Die Kapitalmarktdiskussion für die Rente unterliegt einem schweren Trugschluss - nämlich, dass diese grundsätzlich besser sei als andere Modelle.
Vorabbemerkung: Kapitalmarktinvestitionen SIND gut und wie die Schweizer und Schweden mit ihrem Mischmodell fahren (gesetzl. Rente, private Rente, Kapitalmarkt) ist nicht schlecht - sogar sehr nachahmenswert. Risikostreuung und so.
Aber nun zur These von mir:
Wieso heißt es eigentlich, dass man neben der gesetzlichen Rente de facto was machen MUSS, wenn man nicht arm sein möchte? Anfang 1990er hat man festgestellt: "Oh, immer mehr Alte und immer weniger Junge. Das wird teuer." Wohlgemerkt: Teurer, nicht unbezahlbar.
Denn:
Eine Umlagerente legt um. Nicht Leute, sondern das Erwirtschaftete. Die Arbeitsfähigen und Arbeitenden versorgen die Nicht-Mehr-Arbeitenden - aus dem LAUFENDEN Produktivgewinn. Das kann mal viel, mal wenig sein. In DE wird das geregelt über das Lohneinkommen. Der historische Hintergrund ist klar: Nach dem Krieg gab es keine "Kapitalrente" - weil das Kapital weggebombt war. Die Rente war das EINZIGE was halbwegs funktionierte. Soviel erstmal zur Krisenfestigkeit.
So, nun des Pudels Kern: Es versorgt immer die arbeitende Bevölkerung die Nicht-Arbeitende bzw. Nicht-Mehr-Arbeitende. Wie man das dann nennt (Steuer, Sozialbeiträge, per Komissarbefehl in der Sowjetunion) ist komplett egal. In dem Moment wo keiner Teile seiner werktätigen Wertschöpfung mehr abgeben würde (weil er streikt), wird jegliche "Altersvorsorge" wertlos. Salopp formuliert: Gehört mir die BASF und ich will von meinen Dividenden Essen kaufen gehen und der Lebensmittelhändler bleibt zu Hause statt zu arbeiten, dann verhungere ich oder muss halt doch wieder selbst aufs Feld gehen oder einen Hasen jagen.
Jedes System ist Umverteilung - und das ist nicht schlimm. Was schlimm ist, ist der QUATSCH...den ich mir teils auch in der Versicherungslehre geben durfte - weil die Versicherungsindustrie mit dem Quatsch viel Geld verdient hat (Maschmeyerconnection lässt grüßen).
Die Logik geht so:
1. Zu wenig Kinder.
2. Zu viele Alte.
= Rente nicht mehr in der bisherigen Höhe sicher.
Lösung: Privat vorsorgen.
So: Was an dem Missverhältnis zwischen "zu wenig Junge" und "zu wenig Alte" regelt denn eine private Vorsorge? NICHTS, gar nichts! Das Problem bleibt bestehen. Natürlich kann man theoretisch "andere junge Leute" für sich arbeiten lassen - z.B. indem man als Deutscher Chinaaktien kauft. Dann arbeitet der Chinese für die eigene Altersvorsorge, sehr platt ausgedrückt. Aber die Nummer geht halt auch nur begrenzt.
Des Pudels Kern ist das Lohneinkommen. Die Arbeiter und Angestellten bezahlen den Spaß. In diesem Kontext sind auch Lohnnebenkosten Teil des Lohns (man frage einfach den Arbeitgeber wie er das denn sieht). Tja, da aber die Arbeiteranzahl geringer wird im Verhältnis zu den Alten, wird das schwierig - außer das Arbeitseinkommen der Leute steigt massiv an. Tut es aber nicht.
Aber wo gehen dann die Gewinne hin? Denn wir wissen: "Nur weil es mehr Alte gibt, heißt das nicht, dass es nicht "genügend" Wertschöpfung bei den Jungen zum Abschöpfen gibt." Nennt sich "technischer Fortschritt" und Automatisierung (Maschinen, Computer!) und so.
Tja...die gehen weg...IMO...aus drei Gründen:
1. per Abgeltungssteuer.
Reiche und Superreiche haben Produktivvermögen (Unternehmensanteile) und - ebenso aber hier nicht entscheidend - Land und Immobilien.
In Deutschland wird der Gewinn aus Kapitalerträgen (Verkauf von Aktien mit Gewinn oder z.B. Dividenden) pauschal mit 25% besteuert. Punkt, fertig, aus.
Nur so nebenbei: Der Spitzensteuersatz ist doch bei über 40%, oder? Der Arbeitende zahlt also HÖHERE als der mit PASSIVEN Einkommen, und "darf" als "Lohn" auch noch privat vorsorgen aus dem schon zum Spitzensteuersatz versteuertem Einkommen.
2. Die Beitragsbemessungsgrenze.
Wer hat sich eigentlich den Kram einfallen lassen, dass die Zahlungen in die Sozialsysteme ab einem gewissen Betrag NICHT mehr steigen? Der Vorstandsvorsitzende zahlt dann genauso viel in die Rentenkasse ein wie der gut verdienende Abteilungsleiter. Wie soll ein Sozialsystem funktionieren, wenn die starken Schultern eben NICHT ihren Beitrag leisten? Da zahlt dann der Leiharbeiter prozentual MEHR für die Rentenkasse als der angestellte Manager.
3. Lächerliche Erbschaftssteuer.
Und da reden wir nicht von "Omas Häuschen" oder den 10mio vom Mittelständler. Wir reden von den wirklich Reichen. Es geht nicht darum Jemand das Erarbeitete wegzunehmen. Es geht darum per Erbschaftssteuer zu verhindern, dass sich eine Kaste von Menschen bildet, die NIE was für diesen Wohlstand haben tun müssen und keinen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft leisten. Es hat einen Grund, warum der Bill Gates seinen Kindern jeweils 10mio Dollar vererbt und den Rest wegstiftet. So geht es seinen Kindern gut, ohne sie (in der Regel) komplett zu "versauen."
Fazit: Solange diese drei Punkte nicht bearbeitet werden, brauche ich keinem Normalverdiener (Median glaub so bei 1900€ netto) was vorzuschreiben was er "muss" oder "nicht muss" bei der Altersvorsorge. Zur Hölle: Hätte man einfach die Rente wie in den 1990ern gelassen und einfach halt die Beitragssatz erhöht wäre das immer noch für die meisten Leute billiger als der Quatsch jetzt.
PS: Natürlich nutze ich ETFs und so Spaß für mich selber. Es ist ja sinnvoll.
PS-PS: Ja, Kapitalmarktgelder sind wichtig, denn Unternehmen brauchen ja Geld für die Umsetzung von Investitionen. Meine Darstellung ist bewusst simplifiziert.
PS-PS-PS: Surprise - die meisten Bürger sparen sowieso nicht in ETFs. Die sind voll in Geldforderungen (Versicherungen, Sparbuch, Tagesgeld) und historisch sehr oft mies besteuertem Kram (Immobilien!). Und das wird sich nicht ändern. Ich kann das schlecht finden, oder mich damit arrangieren.
PS-PS-PS-PS: Und wären die Leute anders, dann wäre es halt so wie in den USA: Alle sind am Kapitalmarkt und verzocken ihre Rente mit Enron und Wirecard. Die gesetzliche Rente ist da schon ein Schutz der Leute vor sich selbst. Oder wollen als Boomergeneration alle gleichzeitig in Rente und killen die Kurse dadurch (wegen den massiven Verkäufen).
PS-PS-PS-PS-PS: Deswegen haben die Schweden und Schweizer Recht: Wir sollten alles drei (Gesetzl. Rente, Geldforderungen per Versicherung, Kapitalmarktanteile) als Altersvorsorge mischen.