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WM 2018 in Russland

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Herr_Rossi:


--- Zitat von: Bloody am 17.Juli 2018, 14:38:44 ---Ich verstehe nicht so richtig, wie die Begründung "Das ist ja noch ein junges Land" ausgeprägten Nationalismus mit Hang zum Faschismus irgendwie...rechtfertigt?

@MarkusMerk: Hier wurde das ganze schon in der Gruppenphase, übrigens nicht durch die Boulevardpresse, thematisiert: https://www.tagesspiegel.de/sport/fussball-wm-2018-kroatien-und-der-umgang-mit-der-faschistischen-vergangenheit/22733884.html

--- Ende Zitat ---

Uh, da muss ich was klarstellen. Meine Aussage war nur auf den Nationalismus bezogen.

White:

Ich weiß aber auch nicht, ob der Begriff "Faschismus" in anderen Ländern so extrem negativ belegt ist wie in Deutschland. Klar waren die Italiener und Spanier, genau wie Kroaten, Rumänen und Ungarn keine Kinder von Traurigkeit, aber gerade in Deutschland wird Faschismus ja direkt mit dem NS-Regime gleichgesetzt. Dass das ganz übele Verbrecher waren, darüber brauchen wir nicht streiten. Aber während die NSDAP in Deutschland ihr Ding gemacht hat, waren die Ustascha in Kroatien ja sicherlich auch zuallererst "Freiheitskämpfer".
Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass ein Ante Pavelic (oder Pavlic?) für viele Kroaten ein Volksheld/Symbolfigur ist, wie für viele Linke Weltweit ein Che Guevara. Aber das ist reine Mutmaßung. Man darf nicht vergessen, dass Kroatien vor und nach der Ustascha eigentlich nur Scheisse fressen musste und eine Nationalidentität zumindest unterdrückt wurde.

Meistermacher:

Freitag Abend spontan nach Zagreb gefahren, vorhin wieder zuhause angekommen, kurz: Stimmung war bombastisch. Auch direkt nach dem Spiel haben 99% der Hunderttausende weiter gesungen, getrunken und gefeiert, als ob gerade kein Finalspiel verloren wurde. Waren uns zwar relativ sicher, dass Frankreich das Ding holt, aber muss man trotzdem mal erlebt haben was da so abging. :D

Zu der "Nazi"-Diskussion: Das ist wie gesagt ein sehr kompliziertes Thema, aber ich als Ausländer habe da überhaupt keine negativen Gedanken daran. Es ist in meinen Augen ein RIESIGER Unterschied zwischen Nationalstolz und Fremdenhass, leider ist in Deutschland sehr oft eher zweiteres der Fall, was einfach abartig ist, extremer Nationalstolz ist natürlich auch nicht gut, aber solange es keine Folgen hat oder anderen schadet - mir schadet es nicht direkt, wenn Personen vor lauter Nationalstolz singen, dass sie für ihn Land sterben würden oder dass ihr Land über allem steht, so lange sie nicht direkt anderen drohen o.Ä. Ich sehe da kein Konfliktpotenzial wie beim Fremdenhass, ich denke da fühlt sich niemand direkt angesprochen.

Dr. Gonzo:


--- Zitat von: Meistermacher am 17.Juli 2018, 16:44:49 ---Ich sehe da kein Konfliktpotenzial wie beim Fremdenhass, ich denke da fühlt sich niemand direkt angesprochen.

--- Ende Zitat ---

Ich sehe da sehr großes Konfliktpotential. Das ist einer von vielen Gründen, warum man sich auf dem Balkan auch in 100 Jahren noch nicht "vertragen" wird. Unter dem Deckmantel des Patriotismus' oder Nationalstolzes geschieht so einiges, was riesiges Konflikpotential birgt. Ich kann damit jedenfalls wenig anfangen und verstehe die Verharmlosungen hier nicht.

Octavianus:

Grundsätzlich stützt sich Nationalstolz auf der Vorstellung, dass eine Gruppe von Personen die Zugehörigkeit zu dem gleichen Land vereint. Somit werden Menschen, die nicht dazu gehören, ausgegrenzt, schließlich gehören sie zu einer anderen kulturellen Gruppe. Insofern gipfelt Nationalstolz in extremer Form immer in der Herabsetzung anderer Nationen. Ich denke, dass man für sein Geburtsland ehrlich gesagt nichts kann, schließlich war es nicht unsere Entscheidung, in genau diesem Land geboren zu werden. Dass man sich über Leistungen von Menschen seines Kulturkreises (in dem man aufgewachsen und sozialisiert ist) freut, ist prinzipiell eine schöne Sache und nicht verachtenswert.

Ein Problem sind wie immer Nationalisten, die den Bogen überspannen und alles außerhalb des eigenen kulturellen Milieus strikt ablehnen oder herabsetzen - manchmal auch nur des Prinzips wegen. Ich denke, dass man ohne Probleme sagen könnte, dass man stolz auf Deutschland ist. Schließlich hat sich Deutschland seit den zwei Weltkriegen gut gemacht, einen nach wie vor funktionierenden Sozialstaat aufgebaut und ist wirtschaftlich weiterhin potent, so dass überproportional viele Menschen ein gutes Leben führen können - während das in anderen Ländern der Welt eben nicht der Fall ist. Darauf und auf sportliche Errungenschaften kann man also stolz sein und sollte das auch zeigen und feiern dürfen. Wichtig ist, dass man dann aber auch in anderen Momenten weiter denkt und sich fragt, worauf diese Errungenschaften beruhen. Die deutsche Nationalmannschaft ist multikulturell, da etliche Spieler einen Migrationshintergrund haben. Das ist kein Makel, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass Deutschland ein Magnet für viele Menschen ist, die sich eine bessere Zukunft versprechen. Dass der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands auch auf dem (Aus)nutzen von Ressourcen anderer Länder beruht und teilweise ganze Kontinente benachteiligt werden, ist etwas, das man nicht vergessen sollte. Man muss nicht jede Minute darüber sinnieren, aber ab und an ein wenig Demut zeigen und Lösungen finden, um Ungleichgewichte abzubauen, kann nicht schaden.

Worauf ich hinauswill: Nationalstolz kann ein Gefühl sein, dass man in solchen Momenten erlebt und auch auslebt. Ich halte es jedoch für keine faschistische Einbahnstraße, sondern eine Chance, dieses positive Gefühl in positiven Taten für eine bessere Zukunft des eigenen Landes wie auch der Welt umzusetzen. In Zeiten von populistischen Parteien ist es umso wichtiger, nicht blind den modernen Rattenfängern zu folgen, sondern mit klaren Augen die Welt zu sehen und zu versuchen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten das eigene Land zu einem lebenswerten Ort zu machen.

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