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Autor Thema: The Journeyman - Ein Coach für Europa  (Gelesen 513 mal)

WalterWhite

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The Journeyman - Ein Coach für Europa
« am: 18.Mai 2019, 00:49:34 »











« Letzte Änderung: 24.Mai 2019, 01:49:19 von WalterWhite »
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WalterWhite

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Re: The Journeyman - Ein Coach für Europa
« Antwort #1 am: 18.Mai 2019, 00:55:10 »


10. März 2019
Ich griff nach den Unterlagen aus aus England. Die Augenbrauen über die Brillengläser zusammengezogen begann ich die Vereinsdetails durchzusehen. Mir war es unheimlich, dass ich noch so hellwach wirkte.

Eigentlich war ich todmüde. Es war fast zwei Uhr morgens. Ich hatte seit meiner Rückkehr nach Hamburg drei Tassen Kaffee getrunken, aber trotz des Koffeins – oder vielleicht gerade deswegen – schlug mein Hirn Purzelbäume und mein Körper streikte.

Am liebsten hätte ich den Kopf auf den Schreibtisch gelegt und geschnarcht. Stattdessen stand ich auf, streckte mich und ging zum Fenster. Unten auf der Straße war kein Mensch zu sehen. Der Himmel, der über der Millionenstadt niemals richtig dunkel wurde, war anthrazitgrau.

Ich zupfte nachdenklich an meiner Unterlippe. Während ich hinaussah  merkte ich, wie meine Freundin an mich heranschlich.


„Angenommen, ich nehme das Angebot an. Kommst du dann mit mir?, sprach ich, während ich weiter aus dem Fenster schaute.

Maria antwortete nicht. Ich legte die Unterlagen auf meinen Schreibtisch zurück und schaute sie an.

Also?

Sie schwieg weiterhin.

Keine Antwort ist auch eine Antwort, erwiderte ich ihr, während ich meine Unterlagen zusammen packte und nur noch aus ihrer Wohnung verschwinden wollte.

Meine Grenze ist Deutschland. Überall hier, aber nicht im Ausland. Das weißt du!, schrie sie aus dem Wohnzimmer zur Tür.

Ich blickte mich um und machte mich aus dem Staub.

12. März

Ich habe die Wohnung in St.Georg weder des Komforts noch der Lage wegen gewählt. Komfort hatte sie keinen zu bieten. Zwar war die Bahn bequem zu erreichen, aber das Gebäude hier  mitten im Stadtteil war verwahrlost und mindestens dreißig Jahre nicht mehr renoviert worden. Doch im Gegensatz zu Marias Wohnung in Rotherbaum reichte die Wohnung meinen bescheidenen Ansprüchen und was wesentlicher war, sie entsprach meinen finanziellen Möglichkeiten, die derzeit praktisch gleich null waren.

Wie ich mir das über Nacht durch den Kopf gehen lassen habe, konnte ich die Monatsmiete für den kommenden Monat bezahlen, wenn ich es konservativ anging und von Wasser und Brot leben würde. Und die nächsten Tage würde ich mich dann ernsthaft nach Arbeit umsehen.
Ich könnte bestimmt wieder den Vertreterjob machen oder so was.Das lag mir.  Das hatte ich drauf, quasi genau das richtige für mich.

Hätte ich mein ganzes Erspartes der letzten Jahre nur nicht in den Fußballlehrer gesteckt. Nach der überraschenden Absage aus London stand ich jetzt da. Ohne Freundin, ohne Job aber mit Depressionszügen und einer nicht geklärten Zukunft. Wie sollte es nur weitergehen?


7. April

Ich erwachte langsam aus meinem erholsamen Schlaf. Erholsam, weil er einer echten Erschöpfung folgte und nicht weil er so lange gedauert hätte. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Kraft erfordern konnte, aus dem Bett aufzustehen und drei Meter weiter ins Bad zu schlendern um zu pinkeln und sich dann wieder ins Bett zu legen.

Als ich mich auf die Kissen zurückfallen ließ, erfüllte mich das Gefühl, als hätte ich einen Berg erklommen hätte.
Seit Beginn des Monats quälte mich mein neuer Job auf dem Bau. Stundenlanges Schleppen diverser Rohstoffe – was besseres saß auf die schnelle nicht drin. War es bereits das Ende im Fußballbusiness, bevor es überhaupt angefangen hatte?

Ich setzt mich auf, rieb mir den Schlaf aus den Augen und öffnete den Laptop. Bevor ich eingeschlafen bin, wollte ich mir meinen Posteingang anschauen. Scheinbar war ich aber schon weggetreten, bevor ich mein Postfach überhaupt geöffnet hatte.

Ich hatte einige Bewerbungen an diverse Vereine im Ausland geschickt, aber so wirklich optimistisch war ich dabei nicht wirklich. Existiert da draußen überhaupt ein Präsident, der sich  Gedanken darüber macht, ob ein junger, unerfahrener Trainer die eigene Mannschaft wieder auf Kurs bringen kann? Zumal es bei mir nie zu mehr als Kreisliga A Fußball in Niedersachsen gereicht hat.
Das heißt nicht, dass er nicht existiert sondern vermutlich, nur dass dieser Verein sich zu gut versteckt.

Der Monitor wurde jetzt hell und zu meinen Erstaunen erschien ein kleines Fenster in der Mitte der Bildfläche. 1 neue Nachricht.
Es war ungewöhnlich. Denn normalerweise bekam ich auf meine Bewerbungen keine Rückmeldungen. Von jetzt auf gleich war ich hellwach und rief Outlook auf.

Es war eine Antwort von Valentic Azrudin. Sportdirektor bei Fremad Amager. Zweite Liga Dänemark.
Klingt übel, aber scheinbar musste ich ganz unten anfangen.
Und es gab tatsächlich positive Nachrichten. Ein Vorstellungsgespräch. In zwei Tagen. Ich muss mich nur melden.

Und genau das werde ich gleich tun. Aber ein Blick auf die Tabelle sollte mir einen Schrecken ins Gesicht bringen. Noch 6 Spiele, 11 Punkte Rückstand auf das rettende Ufer. Und den Job sollte ich übernehmen?

Aber wollte ich weiter Steine und Dachziegel schleppen?
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balolympique

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Re: The Journeyman - Ein Coach für Europa
« Antwort #2 am: 18.Mai 2019, 10:12:39 »

Interessant...
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Allez OM!

Meine bisherigen Stories/Stationen:
http://www.meistertrainerforum.de/index.php/topic,26358.0.html

Texas Alaska

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Re: The Journeyman - Ein Coach für Europa
« Antwort #3 am: 18.Mai 2019, 12:30:19 »

Schön. Ich mag Vereinsnamen, bei denen man nicht weiß welches Wort  jetzt eigentlich für die Stadt steht...  8) Bin auch dabei.
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White

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Re: The Journeyman - Ein Coach für Europa
« Antwort #4 am: 18.Mai 2019, 20:18:17 »

Ich mag Vereinsnamen, bei denen man nicht weiß welches Wort  jetzt eigentlich für die Stadt steht...
Letztlich keiner. Amager ist ein Stadtteil Kopenhagens ;D
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fmfaces-Situation

fmfaces.net ist auf eure Unterstützung angewiesen. Spendet, um das Angebot weiter kostenlos zu halten. Oder geht auf die Seite und klickt die Werbung, ist auch top

WalterWhite

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Re: The Journeyman - Ein Coach für Europa
« Antwort #5 am: 20.Mai 2019, 23:39:27 »

Ich mag Vereinsnamen, bei denen man nicht weiß welches Wort  jetzt eigentlich für die Stadt steht...
Letztlich keiner. Amager ist ein Stadtteil Kopenhagens ;D

100% Korrekt  :-X
Der nächste Teil kommt morgen Abend, spätestens Mittwoch morgen.
Aber schonmal vorab, hier ist zwischendurch mit ein bisschen Off-Topic in der Story zu rechnen, als nicht meckern, wenn der ein oder andere Teile weniger zur aktuellen Station enthält! :)
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WalterWhite

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Re: The Journeyman - Ein Coach für Europa
« Antwort #6 am: 21.Mai 2019, 18:50:31 »


25. Juni 2019

Ich suchte die Auffahrt zur Fähre, zog mir ein Ticket und fuhr durch die Sperre, ehe ich langsam den Parkplatz erreichte und aus dem Wagen stieg.
Anschließend setzte ich mich auf eine freie Bank und blickte hinaus auf den überschaubaren Hafen. Mein Vater lebte hier in der Nähe.
Mein Vater, der mich in der gesamten Zeit meines Heranwachsens in einen eigentümlichen Nebel gehüllt hatte.  Das war nie so leicht. Der fähige und doch so finstere Kriminalbeamte, der lachen könnte, wenn er es sich nicht aus einem unerfindlichen Grund nicht selbst verboten hätte.
Mein Vater, dem es nicht gelingt, eine neue Frau zu finden, mit ihr zu leben, weil er noch immer nicht über meine verstorbene Mutter hinweggekommen ist.
Ich hob einen herumliegenden Stein auf und warf ihn nach einer vorbeifliegenden Möwe. Dreieinhalb Stunden auf einer Fähre konnten verdammt lang werden.
Irgendwann stand ich auf und ging zum Wagen zurück. Mit der Wagentür brach in mir ein Lächeln aus. Ein paar Möwen flogen auf. So ist das als - ab heute würde ein neuer Lebensabschnitt anfangen.

Ich hatte einen neuen Job. Klein aber fein. Na gut, die Unterschrift fehlte noch, aber dafür befand ich mich auf dem Weg von Frederikshavn Richtung Göteborg.
Um den Vertrag zu unterzeichnen.  Obwohl ich fast in Amager unterschrieben hätte.
Rückblickend wäre ich nicht ich gewesen, wenn ich dieses Angebot angenommen hätte. Die Vorstandskollegen um Ole Bjur brauchten einen Sündenbock für den drohenden Abstieg. Bei elf Punkten Rückstand und noch sechs verbleibenden Spielen war es schier unmöglich einen Klassenerhalt zu erzielen. Jeder der das geglaubt hätte, hätte sich auch in die nächstliegende Klinik einweisen können.
Das ich dem Vorstand im zweiten Gespräch mitgeteilt habe, dass ich bereit bin den Verein nach dem Saisonende zu übernehmen, um dann mit mir einen Neustart durchzuführen, hat denen im Endeffekt nicht gefallen. Nach einer Woche gab es die negativen Nachrichte, dass der BK einen neuen Trainer präsentieren würde. Und der hörte nicht auf meinen Namen. Das Ende vom Lied war am Ende der letzte Platz und der damit verbundene Abstieg aus der zweiten dänischen Liga.
Die nächsten vier Wochen nach der Absage durfte ich mit Hilfe der Kontakte meines Vaters beim Aalborger BK hospitieren. Über dortige Co-Trainer stellte ein Mittelsmann Kontakte nach Schweden her. Und zack hier war ich jetzt.

Mittlerweile war es schon fast dämmerig geworden, als die Fähre im Hafen anlegte. Ich rollte los und begab mich auf die Suche nach der Adresse, die mir mein Partner gegeben hatte. Vom Anlegerhafen bis in die Göteborger Innenstadt waren es ca. zehn Minuten. Nochmal fünfzehn musste ich fahren, bis ich im Stadtteil Örgryte angekommen war.
Ich fühlte mich hier sofort unsicher und war unschlüssig, ob ich versuchen sollte Niklas Allbäck zu finden, oder ob ich morgen wiederkommen sollte, wenn es hell werden würde. Doch ein Hotel wäre hier zu teuer, das konnte ich mir nicht leisten. Ich schloss den Wagen ab, stampfte also mit dem Fuß auf die Straße, um mir Mut zu machen, und versuchte, in dem schlechten Licht die Namen an der Türsprechanlage zu entziffern.
Die Tür ging auf, ein Mann mit einer Narbe auf der Stirn kam heraus. Er fuhr zusammen, als er mich erblickte.  Noch bevor die Tür zuschlug, war ich im Flur. Im Treppenhaus hing eine andere Tafel mit dem Namen der Mieter. Doch keiner hörte auf den Namen Allbäck, keiner hieß Niklas. Eine Frau, ungefähr in meinem Alter kam mir mit einer Mülltüte entgegen. Sie lächelte.

Entschuldigung,
sagte ich. Ich suche einen Mann namens Niklas Allbäck.
Die Frau blieb stehen. Wohnt der hier?
Das ist die Adresse, die ich bekommen habe.
Wie heißt er? Niklas Allbäck? Ist er Däne?
Nein, ich vermute Schwede.

Die Frau schüttelte den Kopf. Man konnte merken, wie sie mir vergeblich versuchte zu helfen.
Ich kenne niemanden aus Schweden hier im Haus. Wir haben ein paar Dänen und ein paar aus anderen Ländern. Aber keinen Schweden.
Die Haustür ging auf, ein Mann kam herein. Die Frau mit der Mülltüte fragte, ob er jemanden namens Niklas Allbäck kenne. Er schüttelte jedoch auch mit dem Kopf. Er hatte die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf gezogen. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen.

Ich kann Ihnen nicht helfen. Tut mir leid. Aber versuchen Sie es doch mal bei Frau Andersen im ersten Stock. Sie kennt jeden, der hier wohnt.
Ich bedankte mich, ging die Treppe hinauf und verabschiedete mich von der jungen Dame.

Sie lächelte wieder. Und was für ein Lächeln das war.

Irgendwo schlug gleichzeitig eine Tür zu, laute lateinamerikanische Musik drang ins Treppenhaus. Vor Frau Andersens Wohnungstür stand ein Blumentopf auf einem Hocker – eine Orchidee. Ich klingelte. Im Flur bellte es, die Haustür öffnete sich.
Frau Andersen war vermutlich eine der kleinsten Frauen, die ich jemals gesehen hatte. Sie war krumm und gebeugt und zu ihren Füßen, die in abgetragenen Pantoffeln steckten, kläffte ein Hund, der auch wohl zu den Kleinsten gehörte, die ich je gesehen hatte. Ich brachte mein Anliegen vor.

Frau Andersen zeigte auf ihr linkes Ohr. „Lauter. Ich höre schlecht. Sie müssen rufen“
Ein Schwede mit dem Namen Niklas Allbäck! Wohnt er hier im Haus?
„Ich höre schlecht, aber mein Gedächtnis ist gut, rief Frau Andersen zurück. Hier gibt es keinen Niklas Allbäck.
„Vielleicht wohnt er bei jemandem zur Intermiete?“
„Ich weiß wer hier wohnt. Ob sie einen Mietvertrag haben oder zur Untermiete wohnt. Ich wohne hier seit neunundvierzig Jahren, seit es das Haus gibt. Jetzt wohnen hier alle möglichen Leute. Man muss wissen, mit wem man sich umgibt!“

Sie beugte sich zu mir vor und zischelte. „Hier im Haus werden Drogen verkauft! Und niemand tut was“

Frau Andersen bestand darauf, mich zu einer Tasse Kaffee einzuladen, der fertig in einer Thermoskanne in der engen Küche stand.
Nach einer halben Stunde gelang es mir aber, mich zu verabschieden. Da wusste ich alles darüber, was für einen vortrefflichen Mann Frau Andersen gehabt hatte, der jedoch leider viel zu früh verstorben war. Und das Niklas Allbäck ihr Sohn sei, aber seitdem dieser der Klubchef bei Örgryte war nicht mehr hier wohne. Sie rief ihn aber an und bat ihn, mich abzuholen.

Als ich wenig später die Wohnung von Frau Andersen verließ, war auch die lateinamerikanische Musik draußen verstummt. Irgendwo schrie ein Kind. Ich spazierte durch die Haustür und blickte mich um, bevor ich die Straße überquerte. Ich nahm vage war, dass jemand aus dem Dunkeln auftauchen würde. Ein Mann tippte mir auf die Schulter.

„Magnus?“
Ich zuckte zusammen. Vor mir stand ein Typ mit langem schmierigem Haar und einem ungepflegten Bart. Dafür war sein Anzug vermutlich teurer, als alle meine Klamotten zusammen. Aber was weiß ich schon…

„Schön dich endlich zu treffen, nach den ganzen Telefonaten. Herzlich Willkommen hier in Göteborg.“

« Letzte Änderung: 21.Mai 2019, 23:37:33 von WalterWhite »
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WalterWhite

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Re: The Journeyman - Ein Coach für Europa
« Antwort #7 am: 24.Mai 2019, 01:47:32 »

26. Juni – 8:15 Uhr

Ein Vogel piepste irgendwo auf den Dächern meiner neuen Wohnung. Niklas Allbäck hat mich am gestrigen Abend noch zu meiner neuen Wohnung geführt. Und was für eine Wohnung das war, vergleichbar mit den Unterschlupfen in denen ich in den letzten ein, zwei Jahren verbracht hatte.

Es war kurz nach acht Uhr in der Früh.  In knapp einer Stunde erwarteten Niklas Allbäck und der restliche Stab zu einem Abschlussgespräch im Vereinsheim. Anschließend standen ein Pressetermin auf der Agenda, sowie das Vorstellen bei der Mannschaft vor dem ersten offiziellen Training. Also machte ich mich auf den Weg. Während des Fahrens programmierte ich das Navigationsgerät – ein Leichtsinn, der wohl schon so manchen Menschen das Leben gekostet hatte. Aber ich war hier wirklich am Ende der Welt gestrandet. Kaum Häuser, schlecht zu befahrene Straßen und karge Straßenbeleuchtung. Aber umso weiter ich Richtung Stadtkern fuhr, umso besser wurde es.
Am OIS-Garden angekommen sah ich in einem der beiden Fenster bereits zwei Männer, die sich in einem Gespräch zu befinden schienen. Ich stellte den Wagen ab und stieg aus.
Ich steckte mir eine Zigarette an und umkreiste vorsichtig mehrere Pfützen, die sich mir auf dem Weg zum Gelände in den Weg stellten.
Ich schaute mich um. Insgeheim müsste mir im nächsten Moment eigentlich ein muskulöser, angriffslustiger Rottweiler gegenüberstehen. Das Grundstück, umgeben von einer hohen weißen Mauer, war der ideale Ort für einen Kettenhund, der gegen Abend losgelassen wurde, um auf dem Gelände für Ruhe zu sorgen.

Als ich an der Tür angelangt war, erkannte ich Niklas‘ Stimme. Ich griff nach der Klinke und drückte sie herunter. Ich betrat eine kleine quadratische Diele und hatte die Wahl zwischen zwei weiteren Türen. Ich hörte wieder Niklas Stimme. Gleichzeitig lag ein schwacher Duft in der Luft. Ich klopfte an die Tür, hinter der ich Niklas sprechen gehört hatte und machte sie auf.
Das Büro war lieblos eingerichtet und erinnerte mich an meine erste Studentenbude. Der Raum war vollgepfropft mit abgewohnten, düsteren Möbelstücken. Der Teppichboden, der eine undefinierbare Farbe hatte, irgendeine Nuance zwischen Braun, Grün und Grau, war übersät mit Flecken verdächtigster Herkunft. Das ungepflegte, stumpfe Holz der beiden Schreibtische war geprägt von Dellen, Kratzern und schwarzen Brandlöchern.
Der Mann, der bei Niklas stand, passte nicht in diese Umgebung. Er trug zwar den typischen dunkelblauen Arbeitsanzug, starr vor Schmutz, und seine Hände, mit denen er sich auf einem der Schreibtische abstützte, waren ungepflegt, aber er hatte etwas an sich, das diesem armseligen Durcheinander hier zu widersprechen schien.
Er war groß und schlank, mit breiten, kräftigen Schultern. Sein Gesicht war schmal und beherrscht. Ein Dreitagebart bedeckte Kinn und Wangen. Das dunkle, etwa schulterlange Haar hatte er im Nacken gebunden. Ich hätte ihn eher für einen Karate-Meister gehalten, als für einen Vereinsfunktionär.

Niklas kam auf mich zu und legte die Hand auf meine Schulter.
„Unser neuer Trainer", stellte er mich vor.
„Hallo", sagte ich.
„Hi." Der Mann hatte sich aufgerichtet und begrüßte mich mit einem knappen Neigen des Kopfs. Er lächelte nicht. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz und schienen aus sich heraus zu glühen.

Plötzlich lag eine drückende Stille im Raum. Auch Niklas schien sich ihrer bewusst zu sein. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und murmelte etwas Unverständliches.
Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht denken und erst recht nicht sprechen. Etwas lähmte mich, und ich wusste nicht, was.

Also dann. Niklas fasste den Mann beim Arm und führte ihn hinaus. Sie rufen mich dann an, sagte er über die Schulter.
Der Mann antwortete nicht. Vielleicht hatte er zu Niklas Worten genickt oder zur Bestätigung die Hand gehoben. Ich drehte mich nicht zu den beiden um.

„Ist der immer so wortkarg?“, fragte ich Niklas nachdem er die Tür geschlossen hatte.
Niklas nickte.  „So sind wir Schweden.“
„Ich hoffe, das ist nicht ansteckend“, entgegnete ich mit einem Lächeln.
„Wer war das überhaupt?“
„Das war George Mourad. Ebenfalls Vorstandsmitglied.“
„Nun gut. Wollen wir mal zum Vertraglichen kommen“, deute Niklas nach sekundenlanger Stille an und bat mich an den Schreibtisch.  „Das hier wird übrigens dein Büro.“

Er schmiss die Vertragspapiere von der einen Schreibtischseite zur anderen. Ich blätterte durch.

4000€ im Monat, Vertrag bis November 2020 plus die Wohnung. Damit konnte ich leben. Besser als alles andere in den letzten Jahren. Und nächstes Jahr konnte man immer noch schauen, ob es sich bessere Angebote ergeben würden.
Eine weitere Klausel besagte, dass ich nur als Trainer eingestellt werden würde.  Alle Vertrags- als auch die Transfergespräche, sowie Abschlüsse lagen im Bereich von Niklas Allbäck. Sportdirektor und Vorstand des Vereines.

Niklas sah, dass ich an der Klausel hängen blieb. „Das ist Vorgabe des Vereines, nicht von mir. Wir hatten in der Vergangenheit mit unseren Managern einfach Pech. Bei den nächsten Vertragsgesprächen lässt sich darüber bestimmt reden. Aber erst einmal bist du nur für das Training und das Drumherum zuständig. Ich hoffe, du kannst damit leben.

Ich nickte ab und unterschrieb im Endeffekt den dreiseitigen Vertrag, ohne etwas daran zu bemäkeln.
Warum auch. Ich war endlich angekommen. Darauf galt es in den kommenden Jahren aufzubauen. Jeder hat mal klein angefangen.

„Dann herzlich Willkommen beim Örgryte IS. Ab sofort ist das dein Büro. Hier wirst du die nächste Zeit sicherlich einige Stunden verbringen. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist im Arsch und wir hängen am Tabellenende der Liga wie du weißt. Da gilt es rauszukommen. Wir erwarten erst einmal einen sicheren Tabellenplatz, der weder etwas mit dem Abstieg zu tun hat noch mit der Relegation.  Hier sind die Unterlagen vom Team, der Reserve und der U19. Training mit der ersten Mannschaft ist wie du weißt, um 14 Uhr. Die PK ist für 11 Uhr angesetzt.
Die U19 hat heute Abend ein Spiel, falls du dir diese auch heute noch angucken willst.“


Viel Stress auf einmal für den ersten Tag. Aber andererseits waren es auch nur noch drei Tage bis zum ersten Punktspiel. Und blickend auf den Tabellenstand musste ich mich schnell einarbeiten. Dieser war aber auch kein Wunder, wenn man betrachtet, wie die Spiele in der ersten Hälfte der Saison ausgegangen waren.





10:55 Uhr

Der Saal im OIS Garden, wie ich gelernt hatte war gefüllt. Ich zählte knapp 14 Journalisten in den ersten beiden Reihen und etliche Leute, die dahinter Platz genommen hatten. So langsam wurde ich nervös. Pünktlich um 11:00 Uhr baten mich Niklas und unser Pressesprecher Johan auf die Bühne.

Nachdem Johan alle anwesenden begrüßt hatte fing Niklas an zu reden.
„Ja, auch von mir ebenfalls ein herzliches Willkommen in die Runde. Gleichzeitig möchte ich euch unseren neuen Trainer Magnus Uwesson vorstellen. Ein junger aufstrebender Trainer aus Deutschland, der einen Vertrag bis Ende des nächsten Jahres erhalten hat. Er wird Ihnen jetzt alle ausstehenden Fragen beantworten.“

Einige Reporter hielten ihre Finger in die Luft. Johan sorgte dafür, dass alle nacheinander zu ihren Fragen kamen.

„Herr Uwesson, auch von mir ein herzliches Willkommen. Ich schreibe für die örtliche Tageszeitung, mein Name ist Mirko Veinberg. Die erste Frage ist natürlich, haben Sie sich mit der Mannschaft schon bekannt gemacht? Können Sie was zum schlechten Klima innerhalb des Teams sagen? Es war in den letzten Wochen immer wieder nach außen getragen worden, dass die Spieler den letzten Trainer psychisch kaputt gemacht haben sollen“.
„Nein, ich habe die Mannschaft noch nicht kennen gelernt. Das wird heute Nachmittag der Fall sein. Mir ist auch nicht bekannt, dass das Mannschaftsgefüge derartig kaputt ist. Wir werden schauen. Ich habe eine starke Persönlichkeit. Ich denke nicht, dass jemand es schafft, diese kaputt zu machen.“

„In vier Tagen steht ihr erstes Spiel an. Direkt ein wichtiges. Wie wollen Sie die Mannschaft so schnell erreichen? Ist es überhaupt möglich eine eigene Taktik zum Tragen zu bringen?“
„Ich weiß, dass am Samstag die erste wichtige Partie ansteht. Nicht nur für mich, auch für den Verein. Ich muss aber erstmal die Jungs kennenlernen, bevor ich mir überhaupt Gedanken um eine Taktik machen kann.“

„Auch finanziell steht es eher schlecht um den Verein. Sind Sie überhaupt aufgeklärt worden?“
Ich schaute rüber zu Niklas, ehe ich antwortete.

„Ich denke, wir sind nicht hier, um über Finanzen zu reden, sondern über meine Anstellung als Trainer. Die Finanzen liegen außerhalb meiner Reichweite als Trainer. Das sind Aufgaben mit der sich der Vorstand und Niklas als Sportdirektor befassen müssen. Nicht ich, der noch nicht einmal 24 Stunden hier ist.“

„Sie sind gebürtiger Däne, der in Deutschland aufgewachsen ist. Zudem ziemlich jung, mit ihren 25 Jahren. Wie kommen Sie mit der Sprache zurecht, wie planen Sie mit ihren Spielern zu kommunizieren. Sind Sie sich sicher, dass Sie dem Druck des Profigeschäftes standhalten können?“
„Zu aller erst: Meine Mutter ist Dänin. Ich bin dreisprachig aufgewachsen. Deutsch, Englisch, Dänisch. Die Sprachen hier in Skandinavien unterscheiden sich zwar, aber mit meinem Dänisch verstehe ich das meiste aus dem Schwedischen. Sprechen werde ich, wie auch jetzt vermutlich erst einmal hauptsächlich Englisch. Ich werde aber zusehen, dass ich so schnell wie möglich die schwedische Sprache lerne.“

„Und der Druck im Profigeschäft?“
„Ich denke ich habe schon schwierigere Situationen im Leben gemeistert, als diesen Druck. Da habe ich wenige Bedenken.“
An dieser Stelle unterbrach Niklas dann.

„Ich denke, dass reicht fürs Erste. Weitere fragen können gerne im Vorfeld der Spieltags-PK gestellt werden. Aber Magnus hat vorerst ein Training vorzubereiten. Vielen Dank! Wir sehen uns am Freitagnachmittag wie gewohnt um 11 Uhr. Bis dahin!“
Geschlossen verließen wir den Raum. Ich begab mich in mein neues Büro. Es war Zeit mir die Mappe, die Niklas mir gegeben hatte anzuschauen und das anstehende Training vorzubereiten…
« Letzte Änderung: 24.Mai 2019, 04:10:48 von WalterWhite »
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