Ich war gestern lange im Auto unterwegs, aber dort (SWR1) wurden schwerwiegende Versäumnisse des Auswärtigen Amtes als ein Hauptproblem ausgemacht. Die deutsche Botschaft in Kabul hat bereits vor Wochen auf die Lage hingewiesen und schon am Freitag auf eine Evakuierung gedrängt bzw. die Einleitung der erforderlichen Schritte, aber das AA hat das abgelehnt. Da muss man sich schon fragen: Wer wenn nicht die Mitarbeiter vor Ort kann die Lage besser einschätzen? Das geht definitiv auf die Kappe des AA.
Die "Zivilisten" vor Ort sagen: Evakuierung inkl. Rechtssicherheit sofort. Die Geheimdienste sagen: Kabul hält Stand, das hat also Zeit.
Der Fehler war nun, nicht so zu entscheiden, dass der Worst Case vermieden wird.
Erst die Zivilisten/Ortskräfte raus, dann die Soldaten. (Das ist in der Praxis nicht so einfach, weil bspw. afgh Ortskräfe nicht ihre 10 abhängigen Familienmitglieder zurücklassen wollen, aber immerhin eine Leitlinie.
Dass die aktuelle (und zukünftige) Lage völlig falsch eingeschätzt wurde, auch was die afghanische Armee angeht. Das muss schon Jahre im Voraus so gewesen sein, sonst hätte man frühzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen.
Es ist halt schwierig. Wenn man nach 20 Jahren nur so semi-erfolgreich war (extrem euphemistisch gesagt), dann kann man zwar nochmal paar Jahre bleiben, um es richtig zu machen, oder man sieht ein:
Es klappt nicht.
Das wird nichts mehr - jedenfalls nicht das, was wir wollten. (Wobei nicht klar ist, wer was wollte, evtl. wurde die Lage ja recht präzise eingeschätzt, aber sie war den Entscheidungsträger im Grunde egal).
Die Bedingungen für eine Demokratien mit allem pipapo sind dort so schlecht wie kaum irgendwo. Selbst Deutschland hat diverse Jahrzehnte gebraucht - mit massiven Rückschritten.
Frühzeitige Gegenmaßnahmen, um die eigenen Leute rauszuholen, ja, s.o.
Aber um die afghanische Armee zu retten? Oder das Land?
Die Armee hat sicher auch aus logistischen Gründe kapituliert und da hätte man ansetzen können. Im "günstigsten" Fall hätte man statt der schnelle Kapitulation einen Bürgerkrieg von 2 Wochen/Monaten/Jahren. Auch nicht so toll.
Man ist da so "reingerutscht", al Qaida weg, dafür die Taliban weg, dann muss man irgendwie Verantwortung übernehmen. Aber was das genau nachhaltig heißt, das war eben unklar.
Wäre man vor 19 Jahren wieder abgezogen, hätten eignen Leute 18 sehr viel schlimmere Jahre dort erlebt. Immerhin.