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Frust-Ablass-Thread für das Real Life
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Henningway:
Weil ich sicher bin, dass jeder von Euch gerne mal Dampf ablassen will (und weil ich es leid bin, den Mitleid-Thread vollzuspammen), habe ich mal den hier gemacht. Und natürlich aus aktuellem Anlass: Notdienst.

Samstag, 23:30Uhr: Frau (Mitte 20) reicht mir ein Rezept über nicht gerade gängige Ohrentropfen für das kranke Kind. Ich sage ihr, dass ich die vorhandene Packung im Laufe des Tages bereits verkauft habe. Alternativapotheken mit Notdienst befinden sich jeweils in den Nachbarstädten. Trotz weiterer wartender Kunden biete ich ihr an, diese Apotheke telefonisch abzuklappern und das Medikament für sie zu reservieren. Auf dem Weg höre ich sie bereits drauß zetern, dass sie jetzt auch noch nach Wermelskirchen oder Wuppertal fahren muss.
Ich erreiche eine nette Kollegin, die das Arzneimittel vorrätig hält. Als ich an die Klappe zurück komme, findet folgender Dialog statt:
Ich: "So, ich habe das Arzneimittel in der Apotheke in Wuppertal-Ronsdorf aufgetrieben."
Sie: "Toll. Wermelskirchen wäre aber näher gewesen von da, wo ich wohne."
Ich: "Vielleicht, aber jetzt sind Sie hier und so groß ist der Unterschied nicht."
Sie: "Naja..."
Ich: "Möchten Sie denn, dass ich in der Wermelskirchener Apotheke auch noch anrufe?"
Sie: "Nein, schon gut. Aber ist schon unglaublich, dass Sie das nicht da haben."
Ich: "Naja, das ist nicht gerade ein gängiges Arzneimittel."
Sie: "Ach, erzählen Sie doch nichts! Ich habe zwei Kinder, ich weiß Bescheid!"
Ich: (verkneife mir einen bissigen Kommentar, wer über Abverkaufszahlen wohl besser Bescheid weiß, der Verkäufer oder der Kunde)
Sie: "Na, dann muss ich ja wohl jetzt nach Ronsdorf fahren. Mit zwei Kindern im Auto. Super!" Sie reckt mir den aufgezeigten Daumen entgegen und geht.

Warum ich mich darüber so ärgere? Weil der überwiegende Teil der Menschen es wohl als selbstverständlich betrachtet, dass meine Kollegen und ich mir nahezu unbezahlt (!) die Nacht für Notfälle um die Ohren schlagen und außerdem noch die Serviceleistung der Arzneimittelbeschaffung anbieten, wo sie doch selbst anrufen könnte. Bei allem Verständnis für die Odyssee, die die junge Mutter schon hinter sich hat, gibt es keinen Grund, dann unfreundlich und unverschämt zu werden. Und die Pointe: nach Wermelskirchen sind es 9.0 km. Nach Ronsdorf 8.5! :D
DeadCrow:
Ich finde diese Konfrontationssituationen zwischen Fachpersonal und Konsument immer hochspannend. Mich würde mal interessieren, was der Hauptbeweggrund für die Leute ist, sodass sie kontinuierlich diese spannungsgeladene Atmosphäre heraufbeschwören. Es kommt ja immer wieder zu solchen wie von dir dargestellten Dialogen. Im Grunde muss doch da gerade gegenüber den Beschäftigten im Bereich Gesundheit/Rehabilitation etc. ein tiefliegender Argwohn vorhanden sein, frei nach dem Motto: "Der kann mir alles erzählen und jeden Mist andrehen, weil ich ja keine Ahnung habe". Wenn sich das dann so wie von dir beschrieben darstellt, dass der Rezipient deiner (oder denen eines/r beliebigen anderen Apotheker/in, Arzt/Ärtin etc.)  wohlgemeinten Hilfestellungen und vor allem deiner von Fachwissen gesteuerten Empfehlungen so an die Decke geht oder eigene Kompetenz auf dem Gebiet vortäuscht, liegt ja entweder tatsächlich die Befürchtung einer Abzocke (was hier aber unwahrscheinlich ist) oder aber ein mögliches Gefühl der Einschüchterung vor. Gerade im Umgang mit Ärzten kann ich mir bei vielen Leuten tatsächlich vorstellen, dass sie dann auf die passiv-aggressive Schiene wechseln, um ihre eigene Unsicherheit zu vertuschen. In deinem Fall wird es sich jetzt wohl nicht besonders komplex dargestellt haben; da durftest du einfach nur die unglückliche Rolle des Sündenbocks spielen. Wirklich schade, dass durch solche Vorkommnisse hilfsbereiten und engagierten Leuten vorgegaukelt wird, ihre Bemühungen wären fruchtlos und vergebens, und Undank sei generell der Welten Lohn. Natürlich gehe ich bei dir jetzt nicht von einer solchen Misere aus, aber es trifft manche Leute sehr hart, wenn sie in einer für sie unverständlichen Art und Weise trotz altruistischem Motiv grob angefahren werden. Das Konzept des Sündenbocks ist so ein fieses, aber leider nunmal unersetzbar für gewisse Persönlichkeitstypen. Da sind externe Schuldzuweisungen dann die einzige Art und Weise, mit verfahrenen Situationen und belastenden Problemen fertig zu werden. Ich bin also immer hin- und hergerissen: einerseits möchte ich eine Lanze brechen für all diejenigen, denen Dank und Lob nicht immer so leicht von der Zunge rollen, und die oftmals einfach falsch wahrgenommen werden. Im Herzen sind sie dankbar, aber momentanen emotionale Wallungen sorgen halt für Auseinandersetzungen, für die sie sich später gerne entschuldigen würden oder sogar schämen. Andererseits jedoch gibt es natürlich (und jeder kennt wenigstens einen, wahrscheinlich sogar eine ganze Handvoll) auch jene Idioten, die in bester "Rechte vor Pflichten"-Manier ihre eigenen imaginären Ansprüche geltend machen und, alle im Vorgang inbegriffenen menschlichen Faktoren ignorierend, die Umstände als gegeben hinnehmen. Da könnte mir jedesmal fast eine Ader platzen. Falsche Bescheidenheit muss nicht sein, wir sind alle nur Menschen - aber ebenso hat jeder Respekt verdient. Auf deiner Seite würde ich allerdings auch anmerken, dass dir da vielleicht auch ein wenig die Anerkennung im Bezug auf deine besondere Mühe gefehlt hat. Diesbezüglich sind wir ja alle Kinder - wer wird denn nicht gerne gelobt?  ;)

Alles in allem möchte ich festhalten: Meistens sind diese Leute viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und registrieren ihr Benehmen erst später. Ob dann allerdings eine entsprechende Selbstreflektion stattfindet, hängt natürlich von der Persönlichkeit ab. Gut, dass es Menschen wie dich gibt, die ungeachtet solcher Unbequemlichkeiten weiter am Ball bleiben und helfen, wenn sie helfen können!  :)

PS: Es ist wirklich schon spät. Ich sollte lieber schlafen, anstatt hier pseudointellektuelle Beiträge zu verfassen  :-X
Henningway:
Nicht nötig, Dich zu entschuldigen. Mein Notdienst-umnebeltes Hirn konnte dem gut folgen (trotz der scheinbar telepathischen Fähigkeit der Patienten, stets in exakten Zeitabständen in der Nacht zu erscheinen, so wie heute: 0:00, 2:10, 4:05, 6:19 - das ist Folter! ;)).

Ich glaube, Du triffst den Punkt. Beim Lesen Deiner Zeilen konnte ich meine eigenen Gedanken gut wiederfinden. Allerdings frage ich mich (wobei ich zugebe, ein generell sehr kopfgesteuerter Mensch zu sein), warum das so sein muss. Mit solchen Typen Mensch werde ich ständig konfrontiert und ich bin mir sicher, dass es allen lesenden Pflegekräften/Polizisten/Ärzten... genauso geht. Warum ist das so? Nehme ich Deine Vermutungen auf, würde das ein ziemlich negatives Bild der menschlichen Gesellschaft und ihrer sozioempathischen Fähigkeiten zeigen. Oder nennen wir es mangelnde soziale Intelligenz. Wie ich selbst schon schrieb, habe ich natürlich Verständnis für die Mutter, die sehr wahrscheinlich mehrere Stunden mit ihrem kranken Kind unterwegs ist und bei der Aussicht, jetzt nochmals eine längere Strecke fahren zu müssen, nicht gerade erbaut ist. Und ich erwarte auch nicht, dass jeder Mensch grundsätzlich vernünftig reagiert. Aber es ist die Masse! Die Anzahl der Patienten, die Dankbarkeit auch nur ausstrahlt, ist nur wenig höher als die Anzahl derer, die mächtig sauer ist.

Abschließend glaube ich, ist es tatsächlich Ausdruck des wachsenden Ich-bin-wichtiger-als-Du-Gefühls.
Octavianus:
Ich kann da voll und ganz mit dir mitfühlen. Im zunehmenden Maße erlebe ich, dass Menschen konfrontativ ihre Ziele durchsetzen wollen und keinerlei Empathie für den Gegenüber aufbringen. Ob sie es nicht können oder schlichtweg nicht wollen, weiß ich nicht. Beides finde ich bedenklich.

In der Regel versuche ich, durch ein positives Beispiel voranzugehen und als Bittsteller gleich welcher Art höflich zu sein. Ich bilde mir ein, dass schon durch kleine Gesten viel erreicht werden kann. Man dankt dem Autofahrer fürs Reinlassen in eine Lücke, man lässt jemandem an der Supermarktkasse den Vortritt, weil dieser weniger im Wagen hat. Schade, dass einem solch ein Verhalten von Teilen der Gesellschaft mittlerweile als Schwäche ausgelegt wird. Für mich ist es das Normalste der Welt, für diesen Schlag Menschen ist es jedoch offenbar wichtiger, archaische Beziehungsstrukturen und Rollenmuster aufleben zu lassen.

In deinem vorliegenden Fall wäre es wirklich mal spannend, die Reaktion der Leute zu erfahren, wenn sie erst einmal sehen, welchen Aufwand du für sie betrieben hast und dass du ihnen letztlich gar nichts Böses willst. Zugegeben, ich traue auch nicht jedem über den Weg und sicher unterstelle ich manchem auch mal schlechte Absichten, aber es ist eine Sache, das (permanent!) so offen zu zeigen und eine andere, Vorbehalte zu haben, die dann aber durch den Umgang miteinander ganz schnell abgebaut werden können.
Henningway:
Man muss schon aufpassen, dass man nicht zum Misanthrop wird. :( Ich behaupte nämlich, dass wenn man solchen Menschen den Aufwand beschreiben oder zeigen würde, diese keinen Deut von ihrer Meinung abrücken, weil ihre Probleme halt wichtiger sind.
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