene Finale gegen Uruguay dies. Jenö Buzansky , der Innenverteidiger der Ungarn, sagte später: " Wir waren so fertig, dass die Ersatzspieler uns die Schuhe ausziehen mussten. Wir waren zu schwach, um die Schnürsenkel zu öffnen" (Man bedenke: Auswechslungen waren noch nicht erlaubt). Die 120 Minuten in zum Teil glühender Hitze verlangten beide Mannschaften alles ab. Die 2 besten Nationalmannschaften der Welt spielten gegeneinander und nach 90 Minuten stand es 2:2. Uruguay machte den kämpferischeren Eindruck, die Ungarn hatten zum ersten Mal Schwierigkeiten, ihr Spiel aufzuziehen. In der Verlängerung köpfte Kocsis dann zwei mal ein. Es war geschafft.

Finale: Deutschland - Ungarn 3:2
Zum Wunder von Bern gibt es unzählig viele Meinungen. Auch ich habe eine ganz eigene Meinung.
1. Ja, die 120 Minuten im Spiel gegen Uruguay zeigten bei den Ungarn Wirkung, sie konnten nur 70 Minuten lang ihren gewohnten Fußball zelebrieren
2. Ja, sie hatten den Nachteil auf dem nassen Boden mit den normalen Fußballschuhen spielen zu müssen, während die Deutschen mit Hilfe der Schraubstollenschuhe ihre Stollen dementsprechend anpassen konnten.

DENNOCH
Die Ungarn hatten genügend Möglichkeiten, Deutschland vom Platz zu schießen. Doch Toni Turek, welcher schlichtweg das Spiel seines Lebens machte und die starke Leistung der deutschen Defensive in der zweiten Halbzeit verhinderten dies . Die Ungarn waren zu jeder Zeit überlegen, doch rächten sich 4 Dinge:
1. Die Nachlässigkeit im Abschluss
2. Die Vernachlässigung der Defensive
3. Der fehlende Kampfgeist, die physische Unterlegenheit
4. Die frühe 2 Tore Führung ließ Ungarn von der 20.-45. Minute extrem passiv werden. Sie fühlten sich zu sicher. Die deutsche Abwehr war in der ersten Halbzeit nicht stark, die Ungarn hätten schlichtweg nachlegen müssen, doch diese 25 Minuten wurden verschenkt.

Nach der Niederlage forderte man in Ungarn den Kopf des Trainer Sebes, doch die Gemüter beruhigten sich wieder und es kam zu der bereits erwähnten Serie von 20 Spielen ohne Niederlage, die wohl auch weiter angedauert hätte, doch der Ungarnaufstand von 1956 veränderte alles.
Puskas, Kocsis,Czibor verließen das Land.
Lorant, Grosics, Bozsik wurden teilweise inhaftiert, hatten Trainingsrückstand, kurz gesagt: sie fanden ab 1957 nicht mehr zu ihrer alten Form. Bis in die Mitte der 60er Jahre rückten durchaus vielversprechende Talente nach: Lajos Tichy , Florian Albert sind in ähnliche Regionen einzuordnen , hätten in der goldenen Elf durchaus mithalten können. Doch die großen Idole, an denen man sich orientierte, waren weg. Die Begeisterung ebbte ab. Mit der Entlassung Sebes als Nationaltrainer 1957 endete auch die Idee des "totalen" Fussballs.

Nachträge

Es gab in den 50er Jahren noch einen ungarischen Spieler, der schon früh nach Spanien wechselte ( Barcelona) und daher für Spanien spielte und nicht für Ungarn:  Laszlo Kubala.
Er ist mit Puskas auf eine Stufe zu setzen, hätte meiner Meinung nach die Hidegkuti Position noch deutlich phantasievoller interpretiert. Kubala war kompletter als Puskas, im prinzip mit Alfredo di Stefano ( googelt den halt nach xD)   .Torgefährlich auf der einen Seite, technisch brilliant, mit Spielmacherfähigkeiten gesegnet, dazu arbeitete er viel nach hinten mit. Kubala ist immernoch eine Legende in Barcelona.
Links:              Das legendäre 6:3 gegen England:
Langfassung: http://www.youtube.com/watch?v=zMu5_2wHqUo
Kurzfassung: http://www.youtube.com/watch?v=7wdW5p3jd2

Ich Idiot habe beim "Wunder von Bern" noch eine verdammt wichtige Sache vergessen zu erwähnen: Die Ungarn spielten im Finale von Bern NICHT  im 4-2-4 System, sie griffen auf die alte Taktik, einem modifizierten 2-3-5 System zurück. Zudem spielte Czibor auf der für ihn ungewohnten Rechtsaußen-Position, zudem spielte für Budai der relativ unerfahrene Toth.
Zur Formation lässt sich sagen: Ich denke, die Ungarn wollten kein Risiko eingehen, die hatten das gesamte Turnier im 2-3-5 System gespielt, da war keine Änderung nötig (keine Mannschaft schoss in einer WM mehr Tore). Zum wechsel von Czibor auf Rechtsaußen: Für mich schwer nachzuvollziehen, ich habe das 8:3 nicht in voller Länge gesehen, ich könnte mir vorstellen, dass Czibor einfach auf der Rechtsaußenposition sone Art Überraschungsmoment darstellen sollte.



Ich werde demnächst eine Umfrage erstellen, welches Team ich als nächstes vorstellen soll. Zur Auswahl werden stehen: das österreichische Wunderteam der 30er Jahre,    die deutsche Nationalelf 1937-1942 , Brasilien 1958  und Brasilien 1970
« Letzte Änderung: 04.März 2013, 23:19:12 von Tomminator4real »
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #5 am: 04.März 2013, 22:39:11 »


3. Jozsef Bozsik *28.11. 1925 - 31.5. 1978


Bozsik, immer wieder Bozsik - der rechte Läufer der Ungarn. Er hat den Ball... verloren diesmal gegen Schäfer...
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #6 am: 04.März 2013, 22:40:30 »

Ja, den armen hat dieser Ballverlust bis an sein Lebensende verfolgt. Auch Grosics hat bis heute Alpträume von Rahns Tor.
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #7 am: 04.März 2013, 22:41:15 »

Sehr toller Thread übrigens! Weiter so!
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aragorn99werder

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #8 am: 04.März 2013, 22:49:42 »

"Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn - den Ball - verloren diesmal gegen Schäfer..."
"Toni, du bist Gold Wert - Toni, du bist ein Fußballgott..."
"Immer wieder geht der Blick zur Uhr hier im Berner Wankdorf Stadion - geh doch schneller, geh doch schneller! Aber sie tut es nicht..."

Mann hast du mir gerade Bock gemacht, mir die O-Ton Aufnahmen mal wieder anzuhören!  ;D
Super Projekt von dir!!!!!!

Edit: oh, Heidelberg hatte wohl ähnliche Gedanken   ;)
« Letzte Änderung: 04.März 2013, 22:51:22 von aragorn99werder »
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #9 am: 04.März 2013, 22:53:24 »

Was jetzt Brasilien '72 oder '70.
Naja wird das gelcihe sein. Brasileine '72 vermutlich der beste Fu0ßball, der je gezeigt wurde. Für mich allerdings keine "fast vergessene Mannschaft"
Trotzdme fällt meine Stimme auf die. Die Österrreicher der 30er waren ja auch das Nonplusultra. Schalke hats erfolgreich geklaut und war dann auch jedes Jahr deutscher Meister :D
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Tankqull

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #10 am: 04.März 2013, 22:54:29 »

Sehr toller Thread übrigens! Weiter so!
Dem kann ich mich nur anschließen!
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #11 am: 04.März 2013, 22:56:41 »

Hab für Österreich gestimmt, über die weiß ich am Wenigsten bisher - vielleicht lern ich noch was ;)

Klasse Thread!
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Stefan von Undzu

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #12 am: 04.März 2013, 22:59:32 »



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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #13 am: 04.März 2013, 23:19:59 »

Was jetzt Brasilien '72 oder '70.
Naja wird das gelcihe sein. Brasileine '72 vermutlich der beste Fu0ßball, der je gezeigt wurde. Für mich allerdings keine "fast vergessene Mannschaft"
Trotzdme fällt meine Stimme auf die. Die Österrreicher der 30er waren ja auch das Nonplusultra. Schalke hats erfolgreich geklaut und war dann auch jedes Jahr deutscher Meister :D
Ist korrigiert  :laugh:, natürlich meine ich 1970,danke!

Auch vielen Dank für das positive Feedback :)


Edit: Vielleicht interessiert euch, was die 4 Mannschaften in meinen Augen so interessant macht. Deshalb ne ganz ganz ganz kurze Darstellung:
Österreichisches Wunderteam:  hier sagt der Name denke ich alles.
Brasilien 1958:  viele halten diese Mannschaft aufgrund ihrer Taktik für die "Urformation des modernen Fußballs"
Deutschland 1937-42: "Breslau Elf" und die Übernahme der österreichischen Nationalmannschaft
Brasilien 1970:  In einem Film wurde die These erwähnt, dass diese Mannschaft die beste Nationalmannschaft aller Zeiten sei ( nach Spanien , wie man wohl hinzufügen muss)
« Letzte Änderung: 04.März 2013, 23:26:35 von Tomminator4real »
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #14 am: 04.März 2013, 23:28:42 »

Sehr schöne Analyse bisher! Nur eine kleine Anmerkung: Leg deine Ergüsse nach dem schreiben beiseite und les sie ein paar Stunden oder einen Tag später nochmal durch. Manchmal hast du riesige Sprünge oder nur halbe Sätze drin, grade im letzten Absatz fiel mir das vermehrt auf, das stört auf dauer doch etwas den Lesefluss.

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #15 am: 04.März 2013, 23:30:32 »

Werde ich tun! danke für den Hinweis ;)
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #16 am: 04.März 2013, 23:35:58 »

Ich freue mich auf Sindelar, den Papierenden.

Vielleicht weisst Du ja auch ein wenig von GreNoLi.
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #17 am: 04.März 2013, 23:39:12 »

Ich plane in der Tat noch die Rubrik (fast) vergessene Stars, wo Sindelar den Anfang machen würde. Allerdings muss ich da auch schauen was Youtube hergibt, besonders ab 1945 und älter wirds schwierig.
Zu GreNoLi : vielleicht bietet sich die Möglichkeit,wenn ich demnächst Vereinsmannschaften in Angriff nehme :) . Ich vermerk mir mal den Ac Milan Anfang der 50er ;)
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #18 am: 04.März 2013, 23:40:54 »

Ziemlich fantastisch, was du da so zusammenschreibst. Bin beeindruckt. :)
Als nächstes Thema hoffe ich auf die Brasilianer, die waren Anfang der 70er hochinteressant, auch wenn mein Liebling 'Alegria do Povo' nicht mehr dabei war.
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #19 am: 04.März 2013, 23:50:20 »

Ich vermisse "Italien 1982" in der Umfrage aber ansonsten eine sehr toller Thread! :)
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