Zuerst gesagt: Freut mich, dass wir - trotz oft sehr auseinandergehender Meinungen - sehr nüchtern über die emotionale Thematik sprechen können. :-)
Ja, "irgendwo richtig" ist es schon. Es ist ja nicht so, dass das eigene Talent gepaart mit Arbeitsethik keine Rolle spielen würden. Wer das in Abrede stellt, macht es sich halt auch zu einfach.
Was jedoch stimmt, ist, dass wir zusätzlich zur natürlichen Arbeitslosigkeit (selbst bei Vollbeschäftigung gäbe es ja ein paar Arbeitslose, einfach weil einer nicht will, einer nicht kann und einer grad den Job verloren hat und erst einen neuen antreten muss) uns mit der Leiharbeit und inzwischen Werksvertragssache weit über die ungelernten Arbeiter hinaus ein Problem geschaffen haben. Spätestens wenn ich daran denke, dass man "früher" mit dem Friseurgeld sich mehr leisten konnte ohne mehr als heute eigentlich zu verdienen, wird einem schwindelig - alles hängt halt mit allem zusammen. Letztendlich sind Leiharbeit und Werkverträge ja nur solange erfolgreich, wie ich einen Arbeitskräfteüberangebot habe. Wer tut sich das als Sklaven gehalten werdende System an, wenn er nicht MÜSSTE und die Firma ihn trotzdem dringend BRÄUCHTE...
...was mich zu einer interessanten Begebenheit bringt. Meine Schwiegermutter in spe, ihres Zeichens Arztgattin, sucht verzweifelt zwei Arzthelferinnen - weil zwei aus verschiedenen Gründen die Praxis verlassen. Gut verdienen tut eine Arzthelferin nicht, leidet aber auch keinen Hunger. Ihr ernsthaftes Problem ist nun, dass die jungen Arzthelfer es sich in Baden Württemberg inzwischen aussuchen können, wohin sie nach der Lehre gehen. Es hat sich halt rumgesprochen, dass man da nicht mit reich wird und dann suchst du die fleißigen die es TROTZDEM machen wollen wie die Nadel im Heuhaufen. Die Bewerber die sie dann größtenteils bekommt, haben irgendwo Lücken im Lebenslauf, Brüche, dauernd die Stelle gewechselt - lauter so Sachen, die einem Personaler die Nackenhaare hochstellen - und mich daran erinnern, wie schön es ist als Selbstständiger mich nicht bewerben zu müssen...

...gleichzeitig lache ich mir das Brett was sie für Bewerber ablehnt. Viele Bewerber haben gar nicht als Arzthelfer gelernt, sondern Krankenschwester oder Ähnliches - haben sich über die Jahre da reingefuchst. Typisch sind Krankenschwestern, die wegen Familie kein Bock mehr auf Schicht haben und lieber weniger Geld in Kauf nehmen, dafür aber familiengerechtere Arbeitszeiten. Das will meine "Mutti" noch nicht so sehen - denn SIE hätte das ja so niemals gemacht. "Damals" hat man was gelernt, hat keine Lebenslaufbrüche und blieb 45 Jahre auf DEM Job.
Wir halten also grob fest: 30-40 Bewerber über 2-3 Monate. Davon die Hälfte brauchbar. Nur halt die 2 oder 3, die klassisch den Weg gegangen sind suchen sich halt aus wohin sie wollen.
Einerseits verstehe ich dass dies "gefühlter Fachkräftemangel" ist - andererseits halt dann doch nicht. Der Unterschied zwischen Schwiegermutti und Tauber ist halt, dass Erstere wenigstens mal da draußen gearbeitet hat und Erfahrungswerte hat - Tauber hat halt nur nachgeplappert. Ist halt doof: Ich werfe auch Niemanden vor "Du Looser" wenn er die Statistikprüfung verhauen hat, wenn man sie selber nicht gepackt hat...
Ähnlich und doch anders bei meinem Vater, der im Fertighausgewerbe arbeitet. Die suchen dringend Elektriker. Die zahlen auch verdammt gut. Das Lustige ist, dass die WIRKLICH gut bezahlen - wenn man auf Montage geht erst recht. Die finden wirklich kaum Jemand, auch zu guten Konditionen. Denen ist aber klar wieso: Anfang/Mitte 2000er war man halt der Depp, wenn man ne Lehre angefangen hat im Handwerksbereich...das kam auch bei den Leuten an...die probieren es jetzt auch mit Umschulern. Bleibt ja sonst nix anderes übrig. Denen hilft ja auch kein arbeitsgeiler Hilfsarbeiter weiter, sie brauchen Leute die zumindest perspektisch den Baustellenverteiler anschließen können und die komplette Haussteuerung programmieren, ohne sich selbst zu grillen. Das ist schon ne Hürde...Fachkräftemangel durchaus gegeben.
Dritter Fall: Kollege arbeitet bei nem großen Automobilzulieferer. Mitte/Ende 2000er haben die viele Abiturienten in die Lehre eingestellt. Man ist ja smart und braucht die "dummen" Realschüler nicht mehr. Konsequenz? Die Abileute schauen sich den Spaß an und merken "Irgendwie ist Dreischicht ja doof und so ein Bürojob ist schon chilliger" - und hauen denen in statistisch signifikanter Anzahl 1-2 Jahre nach der Lehre zum Studium ab. Manche kommen dann wieder als Ingenieure, aber man wollte ja eigentlich die Facharbeiterstellen besetzen. Ätsch. Die sind leer - und man muss doch wieder - um eine Erfahrung reicher - zu den schulisch "schwächeren" greifen, die aber sehr gerne bleiben weil der Lohn stimmt. Fachkräftemangel (vorübergehend) sich selbst geschaffen.
==> Ich aus meiner Warte erlebe in BW eine lustige Mischung aus Fachkräftemangel und Arbeitswilligenüberschuss. Wahrscheinlich ist das auch ein lokales Phänomen, aber so ganz falsch ist der Spruch nicht: "Wenn du was ordentliches gelernt hast, musst du keine 3 Minijobs machen"...aber eben halt nicht ganz. Mit 50+ bist du aktuell auch bei uns hier im Süden dumm dran, wenn du deinen Job verlierst. Interessant ist, dass studiumtaugliche die sich sagen "ich will was körperliches arbeiten" aktuell recht gute Karten haben...eben solange sie jung genug sind. Desweiteren überlegt sich der ein oder andere der durchaus was in der Birne hat zweimal, ob er sich den Spaß antut. Zumindest kann man sagen, dass ein Ungelernter ein Problem hat - ein Facharbeiter/Studierter aber durchaus inzwischen auch. Es gilt zwar weiterhin Ungelernt = Schwierig nen Job zu bekommen von dem man Leben kann, aber es gilt nicht mehr Gelernt = Alles gut.
Wie hat es der große Philosoph Gernot Hassknecht gesagt, bezogen auf die Bereitschaft der heutigen Generation zu schlecht bezahlten Jobs: "Ich habe in den 50ern für 20 Pfennig die Stunde gearbeitet. Warum? WEIL ICH BLÖD WAR!" :-P
Im Übrigen hat schon der große Menschenfreund, Demokratieliebhaber und Pluralismusförderer, ausgezeichnet mit dem höchsten für Ausländer möglichen Orden des Deutschen Reichs, Henry Ford in seinem Buch "My Lifes Work" schön (sinngemäß) gesagt:
"Fortschritt ist nicht das Problem bezüglich Arbeitslosigkeit. Fortschritt bringt auch neue Arbeit. Blöde ist nur, wenn viele Veränderungen gleichzeitig passieren, sodass der Umbruch zuviel gleichzeitig umwirft."
Wir hatten es ja noch nie in der Form: Früher hat man Menschenjobs durch andere Menschenjobs ersetzt. Maschinen waren Hilfsmittel. Heute ersetze ich den Menschen durch Maschinen komplett. Das ist ein Novum. Ohne Maschinensteuer und Grundeinkommen wird das schwer.
Btw: Als sich der Daimlerchef zur Hochzeit der Flüchtlingswelle hinstelle und die kommenden Facharbeiter begrüßte - da war mir dann klar, wieso unsere "Spitzenmanager" nach China und Co. verlagern und sich dann überrascht wundern, wieso die Qualität und Arbeitsethik eine andere sind - wobei China ja noch halbwegs geht. Ohje, was ich früher für schreckliche Teile aus Ungarn in die Hände bekommen habe.....dafür wäre man bei uns in DE gefeuert worden. Die "Spitzenmanager" checken nicht was sie eigentlich am deutschen Arbeiter haben. Selbst der dümmste Hilfsarbeiter ist hier arbeitstechnisch-arbeitsgeilheitlich-qualitätsmäßíg sehr gut sozialisiert. Das gibt es sonst kaum auf der Welt...