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Autor Thema: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften  (Gelesen 54293 mal)

Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #40 am: 27.März 2013, 22:40:15 »

Danke Bodylove :)   Als nächstes werde ich in der Tat Italien nehmen. Dabei werd ich dann natürlich die 30er Jahre Jahre behandeln und denk noch drüber nach, wie ich den Catenaccio damit verbinden kann.  :laugh:
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #41 am: 28.März 2013, 00:00:03 »

Dabei werd ich dann natürlich die 30er Jahre Jahre behandeln

Daran erinnert sich Body auch noch sehr gut. :P


Mir gefällt das auch sehr gut, was du hier machst. Klasse! :)
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #42 am: 28.März 2013, 08:06:13 »

Sehr guter Thread, man lernt hier wirklich sehr viel dazu. Über die Nationalelf zur Hitlers Zeiten wusste ich z. B. garnichts. Sehr interessant und auch extrem lesenswert. Danke für diesen Thread und auch den Parallelthread zu den (fast) vergessenen Stars, der diesem hier um nichts nachsteht. ;)
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #43 am: 31.März 2013, 16:59:00 »

Was demnächst folgt:"Metodo" und "Catenaccio" - Italien als Trendsetter einer Fußballrichtung

Danach geplant sind: Brasilien 1958 - die "Mutter" aller modernen Formationen
                             Viktor Maslow, "Vater des modernen Fussballs", Totaalvoetbal: eine Interpretation der Maslower Idee
                             
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #44 am: 31.März 2013, 18:45:36 »

Weiterhin gute Arbeit. Wer Inverting the Pyramid gelesen hat "lernt" allerdings leider wenig Neues bisher.
Trotzdem interessant zu lesen.
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #45 am: 31.März 2013, 19:20:16 »

Das stimmt, in der Tat. Ich will aber erstmal die wichtigsten "Revolutionen" nahebringen. Handwerkszeug halt, damit der Leser dann seine gewonnenen Kenntnisse auf andere Mannschaften anwenden kann  :laugh: Mir kommen bei Inverting the Pyramid nämlich son paar Vereinsmannschaften zu kurz. Die will ich dann nach den 3 Punkten nachholen. ( geplant wären dann sowas wie AC Milan 1948-53 , Dresden 1943-44 ,die schottischen Mannschaften in den 60ern)
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smedhult

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #46 am: 01.April 2013, 23:22:39 »

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #47 am: 01.April 2013, 23:48:25 »

Ich bin zutiefst schockiert. Als ich vor 3 Jahren in Irland war und ich mal eine Nacht mit zwei Iren durch die Pubs gezogen bin, hatte mir einer erzählt, dass die Deutschen grüne Auswärtstrikots tragen (bzw. auch in der Vergangenheit schon trugen), weil Irland die erste Nation war, die nach dem Weltkrieg gegen Deutschland gespielt hat. Mittlerweile habe ich das auch als Anekdote schon mehreren Leuten erzählt, und nun stimmt das nicht!?  :'(
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #48 am: 01.April 2013, 23:51:51 »

Tja, wie man sieht...  Über das grüne Auswärtstrikot müsste ich mal recherchieren wegen der Farbe, das Heimtrikot dagegen ist ja ziemlich eindeutig ;)
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Emanuel

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #49 am: 02.April 2013, 00:02:06 »

Meine (zugegebenermaßen nicht gründliche) Recherche lässt mich zu dem Schluss kommen, dass das grüne Auswärtstrikot einfach aus dem Grund grün ist, da grün nunmal die Farbe des DFB ist. Das erste Auswärtstrikot war übrigens schwarz. 1898 spielte eine Auswahl in Paris gegen Frankreich, allerdings wird das Spiel nicht in den offiziellen Listen des DFB aufgeführt.
Weshalb auch immer...
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #50 am: 02.April 2013, 00:15:30 »

Es gab auch sogenannte Ur-Länderspiele gegen England Anfang der 1890er Jahre. Warum die nicht aufgeführt sind? Nun, der DFB wurde erst 1900 gegründet  :police:

Jo, das schwarze Auswärtstrikot machte auch am meisten Sinn ;) Heimtriko weiß, auswärtstrikot schwarz. Guter Kontrast und trotzdem die Farben des Kaiserreiches berücksichtigt ^^.
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #51 am: 04.April 2013, 14:26:53 »

"Metodo" und "Catenaccio" - Made in Italia

Die taktischen Finessen der beiden Systeme sind von "Inverting the pyramide" teilweise stark übernommen. Dies gilt auch teilweise für die beiden Themen, die danach folgen. Dennoch will ich versuchen, gewisse andere Aspekte miteinfließen zu lassen, die Wilson vielleicht nicht erwähnt oder nur anreißt, man wird sehen.

Ähnlich wie in den Donaustaaten Österreich und Ungarn war auch der italienische Fußball schon sehr weit entwickelt: Es gab eine Profiliga, die Spielerausbildung war hervorragend und so gehörte die italienische Nationalmannschaft schon ab den 20er Jahren zu den stärksten Europas. Doch Moment -   Italien 20er bis 30er? Zeitalter des Faschismus? Wie war dort eine Profiliga möglich, in Deutschland klappte dies unter den Nazis doch auch nicht? Nun, anders als Hitler erkannte Mussolini die Wichtigkeit des Fußballs in Italien und nutzte ihn als Repräsentation seines stolzen Regimes. Italien bemühte sich stark um die Ausrichtung einer WM im eigenen Land und bekam diese Möglichkeit auch 1934. Bis zur WM 34 war bereits die Nationalmannschaft taktisch fertig ausgebildet.

Der  Trainer der italienischen Nationalmannschaft war Vittorio Pozzo.


Er verbrachte einige Jahre in England und diese sollten Einfluss auf sein taktisches Konzept haben.
Zurück in Italien versuchte er einen Mittelweg aus dem alten 2-3-5 System und dem englischen WM-System zu finden, und zwar aus praktischen Gründen: Die Topspieler Italiens waren auf der einen Seite technisch besser als die Engländer, quirliger und auch egoistischer. Auf der anderen Seite waren sie aber auch körperlich robuster als die Österreicher und auch konditionell stärker.
Hätte Pozzo also auf das 2-3-5 zurückgegriffen, wäre er Fußball wohl nicht so fließend geworden wie beim österreichischen Wunderteam;  Das WM- System 1 zu 1 zu übernehmen war von vornherein ausgeschlossen, da die taktische Disziplin, die Chapmans FC Arsenal hatte, niemals in einer Nationalmannschaft zu halten gewesen wäre . Italien hätte also das gedroht, was mit Ausnahme von Arsenal und England allen Nachmachern des WM- Systems gedroht hätte: entweder ein extrem lückenhaftes System mit Defensivschwächen oder ein total statisches Aufbauspiel.

Doch Pozzo erkannte dies und kreierte eine Art Mittelweg, den "Metodo":


Dies wird die letzte Taktik dieser "Qualität" sein, ich habe für die nächsten Themen eine neue Idee, um euch die Taktik visuell besser und vor allem richtiger darzustellen.
Zum Thema:  Auf dem ersten Blick sieht der Metodo wie ein normals 2-3-5 System aus, doch eine kleine Besonderheit gibt ihm eine ganz eigene Note.    Der Mittelläufer spielt eher zurückhängend, quasi direkt vor der Abwehr. Eigentlich wollte Pozzo, ähnlich wie Chapman beim FC Arsenal, einen Mittelläufer, der das Spiel aufbauen kann mit tiefen Pässen auf die Flügel. Wenn er über einen solchen verfügt hätte, wär wohl nur kurz später ein funktionierendes WM-System möglich gewesen.
Leider hatte Italien einen solchen Spieler nicht, generell sah es , was den Mittelläufer betraf sehr düster aus.
Doch 1931 unterzeichnete Luis Monti einen Vertrag bei Juventus Turin. Monti war Mittelläufer der argentinischen Nationalmannschaft im WM-Finale 1930, als man gegen Uruguay unterlag.

Monti hatte aber auch italienische Vorfahren, was es ihm möglich machte, auch für Italien auflaufen zu dürfen ( dies war noch bis in die 60er so möglich- Beispiel Puskas, der die spanische Staatsbürgerschaft annahm und so noch bei der WM 1962 für Spanien auflief).
Pozzo bediente sich dieser Möglichkeit auch bei einigen anderen Spielern.
Monti entsprach eigentlich gar nicht Pozzos Vorstellungen eines Mittelläufers. Er zählte schon 31 Lenze, war übergewichtig. Trotzdem ist Monti der beste Mittelläufer vor 1945. Er ist im Prinzip der Prototyp des modernen defensiven Mittelfeldspielers, vom Spielertyp her ist er wohl am besten mit Gennaro Gattuso zu vergleichen, zumindest wenn der Gegner im Ballbesitz war. Monti machte die Räume eng und räumte alles ab, was in seine Nähe kam.
Wenn seine Mannschaft allerdings im Ballbesitz war, schaltete sich Monti auch vorn ein. Er war also Dreh- und Angelpunkt des Angriffsspiels, also immer anspielbar und stets Bälle verteilend. Das hört sich dann doch nach einem englischen Mittelläufer an, aber: Wie gesagt war Monti nicht der schnellste und zudem verteilte er keine langen Bälle, sondern einfache, kurze Pässe.
Doch der Metodo von Pozzo hatte eine weitere Besonderheit, die die taktische Grafik sehr schön darstellt. Die Halbstürmer spielten zurückgezogen. Solch defensive Halbstürmer gab es nirgendwo sonst, denn sie unterstützten teilweise die Außenläufer ( beachte: Außenläufer, nicht Außenstürmer). Pozzo nahm dabei keine Rücksicht auf die individuellen Vorlieben seiner Halbstürmer, sie mussten sich seiner Taktik unterordnen. Das ist der Unterschied: Während in Italien die zurückgezogenen Halbstürmer aus rein taktischen Gründen so spielten, waren es beispielsweise bei Arsenal die individuelle Spielweise der Halbstürmer, die sich eben aus eigenem Ermessen zurückfallen ließen.
Kommen wir nun zu den 2 Weltmeistertiteln, die dieses System Italien bescherte. Vorweg gesagt: die WMs 1934 und 1938 sind miteinander nicht annährend zu vergleichen. Auch das Italien 1934 hatte mit dem Italien 1938 nicht mehr allzuviel zu tun.
Die WM 1934 ist die wohl korrupteste Weltmeisterschaft im Fußball gewesen. Ob Italien auch ohne die Mithilfe der Schiedsrichter Weltmeister geworden wäre---- schwer zu sagen, vermutlich schon. Jedenfalls war das Viertelk- Halb- und Finale von fragwürdigen Schiedsrichterleistungen begleitet, und es gilt als erwiesen, dass zumindest die Schiedsrichter der ersten beiden genannten Spiele von Italien gekauft waren. Wie dem auch sei: Die Wm-Mannschaft 1934 von Italien war sicher gut, sie ließ extrem wenige Chancen zu. Das österreichische Wunderteam schoss im Halbfinale die ersten 40 Minuten nicht ein Mal aufs Tor, Monti nahm Sindelar schlichtweg die Luft zum atmen. Das Finale dagegen war eine Karikatur: Die Tschechoslowakei beherrschte das Spiel 80 Minuten lang und ging auch in der 76. Minute in Führung, doch in der 81. Minute fiel der Ausgleich. Ob es nun nötig war, 8 Minuten nachzuspielen, ist eine andere Frage, jedenfalls gewann Italien durch ein Tor in der 97. Minute.
Im gleichen Jahr kam es zum vielleicht größten Spiel vor 1945, zumindest von der Konstellation her: Italien gegen England, die beiden besten Mannschaften der Vorkriegszeit gegeneinander. Italien ging in der ersten Halbzeit unter: 0:3 . Grund dafür war die taktische Disziplinlosigkeit der Mannschaft - es zeigte sich nunmal der schwierige Spagat des Metodo: hielten sich die Spieler an die Vorgaben, war Italien fast unbezwingbar, das defensive System war das wohl beste seiner Zeit. Doch erwischten die Spieler einen schlechten Tag, war der Metodo ein extrem löchriges System gegen taktisch ausgezeichnete Gegner, die auch noch physisch ein ganz anderes Niveau mitbrachten. Letztendlich ging das Spiel 2:3 aus, weil sich die Italiener in der 2. Halbzeit nicht auf die Beine der Gegner, sondern auch mal auf das gegnerische Tor zustürmten.
Ich persönlich frage mich, wie wohl ein solches Spiel 4 Jahre später ausgegangen wär, denn:   der Weltmeistertitel Italiens 1938 war eine ganz klare Sache, die italienische Mannschaft 1938 war auch personell gesehen nochmal deutlich stärker als 1934.
Die auf einer stabilen Defensive aufbauende Mannschaft kam nie wirklich in Bedrängnis. Was noch dazukam, war Schnelligkeit, Physis und Dynamik. Der Donaufussball der Ungarn ging im Finale ganz traurig unter.
Zum Schluss will ich noch die wichtigsten Spieler des Metodo euch noch vorstellen (Monti habe ich euch bereits näher gebracht).
Tor:
Gianpiero Combi 1934,  Aldo Olivieri 1938


Combi und Olivieri wären , wenn sie sich zu einer Person vereinigt hätten, wohl der perfekte Torhüter geworden.
Combis stärken lagen klar auf der Linie. Seine Paraden waren lehrbuchreif, doch wagte er sich selten , die Torlinie zu verlassen.
Combis Nachfolger Aldo Olivieri war komplett anders. Auch er war auf der Linie sicher ein guter Torwart, doch machten ihm eher seine Fähigkeiten beim Herauslaufen berühmt. Selbst ein Schädelbruch , ausgelöst eben durch einen Zusammenprall mit einem gegnerischen Stürmer, hielt ihm nicht davon ab, weiterhin alles zu riskieren , um den Ball zu sichern. Olivieri bekam für seine Risikobereitschaft daher den Spitznamen "Kamikazeflieger".

Abwehr:
Umberto Caligaris

Leider habe ich kein Foto mit seinem Markenzeichen gefunden. Caligaris spielte stets mit einem weißen Stirnband. Obwohl er an den WM Titeln Italiens wegen seines forgeschrittenen Alters kaum einen Anteil hatte ( 1934 spielte er nur 1 mal, 38 gar nicht) muss ich ihn erwähnen, denn: Caligaris ist zusammen mit dem Engländer Eddie Hapgood der beste Verteidiger der Vorkriegszeit. Caligaris war ein ganz besonderer Verteidiger, denn er war seiner Zeit wohl 30-40 Jahre voraus. Caligaris erfand den Scherenschlag, um Bälle zu klären oder generell weiterzugeben. Caligaris war kein beinharter Innenverteidiger á la Hapgood, sondern zu seinen Stärken gehörten seine Technik und seine Schnelligkeit. Prinzipiell wär Caligaris wohl ein vortrefflicher Libero geworden. Zu seinen Glanzzeiten galt  er auf der linken Abwehrseite als unbezwingbar.

Läuferreihe: wie bereits vorgestellt, Luis Monti.
Sturmreihe:
Raimundo Orsi

Auch Orsi war wie Monti eigentlich Argentinier, der dann aber nach Italien wechselte und schließlich Nationalspieler wurde. Orsi war Linksaußen und von der Spielweise mit Cliff Bastin vergleichbar: schnell, technisch hervorragend und torgefährlich. Orsi ist wohl hinter Bastin als bester Linksaußen der Vorkiegszeit einzustufen.

Silvio Piola

Silvio Piola wird noch heute in Italien vergöttert. Er ist immernoch Rekordtorschütze der Serie A, gilt als bester Mittelstürmer, den Italien je hervorgebracht hat. Silvio Piola war zum einen Knipser, zum anderen aber auch technisch für einen Mittelstürmer extrem gut ausgebildet. Sein Markenzeichen war der Fallrückzieher, mit dem er nicht selten seine Tore erzielte.

Doch es gibt einen italienischen Spieler, der die bereits genanntn überragen sollte, auch weil er sowohl 1934, als auch 1938 entscheidenden Anteil an den Titeln hatte:

Giuseppe Meazza

Wenn nach einem Spieler das größte Stadion Italien benannt ist, sagt dies wohl alles über ihn aus. Meazza gilt bis heute als beste italienischer Fußballspieler aller Zeiten. Meazza war eigentlich gelernte Mittelstürmer, doch Pozzo brauchte ihn als Halbstürmer und Meazza fügte sich dem Wunsch des Trainers. Doch dies machte Meazza nur kompletter: Neben seiner beeindruckenden Dribbeltechnik ( die Sololäufe von Meazza waren berüchtigt) , seiner starken Schusstechnik und seiner Schnelligkeit kamen als Halbstürmer noch Spielübersicht und Spielmacherfähigkeiten hinzu. Letztlich konnte Meazza auf allen 5 Positionen im Sturm eingesetzt werden und ist deshalb in die Top 5 Spieler der Vorkriegszeit einzuordnen.

Nun, wie ging es mit dem "Metodo" weiter? Pozzo blieb noch bis über den Krieg hinaus Italiens Nationaltrainer und es entwickelte sich nach 1938 eine Spielergeneration, die nicht weniger talentiert war. Das Problem: sie manifestierte sich in einem einzigen Verein, dem AC Turin. Bei einem Flugzeugabsturz 1949 kam fast die gesamte Mannschaft ums Leben, was für über 10 Jahre das Ende für die italienische Nationalmannschaft bedeutete. Erst Anfang der 60er sollte Italien zurückkommen, zunächst auf Vereinsebene, mit dem wohl umstrittensten Spielsystem der Fußballgeschichte, dem Catenaccio.
Dazu demnächst mehr :)



« Letzte Änderung: 04.April 2013, 14:33:09 von Tomminator4real »
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #52 am: 09.April 2013, 01:29:03 »

Catenaccio - Das unschöne Spiel?

Der Catenaccio hat ein schlechtes Image. Viele verbinden mit ihm ein ultradefensives, ultravorsichtiges und statisches Spiel.
Aber: Catenaccio ist nicht gleich Catenaccio.
In diesem Kapitel werden mitunter verblüffende Fakten vorkommen. In "Inverting the pyramide" sind diese gut dargestellt, ich persönlich will den Catenaccio aber noch mit zwei anderen Themen verbinden: zum einen kommt ein ganz kurzer quervergleich zum englischen WM-System, zum anderen eine kleine Vorschau für das nächste Thema: der Libero.
Der Großteil soll sich aber mit "la grande Inter" beschäftigen, welche den Catenaccio in erfolgreichster und in meinen Augen auch in attraktivster Weise spielten.
Daher nur kurz zu den Ursprüngen des Catenaccio ( übersetzt heißt das soviel wie "Riegel").
Auf jeden Fall ist es richtig, dass der Catenaccio das Ziel verfolgte, aus einer kompakten Defensive heraus zu agieren. Allein diesen Gedanken lohnt es sich zurückverfolgen, macht er doch einen kleinen Beitrag zum modernen Fußball aus. Die ersten Systeme, die das Ziel hatten, Tore zu verhindern, bzw. diesem oberste Priorität schenkten, waren zum einen der "Metodo", der Italien 1934 und 38 den Weltmeistertitel brachte und zum anderen der "schweizer Riegel" , mit welchem die Schweiz bei der WM 38 die deutsch-österreichische Mannschaft aus dem Turnier warf.
Beide Systeme waren lediglich modifizierte Fassungen des 2-3-5 bzw. WM-Systems.  Dies ist beim Catenaccio ähnlich, er war von der Grundformation ein modifiziertes 4-2-4 .
Ähnlich wie in einem späteren Thema,  hat auch der Catenaccio einen "Erfinder", nämlich den Italiener Gipo Viani, Trainer von Salernitana Calcio, einem zu dieser Zeit in der zweiten italienischen Liga spielenden Verein.
Allerdings: wie gesagt, Catenaccio ist nicht Catenaccio. Viani baute sich den Catenaccio aus dem WM-System zusammen, während es später Herrera bei Inter Mailand aus dem 4-2-4 aufbaute.
Viani machte folgendes: Er ließ den mittleren Verteidiger noch weiter hinten als Ausputzer und einen Außenläufer in die Verteidigung zurückfallen, zudem stand das Team sehr tief.
Das System erwies sich als effektiv, man stieg mit den mit Abstand wenigsten Gegentoren in die erste Liga auf, allerdings auch sang-und klanglos wieder ab. Das System wurde trotzdem bei kleineren Vereinen in italien extrem populär, die Änderungen des WM Systems waren aber von Verein zu Verein unterschiedlich. Ich spreche übrigens über die Jahre 1947- 1952.
Inter Mailand war dann der erste richtige Top-Verein , der den Catenaccio interpretierte. Der Rechtsaußen (!) wurde bis hinten in die rechte Verteidigung zurückgezogen, um den gegnerischen Linksaußen zu decken, während der eigentliche rechte Verteidiger Blason in die Ausputzerposition rückte.  Viele meinen, er sei der erste Libero gewesen, ich dagegen bin da anderer Meinung, aber das möchte ich erst im Exkursthema "der Libero" näher erklären.
Jedenfalls erzielte dieses Inter 1952/53 in 34 Spielen nur 46 Tore, wurde aber Meister. Diese Inter-Mannschaft ist nicht zu verwechseln mit dem "grande Inter", zu welchem ich noch kommen werde. Hinsichtlich der Attraktivität war der Fußball nicht wirklich ansehnlich, besonders zu einer Zeit, die doch immernoch von torreichen Spielen geprägt war ( WM 1954, Wm 1958- schaut euch mal die Ergebnisse an) und widersprach auch einfach der Einstellung zum Spiel ( dazu komm ich noch in der Nachbetrachtung).

Doch nun kommt etwas, was die Kritiker des Catenaccio wohl irgendwie vergessen haben müssen. Es gab nämlich auch eine, ich sage mal, "torgefährliche" Catenaccio Variante, verkörpert durch den AC Milan und Inter Mailand in den 60ern.
Ich denke, dass dies mit dem 4-2-4 System zutun hat, was sich rasend schnell verbreitete, doch dazu demnächst mehr.
Auf jeden Fall Lügen die Zahlen nicht. Nereo Rocco, Trainer des AC Milan ab 1961, gewann mit seiner Mannschaft 1963 den Europapokal der Landesmeister, also den Vorgänger der Champions League und löste den 2-fachen Seriensieger Benfica Lissabon ab.
Es war ein Krieg der Systeme: der als Unart verpönte Catenaccio setzte sich gegen das Offensivfeuerwerk von Benfica-Trainer Béla Guttmann durch. Wobei der AC Milan auch ein Offensivfeuerwerk in der Serie A entfachte: Trotz (oder gerade mit?)  Catenaccio schoss man in der Meistersaison 1961/1962 in 34 Spielen sagenhafte 83 Tore. Das waren über 20 mehr als die zweittorreichste Mannschaft  vom AS Rom. Dennoch war auch Roccos System typisch "normal-Catenaccio", da seine Mannschaft auch für die körperliche Härte berühmt war und einige "Schlachten" auf dem Spielfeld entfachte.

Doch der Krieg auf dem Spielfeld hatte noch eine Verschärfung vor sich , und zwar durch das "grande Inter" unter Helenio Herrera.

Es gilt als berühmtestes Catenaccio-System und auch in meinen Augen trotz seiner Härte auch als schönstes und innovativstes. Ich will nicht über Herrera als Menschen sprechen, über seinen angeblich teuflischen Charakter, über Doping-Gerüchte des Inter-Teams. Das gehört dazu und ist auch wichtig zu erwähnen, aber ich habe keine Lust mir das Spielsystem Inters dadurch kaputtreden zu lassen.
Wichtig ist zu wissen, dass Herrera kein Italiener, sondern Argentinier war. Auch die argentinischen Mannschaften waren wegen ihrer körperlichen Härte gefürchtet, es liegt daher Nahe, dass Herrera dies mit übernommen haben wird.
Wichtig ist ebenfalls zu wissen, dass Herrera vor seiner Stelle bei Inter nicht unbedingt als Defensivfanatiker geglänzt hatte, war er doch Trainer vom FC Barcelona gewesen, eine Torfabrik Ende der 50er Jahre  (96 Tore in 30 Spielen 1958/59, 86 ein Jahr später). Er wurde dort nach dem Halbfinal-aus gegen Real Madrid im Europapokal der Landesmeister gefeuert und heuerte bei Inter Mailand an, wo er zunächst die Disziplin deutlichst verschärfte.
In seiner ersten Saison wurde Inter dritter, zeigte aber mit 73 erzielten Toren, dass es wie der Stadtrivale den Catenaccio mit Torgefahr verbinden konnte. Allerdings war es noch nicht das richtige Catenaccio-System, dieses kam erst in der nächsten Saison zum Einsatz und dies möchte ich euch detailliert vorstellen und habe mir bei der Visualisierung was ausgedacht :D
Ich bitte euch nur die Formation anzuschauen, die linke Seite ist uninteressant, da ich dort nix verändert habe.


Der FM kann dieses System nicht ganz perfekt abbilden, dennoch halte ich diese Darstellung für die beste. Zunächst muss ich mich allerdings für den Fehler entschuldigen, bitte denkt euch Burgnich als rechten Innenverteidiger ( der aber auch bei Bedarf nach außen auswich, wenn sich Bedin zurückfallen ließ).
Nun, was fällt auf? Wir sehen hier eine abenteuerliche Interpretation eines 4-2-4 Systems. Das kann man allerdings über jede Aufstellung der modernen Zeit sagen, aber diese ist nun wirklich relativ einmalig.
Ich werde euch einige Spieler zum Ende noch vorstellen, ich werd aber in der taktischen Erklärung vieles vorweg nehmen. Die Bildchen zu den Spielern kommen also später ;)
Zunächst haben wir auf der Ausputzerposition Picchi. Picchi ist der Nutznießer von Herreras erster Umstellung. Er nahm aus dem zweier-Mittelfeld einen Spieler heraus und stellte ihn auf die Ausputzerposition. Picchi machte aber nicht nur Ausputzer-Arbeit, sondern eröffnete mit gezielten langen Bällen das Spiel- die Eigenschaft eines "defensiven " Liberos ( wie gesagt, dazu kommt ein Exkurs nächstes Mal). Guameri und Burgnich waren normale Innenverteidiger, jeder deckte den ihm zugewiesenen Gegenspieler gewissenhaft (ich brauche nicht zu erwähnen, dass dieses System auf Manndeckung aufbaute.) . Kommen wir nun zu der in meinen Augen prägendsten Veränderung: Betrachten wir dazu den Linksverteidiger Facchetti und den Rechtsaußen Jair. Dieser Jair war ein Tornante. Dies war ein Rechtsaußen, der sich extreeeeeem weit zurückfallen ließ, um zum einen zu verteidigen ( was er nicht gut konnte), aber auch um sich die Bälle aus der Tiefe zu holen. Er war aber damit eine weitere Absicherung in der Defensive, allein durch seine Präsenz. In meiner FM-Skizze müsste Jair daher eigentlich die Aufgabe "Verteidigen" haben, während man Facchetti, den Star der Mannschaft nicht offensiv genug darstellen könnte. Facchetti ist eigentlich gelernter Stürmer, der aber in die linke Verteidigung gezogen wurde. Er sollte dann nach vorne stürmen und nach innen ziehen und zum Torabschluss kommen. Sogesehen ist dies die wohl offensivste Interpretation des Linksverteidigers in der Fußballgeschichte.
Wie war das aber möglich, dass ein Linksverteidiger den Platz bekommen sollte, sogar den Torabschluss zu versuchen? Neben Facchettis individuellen Fähigkeiten half ihm der Linksaußen Corso, der Freiräume schuf. Durch einen Doppelpass mit Facchetti war Letzterer dann meist frei durch und konnte abschließen. Bedin war schlichtweg ein Abräumer vor der Abwehr, der erste defensive Mittelfeldspieler eines 4-2-4 Systems. Suarez das Hirn der Mannschaft. Er bediente die Spitzen Mazzola ( hier als OM dargestellt, eigentlich war er eine hängende Spitze, wollte ihn aber von Peiro auch räumlich trennen) und Peiro mit langen Bällen.
Diese Taktik brachte dem "grande Inter" die Ligasiege 63,65 und 66 ein, zudem gewann man den Europapokal der Landesmeister 1964 und 1965.
1967 wurden dem Catenaccio dann die Grenzen aufgezeigt, als Herreras Inter gegen Celtic Glasgow im Finale dieses Wettbewerbs verlor.Celtic zeigte, dass das offensive, das typische 4-2-4 eine Zukunft hatte, auch weil Inter für sein Catenaccio-System nicht mehr über die geeigneten Spieler verfügte und auch weil der "moderne Fußball" seinen Anfang machte- dazu dann später mal mehr.
Da ich nciht weiß, wie viele Zeichen noch gehen, fahr ich im nächsten Artikel weiter fort.


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« Antwort #53 am: 09.April 2013, 02:01:27 »

Catenaccio - Vorstellung der Inter-Spieler, Nachbetrachtung

Herausragende Spieler des "grande Inter"

Armando Picchi


Picchi war Kapitän der Intermannschaft und hatte , wie bereits erwähnt, die Ausputzerposition inne. Er brachte es nur auf 12 Länderspiele- auch weil er nach nur 4 Jahren Weltklasse seine Fußballkarriere 1968 beenden musste. Picchi war eines der ersten Opfer von Herreras disziplinarischen Maßnahmen; nach einem Disput musste er Inter 1966 verlassen.

Giacinto Facchetti

Giacinto Facchetti ist wohl Italiens bester Fußballer der 60er und 70er Jahre. Der zum Linksverteidiger umfunktionierte Stürmer war schnell, technisch brilliant und auch sonst komplett. Viele sehen in ihm den besten Linksverteidiger aller Zeiten und das tue ich auch. Facchetti war Kapitän der italienischen Nationalmannschaft und gewann mit ihr 1968 die Europameisterschaft und wurde 1970 WM-Zweiter gegen die zu der Zeit wohl beste Nationalmannschaft aller Zeiten.

Luis Suarez

Herrera brachte den Spanier von Barcelona zu Inter Mailand mit. Suarez war schon zu der Zeit einer der besten Spieler der Welt, wurde 1960 Europas Fußballer des Jahres. Der Transfer von Barca zu Inter war ein Weltrekord, was die Ablösesumme betraf (142 000 Pfund) . In Inter war seine Rolle als Spielmacher mehr gefragt als seine Torgefährlichkeit, die ihn besonders in der Nationalmannschaft und bei Barca auszeichnete.

Sandro Mazzola

Sandro Mazzola gilt als einer der beliebtesten italienischen Spieler. Der eher als Stürmer, aber auch oft im Mittelfeld agierende Turiner (!) , der seine gesamte Karriere bei Inter blieb, war technisch einer der besten Spieler, die Italien je hatte.


Nachbetrachtung
Der Catenaccio mag wegen seiner Härte, seiner defensiven Grundidee verhasst sein, doch hat er auf Vereinsebene die 60er Jahre dominiert. Er war aber trotzdem ein rein italienisches Phänomen. Die italienische Nationalmannschaft sollte den Catenaccio lange spielen, etwa bis 1990 (1994?) war er Grundbaustein des italienischen Spielverständnisses. Dabei hing die Schönheit des Spiels nun mal auch von der Qualität der Spieler ab. Dies ist bei er Bewertung des Systems in Betracht zu ziehen. Ein Italien von 1974 hatte nicht die Qualität von 1970 oder von Inter 1965. Daher der Quervergleich mit dem englischen WM-System: Schaut man sich Arsenal unter Chapman an, ist es eine Augenweide. Schaut man sich die Interpretation von England 1950 an, ist es ein Krampf. Genauso muss man den Catenaccio betrachten. Leider bleiben Milan 1962 und Inter 1963-67 die Ausnahmen einer phantasievollen Umsetzung des Systems ( wobei ich Italien 1968-1970 auch nicht unattraktiv finde). Ansonsten hat der Catenaccio sicher auch mitgeholfen, den offensiv denkenden Trainern Gegenmittel erfinden zu lassen- der Catenaccio ist damit also ein Wegbereiter zum modernen Fußball.

Was demnächst folgt: kleiner Exkurs, der Libero.         Danach: Brasilien 1958 - Wiege der modernen Formation
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #54 am: 09.April 2013, 02:09:02 »

Wieder exzellent. Und auf Brasilien freu ich mich unheimlich
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #55 am: 09.April 2013, 15:24:30 »

Solang ich im Studium noch nicht viel zu tun hab werd ich den Thread vollhauen so oft es geht :laugh:
Daher gehts weiter mit:

kleiner Exkurs: Der Libero- meine ganz eigene Theorie

Jetzt kommt mal ein Thema, wo ich nicht von inverting the pyramide abkupfern werde, weil Wilson erstens nicht ausführlich auf ihn eingeht und weil ich zweitens schon immer meine eigene Meinung zu dieser Position habe. Ich kann euch daher nur als Quellen nennen, dass ich hier und da mal was aufgeschnappt habe, der Großteil allerdings aus vielen Filmchen besteht, Fußballspiele, um genauer zu sein.

Ich will auch keine Definition für den Libero abgeben, weil ich zu allen Definitionen ein "ja, aber...." hinzufügen könnte. Deshalb läuft das hier ein bisschen anders.
Zunächst einmal muss man nach den Voraussetzungen fragen: Wann wird ein Libero eingesetzt? Wo macht er Sinn? Wo nicht? Wie wichtig ist der Spieler?

1. Ein Libero macht erst mit 3 Verteidigern Sinn, im 2-3-5 System sucht man also vergeblich.
2. Ein Libero im WM-System bedeutet, dass die Mannschaft eher auf eine grundsolide Defensive aufbaut.
3. Der Libero ist eine feste Position, deshalb MUSS man Ungarn in den 50er Jahren außer Acht lassen, da auch ein Gyula Lorant im Positionstausch miteinbegriffen war.
4. Das 4-2-4 System und der Libero stehen in keiner Beziehung zueinander, die Entwicklung verlief dann doch sehr parallel.

Es gibt noch andere wichtige Punkte, aber die will ich am Ende nennen, wenn es darum geht den Niedergang des Liberos zu erklären.
Um den Ursprung des Liberos zu finden muss man eine weitere Frage klären: Was ist eigentlich mit dem Ausputzer?
Wie in meinem Catenaccio bereits erwähnt, spielte Inter 1952 mit einem Ausputzer, der als erster Libero bezeichnet wird. Es gibt Argumente die dafür und dagegen sprechen: Dafür spricht, dass er keinen Mann decken musste, sondern egal welcher gegnerische Spieler auftauchte, der musste gestoppt werden, der Strafraum wurde eben "ausgeputzt". Er war also von der Manndeckung befreit.
Dagegen spricht, dass er eben auch nicht viel sonst machte. Er putzte den Strafraum aus und bei Balleroberung folgte ein einfacher Pass nach vorne. Schluss.
Trotzdem liegt für mich der Ursprung des Liberos in der Tat in Italien, aber erst in den 60er Jahren und sein Name war Armando Picchi.

Dennoch gab es viele unterschiedliche Interpretationen dieser Position. Ich habe 4 verschiedene Typen ausgemacht und werde euch diese anhand von 4 verschiedenen Spielern vorstellen. Die Bezeichnungen hab ich mir selbst ausgedacht, denkt euch selber euren Teil dazu ;).

1. der ausputzende Libero

Wie gesagt sehe ich Armando Picchi als ersten Libero. Auch wenn seine Hauptaufgabe darin bestand, als zusätzlicher Mann hinter der Abwehr den Strafraum "rein" zu halten, unterschied er sich doch von den anderen Ausputzern: Picchi konnte lange, gefährliche Bälle in die Spitze spielen, das Aufbauspiel damit mitgestalten. Für einen Ausputzer war das etwas völlig neues. Franco Baresi gilt im übrigen als der beste Vertreter dieses Typus.

2. der Allrounder-Libero

Für diejenigen, die das nocht nicht wissen ist dies sicher eine riesige Überraschung. Aber eigentlich hat Franz Beckenbauer bei Inter Mailand einen Vertrag unterschrieben, der nach der WM 1966 beginnen sollte. Der Wechsel war eigentlich schon fix.  Als Beckenbauer nach Mailand flog, um sich das Spiel seiner zukünftigen Mannschaft anzusehen, haben es ihm Picchi und Facchetti angetan. Beckenbauer war von der Freiheit, die beide in ihrem Spiel hatten total angetan und träumte davon, ebenfalls von der Manndeckung befreit zu werden und seine Ideen verwirklichen zu können.
Daraus sollte dann spätestens 6 Jahre später Realität werden.  Der Wechsel kam übrigens deshalb nicht zustande, weil sich der italienische Fußballverband nach der blamablen WM 1966 dazu entschloss, die Ausländerregelungen in der Liga deutlich zu verstärken, um die eigenen Spieler zu fördern. Der Vertrag mit dem Franz wurde daraufhin aufgelöst. Schade für Inter, wunderbar für Deutschland, denn der Franz transportierte die Idee des Libero nach Deutschland mit.
Beckenbauer ist in meinen Augen der erste und vielleicht einzige Allround-Libero. Beckenbauer spielte eigentlich im offensiven Mittelfeld, zog sich aber schon zur WM 1970 in das defensive Mittelfeld zurück und war ab 1972 dann Libero.
Prinzipiell konnte Beckenbauer wirklich nach eigenem Ermessen handeln. Aufgrund seiner göttlichen Fähigkeiten am Ball wurde ihm dies auch eingeräumt. Ob nun tödliche Pässe, lange Bälle, Sololäufe, Fernschüsse, Beckenbauer machte alles. Nebenbei war er auch noch ein genialer Verteidiger, der aufgrund seiner Antizipation und seiner Ruhe perfekt die Abwehr stabilisierte.
Näheres zum Kaiser dann, wenn ich Deutschland 1972 behandeln werde.

3.Der gestaltende Libero
Er ist nicht ganz so offensiv ausgerichtet wie der Franz, aber auch er hat vielfältige Offensivaufgaben. Der gestaltende Libero ist in meinen Augen die modernste Ausprägung dieser Position, in den 80ern war er der wohl am weitesten verbreitete Vertreter.
Der beste Vertreter dieses Typus war ebenfalls Italiener: Gaetano Scirea. Scirea war gelernter Mittelfeldspieler, ließ sich dann aber auf die Liberoposition zurücksetzen. Scirea war ohne Zweifel auch ein guter Verteidiger, aber seine Spielmacherqualitäten und seine technischen Fertigkeiten stachen deutlich mehr hervor. Zudem war Scirea für einen italienischen Libero doch auch recht torgefährlich.

4. Der stürmende Libero
Der stürmende Libero lässt sich klar auf einen einzigen Spieler anwenden: Ronald Koeman.
Koeman war defensiver Mittelfeldspieler, als ihn sein Trainer Johan Cruyff zum Libero umschulte. Damit machte er Koeman zum wohl torgefährlichsten Verteidiger aller Zeiten. In 191 Spielen für Barcelona schoss er sagenhafte 67 Tore. Koeman war als Verteidiger recht okay, aber leitete er lieber Angriffe ( oder auch Konter) mit ein, um dann wie ein wahnsinniger nach vorne zu stürmen. Da Koeman auch einer der gefürchtetsten Distanzschützen aller Zeiten ist, mag dies seine Durchschlagskraft vorm gegnerischen Tor erklären.

Das Ende des Liberos
Warum starb der Libero in den 90er Jahren dann langsam aus? An guten Spielern mangelte es nicht- außerdem zeigen die Beispiele, dass man regelmäßig Mittelfeldspieler umschulen konnte. Der Grund ist deutlich banaler: Die allgemeine Raumdeckung machte den Libero schlicht überflüssig, weil in einer Mannschaft, die Raumdeckung betrieb, nun mal alle Spieler keinem Gegenspieler zugeordnet waren. ( haaaalt, aber was ist dann mit Holland 1974, die schon in Raumdeckung spielten, aber trotzdem einen Libero aufstellten?  Bei Holland 1974 gab es keine festen Positionen, wegen Michels Idee vom totalen Fussball. Jeder Spieler konnte/musste jede Position spielen können. Eine Anfangsformation von Holland 1974 ist daher reine Utopie ).
Wie gesagt, durch die Raumdeckung konnte man den Libero daher einfach für bessere Zwecke verwenden. Entweder als normalen Innenverteidiger oder als defensiven Mittelfeldspieler. Dennoch sieht man jetzt wieder in Italien eine kleine Libero-Renaissance in Italien (man denke an Bonucci bei Juve). Meiner Meinung nach ist dies nur temporär. Bonucci ist kein Libero in diesem Sinne, da es wie gesagt keinen Unterschied hinsichtlich der Deckungsart der anderen Innenverteidiger gibt. Bonucci ist einfach ein kleiner Blick in die Zukunft des Innenverteidigers, der eben alles verbindet: Defensivfähigkeiten und Spielaufbau-Fähigkeiten. Irgendwann wird Bonucci dann als ganz normaler Innenverteidiger betrachtet werden, da in einigen Jahren alle Innenverteidiger so spielen werden.

Was demnächst folgt: Brasilien 1958 - Wiege der modernen Formation              danach: Viktor Maslow, Erfinder des modernen Fußballs.
« Letzte Änderung: 09.April 2013, 16:21:50 von Tomminator4real »
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #56 am: 11.April 2013, 22:55:21 »

So, damit ich das nicht vergesse, möchte ich mein nächstes Thema mit nem Ausschnitt aus dem Film "Fifa Fever" einleiten, der die Situation vor der WM 1958 super darstellt. ( ich zitiere fast wörtlich)
Brasilien 1958   Beginn der modernen Formation

"Vor der WM 1958 herrschte eine allgemeine Spannung in der Fußballwelt:  Uruguay- nahm nicht teil, Italien- nicht qualifiziert, Ungarn- ein Schatten vergangener Tage und Titelverteidiger Deutschland mit einer neuen Mannschaft! Es gab also keinen Favoriten. Mit Brasilien rechnete niemand. Schließlich hatte noch kein Land den WM-Titel außerhalb des eigenen Kontinents gewonnen."

Dass dies dennoch gelang, ist vielen Personen zu verdanken: Einem brasilianischen Trainer, welcher beim Training schon mal in seinem Stuhl einschlief;  einem 17 jährigen Teenager, einem Spaßvogel mit X-Beinen und- auch ein Ungar sollte den Grundstein für Brasiliens Titel legen.
Soviel zur Vorschau, der Hauptteil wird irgendwann dieses Wochenende folgen :)
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #57 am: 29.April 2013, 12:02:47 »

Finde es klasse, dass du zur WM 1934 der Italiener auch die Bestechungsvorwürfe nicht unter den Tisch fallen lässt. Es scheint alles nicht ganz so koscher gewesen zu sein damals. Super, dass du das ebenfalls mitberücksichtigst!
Grossartiger Thread :)
KUTGW!

Zz Alpha Dog zZ

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #58 am: 07.Mai 2013, 11:02:33 »

Finde es cool das du ehemalige Teams vorstellst...

Fände es cool, wenn du mal die Nationalmannschaft der USA ( 90er Jahre ) nehmen würdest.
Mit Spielern wie Tom Dooly, Eric Wynalda, Alexi Lalas, Marcello Balboa, Frankie Hejduk, und und und...

Das waren die Stars meiner Kindheit, und meiner Meinung nach das beste USA Team allerzeiten!!
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #59 am: 07.Mai 2013, 11:16:49 »

Finde es cool das du ehemalige Teams vorstellst...

Fände es cool, wenn du mal die Nationalmannschaft der USA ( 90er Jahre ) nehmen würdest.
Mit Spielern wie Tom Dooly, Eric Wynalda, Alexi Lalas, Marcello Balboa, Frankie Hejduk, und und und...

Das waren die Stars meiner Kindheit, und meiner Meinung nach das beste USA Team allerzeiten!!

Tony Meola, der immer aussah wie ein typischer amerikanischer Schauspieler aus einem College-Film ;)