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Studium/Schule alles mit Bildung hier rein

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KI-Guardiola:

--- Zitat von: Salvador am 14.März 2022, 21:48:51 ---
Zum Rest: Aus meiner Sicht als Mathelehrer an einem Gymnasium kann ich sagen: Viele dieser Ideen, was alles noch an der Schule beigebracht werden sollte (Finanzen, Steuererklärung, etc.), gehen einfach an der Realität von Schule vorbei. In unserem aktuellen Schulsystem halte ich das für beinahe unmöglich.

--- Ende Zitat ---

Das könnte ein Politiker-Zitat sein, es fehlt bloß noch das Wörtchen "alternativlos". :D Spaß beiseite, aber der Zyniker in mir sieht das staatliche Schulsystem zusehends als eine Zuchteinrichtung, die junge Menschen für die Wirtschaft darauf vorbereitet, ein guter, fähiger, Arbeitgeber* zu sein (auf Gründer-, Führer- und Unternehmertum wird man in der Schule jedenfalls auch eher nicht gedrillt)  -- der dann auch ruhig mal in der Kreide stehen kann, auch dafür gibts ja lukrative Wirtschaftszweige (und ggf. Lobbyisten).

Wenn es nur ein Grundlagenfach gäbe oder ein Einflechten von finanziellen Grunldagen in andere Fächer, wie von Octa geschrieben, wäre das ja schon mal eine 100%ige Verbesserung gegenüber dem Status Quo. Und da stimme ich zu: Für sehr viel mehr wirds im aktuellen System auch nicht reichen, aber das wäre ja schon mal was. Der Ansatz von Octa scheint den Schülern auch gerecht; es macht vermutlich wenig Sinn, gleich mit Themen wie Versicherung oder Altersvorsorge zu kommen. Aber überhaupt mal das Denken schärfen für Eigenverantwortung mit Geld, für Risikoabwägungen bei Käufen -- das wäre ein Quantensprung. Ich bin damals vom Gymnasium (wegen Mathe) auf die Realschule in der 8. Klasse gewechselt, habe dann später noch Fachabi gemacht. Dort schien zu dieser Zeit immerhin noch Stundenplan-Platz für Pflicht(!)fächer wie "Maschinenschreiben" oder "Hauswerk". Für einiges davon bin ich heute dankbar, für anderes nicht (an Nähen war ich seit jeher so mittel interessiert).

Was die (Mehr-)Belastung für Lehrer angeht, auch das verstehe ich: Da müssten die Schulen je nach Standort nicht mal zwingend ihre eigenen Lehrkörper bemühen. Wie man sieht, gibt es mittlerweile so einige Initiativen und Stiftungen, die den Schulen unter die Arme greifen würden, wobei auch die von Lobbyisten unterwandert sein können bzw. eigene Produkte bewerben. Apropos Standort: Da Schule ja Ländersache ist, würde es sowieso noch viele, viele Jahre dauern, bis sich irgendwas wirklich bundesweit durchsetzt. Ich behaupte: Die meisten Schüler, die in den Genuss von so etwas kommen, werden profitieren (so sie sich nicht verweigerm). Wäre dann man interssant Vergleiche zwischen LÄndern zu sehen, die finanzielle Bildung eingeführt haben -- und soclhe, die das nicht getan haben.

Dazu ist das Thema Geld in unserem Gesellschaftssystem zu zentral.

Octavianus:
Ich verstehe den Unmut über die Ungerechtigkeiten des Systems. Ja, wer in Bremen ein Abitur macht, kann das in keiner Weise mit dem Abitur in Sachsen und Bayern vergleichen. Das ist ungerecht, aber von den Machern des Grundgesetzes bewusst so implementiert worden, um eine Zentralisierung und Auswüchse wie im Nationalsozialismus zu vermeiden. Ich halte den Föderalismus auch für suboptimal, aber bevor wir das ändern, sollten wir eher über die Zusammenlegung einzelner Bundesländer nachdenken. Es gibt zudem bereits jetzt verbindliche Standards für alle Abiturienten und diese Standards kann man durchaus noch ausweiten. Die KMK ist nicht bekannt dafür, schnell und adäquat zu reagieren, aber wenn gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird, dann bewegt sich da auch etwas.

Auch verstehe ich den Unmut über die Ungerechtigkeit an den einzelnen Schulen. Ja, es gibt gute und es gibt schlechtere Lehrer, das kann man nicht völlig verhindern, zudem entwickeln sich auch wir Lehrer als Persönlichkeiten noch weiter, nachdem wir das Referendariat abgeschlossen haben. Da jeder das System Schule durchlaufen hat, kann jeder auch anekdotisch berichten, welche Lehrkräfte einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben (sei es nun positiv oder negativ). Ich möchte meiner Zunft dennoch zugutehalten, dass auch wir nur Menschen sind und Fehler machen. Das soll nicht entschuldigen, dass manche Lehrkräfte nur halbgare Arbeitsblätter versenden und keinerlei Rückmeldungen geben (um den Vorwurf zu Beginn der Pandemie aufzugreifen), aber meine Stunden sind garantiert keine Musterstunden oder wenn, dann funktionieren nur 20% aller Stunden nach dem Muster, wie ich mir das vorgestellt habe. Unterricht lebt nicht zuletzt von den Herausforderungen des Alltags. Wenn jede Stunde gleich ablaufen würde, säßen vor mir keine Menschen, sondern Roboter. Und auf diese heranwachsenden Menschen vor mir muss ich Rücksicht nehmen.

Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass man auf die Personen hinter dem Lehrerpult Rücksicht nehmen muss. Es gibt Menschenfänger und es gibt Fachidioten. Genauso gibt es introvertierte und extrovertierte Schüler und alle wollen gleichermaßen integriert oder nach neuestem Stand sogar inkludiert werden. Im Klassenzimmer bringt jeder sein Päckchen an heimischen Problemen oder guten Startvoraussetzungen mit und letztlich ist es eine schwierige Aufgabe, allen gerecht zu werden.

Ich weiß, das klingt, als wolle ich mich von Verantwortung freisprechen, aber das ist gar nicht mein Anliegen. Ich möchte nur erklären, warum das System solche Beispiele produziert. Daher werden Stellschrauben gedreht und ich sehe die schrittweisen Veränderungen. An vielen Universitäten gibt es nun Orientierungsverfahren für alle angehenden Lehramtsstudenten. Wie verbindlich diese sind, hängt konkret von der Uni ab (Föderalismus, da bist du wieder...). Auch wird bereits im Studium ein Teil des Referendariats als Praxissemester in immer mehr Bundesländern etabliert, sodass der berüchtigte Praxisschock im eigentlichen Referendariat nach dem Studium nicht mehr so groß ausfällt. Das sind nur zwei Maßnahmen, die zeigen sollen, dass die Politik durchaus einsieht, dass die Ausbildung zum Lehramt nicht ideal verlaufen ist und es noch Spielraum gibt.

Was wünsche ich mir konkret? Ich wünsche mir ernsthaft mehr Möglichkeiten der Supervision. Ja, niemand von uns lässt sich gern komplett über die Schultern schauen, aber wenn ich die Möglichkeit hätte, auch nach nun 8 Jahren Berufserfahrung bei anderen Kollegen zuzuschauen, würde ich das gerne tun. Wir müssen offen dafür sein, uns Feedback geben zu können. Wir müssen offen dafür sein, gute Beispiele aus dem Unterrichtsalltag miteinander zu teilen. Im Gegenzug wünsche ich mir definitiv kleinere Klassen. Eine sinnvolle Einzelförderung ist bei 27 Schülern oder mehr nicht möglich, wenn ich nur 4 Stunden Deutsch pro Woche habe. Wenn das Ziel wirklich ist, für jeden Schüler in der Zukunft differenzierte und auf ihn abgestimmte Lerninhalte und Methoden zu entwickeln, dann wird das auf Dauer nicht in so großen Lerngruppen funktionieren bzw. muss dann der Lernraum Schule neu konzipiert werden mit Wochenplänen usw., was dann aber auch nicht jedem Schüler gerecht wird, da längst nicht alle Schüler diese intrinsische Motivation zum Selbstlernen haben und extrinsisch motiviert werden müssen.

Abschließend ein paar Gedanken bezüglich Kunst, Musik und Turnen und Religion. Ja, als Schüler gehörte ich definitiv zu denjenigen, die die Sinnhaftigkeit dieser Fächer bezweifelt haben. Kunst, Musik und Sport waren in meinen Augen absolute Zeitverschwendung, was aber auch daran lag, dass mein musisches Talent in den unteren Klassenstufen nicht gerade groß gefördert worden ist. Wenn ich mir ansehe, was meine Mitreferendarin in Kunst mit ihren Schülern gemacht hat, hätte ich als Schüler deutlich mehr Interesse und Spaß am Kunstunterricht entwickelt. Da wurde ein Pinselführerschein gemacht, Grafitti wurden entwickelt usw. Es gibt also neue pädagogische Konzepte, die ihren Weg in die Schulen finden. Ich sehe auch den Mehrwert dieser Fächer, wenn sie zur Persönlichkeitsentwicklung beizutragen vermögen. Ich bin nun mal kein Mannschaftssportler bzw. habe selbst nie den Ehrgeiz gehabt, im spießigen Sportunterricht unbedingt gewinnen zu wollen. "Mir doch egal, wer die meisten Tore schießt" Aber Sport, Musik und Kunst sind dennoch wichtige Fächer, die den Schülern als praktischer Ausgleich dienen müssen zu all den theorielastigen Fächern. Ich hätte mir als Schüler einen noch stärkeren Theoriebezug gewünscht, aber ich denke, die Mischung sollte es in diesen praktischen Fächern machen, um alle einigermaßen bei Laune zu halten.
Was Religion anbelangt, bin ich bei euch. Jedes Bundesland nennt das Kind anders, aber ich glaube, dass Schüler nicht mehr nach Konfessionen getrennt unterrichtet werden sollten. Gerne kann man die Klassen für Ethik, Moral oder wie auch immer die Alternative in eurem Bundesland heißt, neu einteilen, um Strukturen innerhalb der Klassen ein wenig aufzubrechen, aber in diesem Fach kann man gerne in den unteren Klassenstufen all die Grundlagen der monotheistischen und anderer Religionen lernen, um Toleranz usw. zu entwickeln und ab der Mittelstufe sollte es dann darum gehen, Texte aus dem Zeitalter der Aufklärung zu lesen, moralische Problemfragen zu entwickeln und Lösungen dafür zu suchen. AUch dürfen gerne philosophische Konzepte der Antike zurate gezogen werden, um beispielsweise über Hedonismus und Konsum zu sprechen, um den Bogen zur Bedeutung des Geldes für die Gesellschaft zu schlagen.

Medienkompetenz wird übrigens nach und nach in unseren Lehrplänen verankert. Wir entwickeln derzeit unser Medienbildungskonzept bzw. Curriculum, aber die sinnvolle Integration benötigt Zeit und v.a. die Entwicklung guter Unterrichtsideen, die eben nicht in der Aktentasche einzelner Lehrer versanden, sondern möglichst oft weiterverbreitet werden.

Ich möchte abschließend eine Lanze dafür brechen, wie gut viele Kollegen mit dem online Unterricht umgegangen sind. Im März 2020 hatte keiner von uns eine Ahnung, wie man den Unterricht von heute auf morgen organisieren soll. Ja, da wurden viele Fehler gemacht und noch immer werden Fehler gemacht. Im letzten Schuljahr wurden Konzepte entwickelt und ausprobiert und auch dieses Schuljahr ist man nach wie vor dabei, Bewährtes weiterzuentwickeln. Ist das System perfekt? Natürlich nicht! Sind alle Lehrer medienaffin? Gott bewahre, wenn ich da an Kollegen von mir denke. Aber wir arbeiten daran und wir motivieren uns durchaus gegenseitig, das Beste daraus zu machen.

Was man sich jedoch wünschen würde, wären verbindliche Vorgaben und Konzepte, die zumindest einheitlich je Bundesland gelten. Wie da teilweise Schulen bei Lockdowns im Stich gelassen worden sind bzw. die Verantwortung einfach so nach unten abgegeben worden ist, war nicht in Ordnung. Das war am Ende jeden Sommers zumindest meine größte Kritik an der KMK. Schule kann vieles auffangen, aber vage Aussagen und Konzeptlosigkeit auf oberster Ebene sind einfach kontraproduktiv für unseren Alltag.

DeDaim:
Nur ganz kurz zu dem, was du geschrieben hast, Octa: Mir ging es nicht darum, Lehrer in die Pfanne zu hauen. Ich bin mir sicher, dass das oft ein harter Job ist und ich hätte definitiv keine Lust darauf. Die Entscheidung, diesen Beruf zu ergreifen, nötigt mir Respekt ab. Mir ging es um die starke Abhängigkeit von Einzelpersonen. Was ich in der Schule lerne (und was hängen bleibt) ist vom Lehrer abhängig und nicht vom Lehrplan. Es macht eben einen Unterschied, ob du im Physikunterricht Rumkugeln machst oder im Chemie-Unterricht selbst Böller baust (ja, beides erlebt). Diese Abhängigkeit kann niemand ernsthaft wollen, auch die KMK nicht.

Aber wie du schon geschrieben hast: es ist halt komplex. Veränderung passiert nur langsam und in dem System stecken Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen, Charakteren und Voraussetzungen.

DragonFox:
Wobei doch menschliche Eigenschaften bei Lehrern, wie bei allen anderen Menschen auch, gleichverteilt sind. Ich hab auch Lehrer im Kopf, an die ich mich mit Freude oder mit Schrecken zurückerinnere. Der Stoff für Anekdoten bilden die Lehrkräfte, die sich an den Rändern der gausschen Normalverteilung aufhalten. Bei mir ist es zumindest so, dass die Vielzahl der... 50-60 Lehrkräfte, mit denen ich es so im Laufe meiner Bildungskariere zu tun hatte, doch irgendwo im Mittelmaß anzusiedeln und ok waren. Keine Chaoten die kein Plan und Motivation hatten und keine Messiasse (den Plural musste ich googeln) der Pädagogik, sondern einfach relativ normal.
Das widerspricht natürlich nicht der Aussage, dass es trotzdem Zufall bleibt. Aber es ist auch nicht so, dass man dem Schicksal komplett ausgliefert wäre. Es ist, wie du sagst, die menschliche Komponente im System.

Octavianus:
Keine Sorge, ich habe das überhaupt nicht als Pauschalkritik aufgefasst. Ich verstehe den Unmut gegenüber Lehrern und wollte nur die Perspektive erweitern, um auch ein wenig die Zwänge des Systems zu verdeutlichen. Schwarze Schafe gibt es in jedem Berufszweig und auch mit diesen muss man zurechtkommen. Sicher ist das nicht schön, wenn man als Schüler negative Erfahrungen mit Lehrern gemacht hat und deshalb eine negative Haltung bis hin zu Angstvorstellungen gegenüber einem Fach entwickelt. Ich hoffe jedoch, dass mit der neuen Generation an Lehrkräften viele dieser Fehler bei der Ausbildung der bald in den Ruhestand gehenden Lehrkräfte behoben werden können. Und ich will deren Ausbildung gar nicht verteufeln, nur wurde in den 80ern und 90ern eben noch deutlich mehr Wert auf andere Aspekte gelegt, als das heutzutage der Fall ist. Die Frage ist eben, wie gut sich Lehrer an aktuelle Entwicklungen anpassen können und ich halte gerade diese Fähigkeit für ganz entscheidend, um nicht zum sauertöpfischen Nörgler zu werden, der alle Technik für Teufelswerk hält. Andererseits halte ich es auch für einen Fehler, auf jeden Zug aufzuspringen. Nur, weil Schüler jetzt TikTok nutzen, muss ich als Lehrer das nicht auch nutzen. Es genügt, wenn ich verstehe, was TikTok ist und wie es grob funktioniert.

Neue Medien sind nicht der Heilsbringer der Pädagogik, das Internet ist nicht unsere Erlösung, unterm Strich zählt vor allem eine gute Lehrerpersönlichkeit, die idealerweise altruistisch veranlagt ist und seine Schüler nicht als Quälgeister sieht, sondern als heranwachsende Menschen, die man auf ihrem Lebensweg hin zu selbständigen Menschen begleitet (siehe auch die oft zitierte und vielfach bestätigte Hattie-Studie).

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