Hm, Rösler soll ja angeblich sein Nachfolger werden. 2008 hätte ich mich noch darüber gefreut. Sein Thesenpapier "Was uns fehlt" aus diesem Jahr, liest sich wirklich ordentlich und man konnte es schon als Richtungstrend für die "neue" FDP deuten. Er forderte darin, dass sich die FDP mehr zu sozialen Werten, wie Solidarität bekennen soll, denn Liberalität und Solidarität müssen sich nicht ausschließen. Das war damals schon eine mutige Ansage gegen Parteidiktator Westerwelle, der der FDP jahrelang einen ganz anderen Kurs verordnet hat. Die FDP ist mit ihren Grundwerten alles andere als unsozial. Die FDP hat ja auch immer mit der SPD regiert (ausgenommen 1998-2005). Nun gut, von diesen Grundwerten haben sich mittlerweile alle Parteien weit entfernt, selbst die CDU tut dies unter Merkel. Trotzdem halte ich eine FDP, die auf Bürgerrechte setzt und diese aber im Einklang mit Bürgerpflichten (Steuern, Solidarität) artikuliert. Wie gesagt, im Prinzip haben erst die heutigen Comicfiguren um Westerwelle (Solms, Bürderle, Möllemann, Homburg) dafür gesorgt, dass sich Liberalität mittlerweile nur noch mit ungezügeltem Kapitalismus und Lobbyismus assoziiert.
Bei Rösler durfte man die Hoffnung haben, dass er eben mit diesem Thesenpapier für einen Wandel steht. Aber seitdem er Bundesgesundheitsminister ist, ist nichts von ihm übrig geblieben. Er hat Westerwelle in Sachen Antisozialität überholt (geplante Gesundheitsreform, an die er ursprünglich mal seinen Ministerposten geknüpft hat "Wenn die Refom nicht durchgeführt ist, will ich nicht Minister bleiben" -> Reform von CSU blockiert, Rösler trotzdem noch Minister) und auch in der demokratiefeindlichen Klientel- und Lobbypolitik mischt er kräftig mit, indem er den Präsidenten des Verbandes der privaten Krankenversicherung auf höchster Ebene in seinem Ministerium einpflanzt. Außerdem ist er der Pharmalobby verdächtig hörig.
Christian Lindner wäre die interessantere Alternative. Der ist Antimarxist durch und durch, aber sehr viel intelligenter und rhetorisch geschickter als Rösler, außerdem hat er sich schon immer gut und logisch von der CDU abgegrenzt, wo andere FDP-Leute sich ihren eigentlich Grundsätzen verstoßend angebiedert haben. Lindner hat außerdem gut erkannt, dass die Grünen diejenigen sind, mit denen sich die FDP um Wählerstimmen schlagen muss. Diese Einschätzung teile ich grundlegend. Aber nach dem Show-Master (oder eher Loser) Guido kann ich mir schon vorstellen, dass die FDP lieber einen Schmusekater an der Spitze haben möchte. Rösler ist jedenfalls zahm und hat bewiesen, dass er biegsam ist. Lindner ist zwar ein hervorragender Rhetoriker, aber hat dabei inhaltlich manchmal auch Substanz und verfügt nicht über dasselbe Geltungsbedürfnis wie Westerwelle. Letzterem war ja egal, mit welcher Debatte er in den Medien aufkreuzt, Hauptsache war, DASS er seinen Namen in einer Zeitung fand.