Target-Salden entstehen über Handelsungleichgewichte.
Das ist von dir aber jetzt wesentlich verkürzt. Target-Salden entstehen aus JEDEM grenzüberschreitenden Zahlungsvorgang im Euroraum. Ein großer Teil des deutschen Saldos stammt aus den EZB-Anleihekäufen, nicht aus dem EU-Binnenhandel, vor 2008 waren die Salden trotz stark unterschiedlicher Handelsbilanzen im Euroraum eher klein.
Welche Bank der Kunde und Mercedes haben ist dabei egal.
Diese Aussage stimmt so nicht: wenn sowohl Käufer als auch Verkäufer ihre Konten bei Banken im gleichen Land haben, kommt Target überhaupt nicht ins Spiel.
Aber jetzt stell dir vor, Deutschland tritt aus und stellt seine Forderung fällig, weil es ja nicht mehr Teil der EZB und des Target-Systems ist.
Das halte ich für das grundlegende Problem bei deinem Szenario: die Bundesbank hätte im Falle des Dexit keine monetäre Forderung gegen Italien, sondern sie hätte eine rein buchhalterische Forderung gegen die EZB bzw. das gesamte Eurosystem. Diese "Forderung" hat aber weder eine Laufzeit noch eine Fälligkeit noch kann sie einfach so "fällig gestellt" werden.
Es ist fachlich umstritten, ob Target-Salden überhaupt Forderungen im Sinne von "Krediten" sind oder nur reine Verrechnungsposten. Du stellst es so dar, als wäre es ein gesicherter Fakt, dass es sich um "richtige" Forderungen handelt.
Jetzt packst du da nochmal 345 Mrd. drauf, die sie der Banca d’Italia zur Verfügung stellen müssen.
Ein negativer Target-Saldo ist eine buchhalterische Verbindlichkeit einer Notenbank bei der EZB, keine Staatsschuld, der ital. Staat müsste vermutlich nur einspringen, wenn die Banca d’Italia dadurch bilanziell stark in Schieflage geriete. Dieses "Draufpacken" auf die ital. Staatsverschuldung ist eine These, die du belegen müsstest, was aber mW. nicht aus den entsprechenden Verträgen zum Eurosystem hervorgeht.
Target-Salden werden auch nur zum EZB-Leitzins verzinst (seit Sept. 26 wimre 2,65%), nicht zu den von dir genannten Renditen von Staatsanleihen. Diese Zinsen belasten die Gewinne der Banca d’Italia, nicht den Staatshaushalt direkt, damit geht deine Rechnung "Zinslast steigt um X" in der Form nicht auf.
Ich gehe nicht weiter auf Frankreich und Spanien ein und habe auch alle von dir genannten Zahlen nicht nachgeprüft, weil die Prämisse mMn. nicht wirklich tragfähig ist. Ein Totalausfall des gesamten Saldos ist sowieso ein unwahrscheinliches Extrem-Szenario und die Schlussfolgerung "weniger Kaufkraft, weil die Mittelschicht viel höher besteuert wird" ist eine weitere These von dir ohne Beleg.
Dass die übrigen Euro-Länder nach einem Dexit die Verhandlungen über die Target-Salden verweigern könnten, ist als Risiko nicht 100%ig auszuschließen, aber da ein Euro-Austritt in den Verträgen nicht geregelt ist, müsste in der Praxis verhandelt werden. Der Gegenpart der Bundesbank ist die EZB bzw. das Eurosystem, nicht einzelne EU-Staaten, die sich querstellen könnten. Ob und wie dieser Saldo abgewickelt wird, wäre Teil des Gesamtpakets im Rahmen der Verhandlungen über den Dexit.
Der Target-Saldo führt nicht automatisch zu einer gleich hohen Rechnung für den deutschen Steuerzahler oder den Bund, eine direkte Zahlungspflicht lässt sich aus seiner bloßen Existenz nicht ableiten. Selbst im schlechtesten Fall, dem Totalausfall des Saldos, wäre das zunächst ein bilanzieller "Verlust" der Bundesbank, der die Gewinnausschüttung an den Bund schmälern würde, keine Rechnung von über 1.000 Mrd. EUR, die der Steuerzahler sofort begleichen müsste. Welche weiteren Folgen ein Dexit hätte, hinge von den auszuhandelnden Abwicklungsregeln ab.
Das ist aber sowieso alles nur gackern über ungelegte Eier, käme es zu einem Dexit oder zu einem Zerbrechen der EU, hätten wir imho viel gravierendere Probleme als theoretische, buchhalterische Verbindlichkeiten.
Um mal den Vergleich zu schlagen : Argentinien hatte 2023 154,6% des BIP an Staatsschulden ist jetzt mittlerweile runter auf 70,41%.
Der Vergleich passt nicht zum Thema, denn Argentinien hat weder den Euro noch ein Target-System. Du setzt den Targetsaldo mit direkter, neuer Staatsverschuldung gleich, das ist so nicht haltbar.
Des weiteren wird Mercedes ohne Target-Salden dem Italiener kein zweites Auto verkaufen.
Target-Salden sind keine Voraussetzung für Handel, sondern nur eine Abrechnungsmethode, Deutschland handelt auch mit den USA, China oder Japan, die nicht Teil des Targetsystems sind.
Das große wirtschaftliche Risiko bei einem Dexit wäre - neben dem Untergang der EU - eine mutmaßliche Aufwertung der neuen D-Mark gegenüber EUR und Dollar, die deutsche Waren im Ausland teurer machen würde. Diesen Wechselkurseffekt berücksichtigst du überhaupt nicht, obwohl er mMn. viel stärkere wirtschaftliche Auswirkungen hätte als der Target2-Saldo.
Meine Meinung zum Targetsystem: es ist ein Verrechnungssystem, der Saldo zeigt im Endeffekt nur, wo Zentralbankgeld national hin- und wo es weggeflossen ist, auf EZB- bzw. Eurosystem-Ebene ist die Summe Null.