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Autor Thema: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften  (Gelesen 153736 mal)

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #60 am: 07.Mai 2013, 11:21:12 »

Finde es cool das du ehemalige Teams vorstellst...

Fände es cool, wenn du mal die Nationalmannschaft der USA ( 90er Jahre ) nehmen würdest.
Mit Spielern wie Tom Dooly, Eric Wynalda, Alexi Lalas, Marcello Balboa, Frankie Hejduk, und und und...

Das waren die Stars meiner Kindheit, und meiner Meinung nach das beste USA Team allerzeiten!!

Tony Meola, der immer aussah wie ein typischer amerikanischer Schauspieler aus einem College-Film ;)

Eher ein Sportfilm als Footballprofi in der Defenseline :D
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #61 am: 07.Mai 2013, 15:05:47 »

Balboa und Lalas nebeneinanderstehend bei der Hymne..... unbezahlbarer Anblick  :laugh:

Ich versuch in diesem Monat nun endlich Brasiliens 4-2-4  fertig zu bekommen. Danach noch Viktor Maslow und der moderne Fußball, anschließend noch Deutschland 1972 . Danach werd ich gerne die hier erwähnten Vorschläge in Betracht ziehen ;)
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Der Ball ist aus Leder. Das ist die Haut von der Kuh. Die Kuh grast. Deshalb will der Ball immer auf den Boden fallen. ( Dunga)

kontermann

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #62 am: 07.Mai 2013, 15:23:22 »



Eher ein Sportfilm als Footballprofi in der Defenseline :D

Stimmt. Dann aber Quarterback, der alle Cheerleaders haben kann :)

Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #63 am: 09.Mai 2013, 02:26:25 »

Brasilien 1958- Beginn der modernen Formation
Wenn man von "modernem" Fußball spricht, unterscheidet ihm 2 grundsätzliche Dinge vom "alten" Fußball.  Dieses Kapitel soll eine Facette davon besonders beleuchten.
Bis auf die Donauländer ( Österreich , Tschechien und Ungarn) spielten ab den 30er Jahren alle Mannschaften auf der Welt das WM-System, bzw. Variationen davon ( z.B. den Metodo). Doch wurde dieses System nicht überall vollends akzeptiert und als unattraktiv befunden. Dies war insbesondere in Brasilien der Fall. Schon 1941 experimentierten Vereine wie Flamengo mit einem neuen Spielsystem. Ein "schiefes ´" 4-2-4 lässt sich feststellen. Dabei ließ sich ein Innenstürmer ins heutige offensive Mittelfeld zurückfallen , ein Außenläufer rückte knapp vor die Abwehr . Prinzipiell war das eher ein 3-1-1-1-4. Vom "Spielradar" her war dieses System durchaus beachtlich und innovativ, von der Spielweise her allerdings nicht unbedingt erfolgreich. Brasiliens Fußball war schon immer dynamischer als z.B. in England, die Individualität des einzelnen Spieler war deutlich mehr gefragt. Dies war beim neuen System nicht anders.

Bei der Weltmeisterschaft 1950 waren die angesprochenen Änderungen zu sehen, aber im letzten und entscheidenen Spiel gegen Uruguay ( die ein 1-3-3-3 System spielten, siehe auch: Schweizer Riegel) griff man wieder auf das WM-System zurück. Warum der Trainer auf das alte System zurückgriff, ist ähnlich umstritten wie der gleiche Vorgang 1954 bei den Ungarn.
Man dominierte die ersten Spiele im schiefen 4-2-4, doch scheint man Uruguay für so stark gehalten zu haben, auf Experimente zu verzichten. Der große Star Brasiliens , Peles Vorbild Zizinho, war zunächst verletzt und kehrte zur Mannschaft zurück, als man nur unentschieden gegen die Schweiz spielte. Dies schien den Trainer verunsichert zu haben.
Dennoch zeigten die Vorrundenspiele das große Potenzial dieses Systems.

Wer nun dieses 4-2-4 in Reinform erfand, ist nicht genau geklärt, ich denke, es gab 3 treibende Kräfte. 1951 ist in Brasilien das klassische 4-2-4 das erste mal ordentlich belegt. Deshalb scheidet Brasilien meiner Meinung nach als Erfinder aus. Bleiben noch Ungarn und die Sowjetunion. Sebes führte das 4-2-4 etwa 1950 ein, Boris Arkadiew wohl einen Tick früher. Dennoch liefen die Entwicklungen voneinander unabhängig und sie hatten trotzdem noch nicht viel mit dem 1958er 4-2-4 System zu tun: Was die brasilianische Variante betrifft, will ich nicht zu viel vorweg nehmen. Kurz gesagt, waren die Spielerrollen anders bzw. noch gar nicht definiert. Sebes' 4-2-4 lässt sich mit keinem anderen Spielsystem vergleichen, da es einfach zu speziell auf die Mannschaft zugeschnitten war. Arkadiews "organisiertes Chaos" war ebenfalls sehr speziell.

Dennoch war wohl das bereits angesprochene 4-2-4 System von 1951  doch schon sehr weit entwickelt, zumindest was die Defensive betraf. Wie die spätere Mannschaft von 1958 wurde ein Außenläufer in die Innenverteidigung gezogen und zog während des Spiels immer wieder ins Mittelfeld . Ein offensiver Innenverteidiger sozusagen.  Der Mittelstürmer spielte stark zurückgezogen im Mittelfeld , allerdings war er noch kein Mittelfeldspieler wie 1958. Zudem wurde von Mann- auf Raumdeckung umgestellt - ein kleiner Fingerzeig auf das nächste Kapitel-, was den Spielfluss deutlich verbesserte.

Ab Mitte der 50er Jahre wurde dann auch in der brasilianischen Nationalmannschaft der "Ponta da Lanca" eingeführt- ein Halbstürmer wurde das Verbindungsglied zwischen Mittelfeld und Sturm-, was in Ungarn Ferenc Puskas in Perfektion zelebrierte. Diese Spielerrolle sollte 1958 ein Teenager ausführen, doch dazu später mehr.
Um schon mal die Formation von Brasilien 1958 vor Augen zu führen, hier mal eine FM-Grafik :D

Schauen wir uns die Spielerrollen genauer an. Die Außenverteidiger an sich sind ein absolut neues Phänomen. Sie erfüllten noch keine offensiven Aufgaben wie 1970, aber ihre technischen Fertigkeiten waren weltweit unübertroffen und wurden erst spätert durch Facchetti übertroffen. Orlando war der klassische Innenverteidiger, während Bellini auch ins Mittelfeld vorstieß. Über das Mittelfeld will ich jetzt noch nicht so viele Worte verlieren, aber nochmal ist zu betonen , dass man nun von einem Mittel Feld sprechen muss.

Garrincha war die Kopie von Stanley Matthews, vielleicht der beste Techniker , den Brasilien je hatte. Vava war ein klassischer Mittelstürmer. Interessant wird es bei Pele und Zagallo. Pele war seiner Zeit 50 Jahre voraus, keine Frage. Er verkörperte nämlich die "falsche 9". Nichts anderes. Und zwar verkörperte er sie nach dem heutigen Verständnis, insofern wirkt Pele in dieser Position bis heute nach. Da ich Pele gern später im anderen Thread behandeln möchte, möchte ich es daher dabei auch schon belassen.
Für beide Titelgewinner der Brasilianer wichtiger halte ich aber Mario Zagallo. Dieser hatte prinzipiell die gleiche Funktion wie Jair bei Inter Mailand. Als Flügelstürmer zog er sich oft ins Mittelfeld zurück, sodass Garrincha auf der anderen Seite seine gefährlichen Flügelläufe zelebrieren konnte. Zagallo zeigte auch Brasiliens nächste Innovation, er war 1962 im linken Mittelfeld zu finden - Das 4-3-3 System war geboren.

Soviel zu den Spielerrollen.Diese müssen nun natürlich in ein Spielsystem , in einer Teamspielweise verpackt werden, die ebenfalls innovativ sein musste, wollte man die Finalniederlage 1950 und das Debakel 1954 überwinden. Der Vater des 4-2-4 Systems Brasiliens 1958 ist daher meiner Meinung nach der ungarische Trainer Béla Guttmann, der seine Idee in Brasilien einführte.

Guttmann, der später mit Benfica den Europapokal der Landesmeister gewinnen sollte, war, typisch für einen Ungarn, ein Verfechter des Offensivspiels. 1954 war Brasilien erstaunlich defensiv, destruktiv spielend aufgefallen. Es fehlte die Zielstrebigkeit, auch im Abschluss. Letzteres war beim österreichischen Wunderteam ähnlich. Béla Guttmann brachte die Zielstrebigkeit der Aranyczapat mit nach Brasilien. Das Spiel nach vorn wurde wieder beschleunigt, Kombinationen liefen flüssiger. Auch wenn Guttmann nur 1 Jahr in Brasilien verweilte sollten seine Trainingsmethoden und seine Einstellung zum Spiel auch den Fußball in Brasilien verändern.
Kurz nochmal zum Mittelfeld: Man muss nun die alte Einteilung Torwart-Verteidiger-Läufer-Sturm durch Torwart-Verteidigung-Mittelfeld-Sturm ersetzen. Warum? Der Grund liegt bei den Außenverteidigern und den Flügelstürmern. Diese hielten sich in allen 4-2-4 Systemen nun immer häufiger im mittleren Feld auf- also auf den eigentlichen Läufer-Positionen, während die Außenläufer entweder in die Innenverteidigung oder ins defensive/zentrale Mittelfeld einrückten. In der Zentrale hielten sich mindestens 2 Spieler auf, die dort auch blieben. Zudem gesellten sich auch torgefährliche Spieler, wie oben bereits gesehen, Didi in die Zentrale , was zu einer Aufwertung dieses Spielbereiches führte.
Fassen wir , bevor wir zur WM 1958 kommen, nochmal alles zusammen.  Brasilien verfügt über ein neues Spielsystem, das es in den anderen Teilen der Welt noch nicht in einer entwickelten Form gibt. Das WM-System ist noch überall allgegenwärtig. Außerdem ist die Raumdeckung in Brasilien etabliert. Dazu kommen die neuen Spielerrollen und die Einstellung, konsequent nach vorn zu spielen und eiskalt abzuschließen. Vom Brasilien 1954 unterschied sich sie 58er Mannschaft in den eben aufgeführten Kategorien daher um Welten.
Doch es fehlt noch eine wichtige Komponente, ohne die Brasilien wohl nicht Weltmeister gewesen wäre. Es brauchte einen Trainer, der ein Gefühl dafür hatte, die richtigen Spieler auf der richtigen Position einzusetzen und diese Spieler psychisch auf ihre Rolle vorzubereiten. Dieser Trainer hieß Vicente Feola.


Feola entschied sich, gegen Widerständen einiger "Psychologen" und anderer Kritikerim eigenen Land zwei Spieler nach Schweden mitzunehmen, die bis heute unvergessen sind. Er vertraute auf einen 17 jährigen Offensivspieler, der schon in diesem Alter seine Klasse offenbarte und zum besten Fußballspieler aller Zeiten werden sollte.

Pele hatte, ähnlich wie Sindelar, ein komplett anderes Spielverständnis seiner Zeit. Was Pele von allen anderen Fußballern unterschied , war die beeindruckende Fähigkeit, Technik, Teamwork und Übersicht im richtigen Moment gewinnbringend einzusetzen. Die fußballerischen Fähigkeiten waren im Prinzip nur ein Werkzeug. Aber diese, wie ich sie nenne, "spontane Spielintelligenz", also im richtigen Moment das optimale zu tun, hebt Pele aus der Zeit heraus. Im übrigen halte ich Lionel Messi in diesem Bereich für vergleichbar ebenbürtig, letztendlich ist es nämlich diese Eigenschaft, die ihn aus vergleichbaren Spielerpersönlichkeiten ( Maradona, George Best, Roberto Baggio) nochmal heraushebt. Aus diesen beiden Komponenten, fußballerische Fähigkeiten  und spontane Spielintelligenz, beide in übernatürlichen Maße vorhanden, lassen sich die 50 Saisontore eines Lionel Messi oder eben die 1200 Tore eines Pele erklären.
Feola erkannte dies bei dem erst 17-jährigen.
Zum anderen nahm er mit Garrincha einen Rechtsaußen mit einem X- und einem O-Bein mit, um dem Gegner einen Gegenspieler zu geben, der unausrechenbare Aktionen vollzog.

Dazu kam mit Zagallo ein absolutes Taktikgenie auf dem Platz, der ,ähnlich wie 1954 Fritz Walter, jede Regung des Trainers Feola wahrnahm und so für eine Stabilität des Systems sorgte. Didi galt 1958 als bester Spieler Brasiliens, der früherer Stürmer agierte im zentralen Mittelfeld und bediente die Spitzen vorzüglich, ohne den eigenen Torabschluss zu vernachlässigen. Die Verteidigung war für brasilianische Verhältnisse weltklasse. Wie sich im Turnier zeigen sollte, war es Brasiliens Raumdeckung und 4-er Verteidigung, die den Gegnern immer wieder den Zahn zog.

Kommen wir nun zu den Spielen:   
 Vorrunde:
Brasilien- Österreich 3:0

Brasilien- England 0:0

Brasilien UdSSR    2:0

In meinen Augen war das eine Todesgruppe. Österreich befand sich zwar schon auf einem absteigenden Ast, dennoch war der Donaufußball immernoch sehenswert, doch letztlich war die Defensive mit der konsequenten Spielweise Brasiliens überfordert.  Das 2:0 schoss übrigens Nilton Santos, ein kleiner Fingerzeig, wie wichtig die Außenverteidiger in Brasiliens WM-Geschichte noch werden sollten.
Gegen England stieß Brasilien in der Offensive an seine erste Grenze. das 0:0 nahm Feola zum Anlass, ab dem nächsten Spiel den 17- jährigen Pele zu bringen. Dieser zeigte dann im Spiel gegen die UdSSR seine klasse und trieb, obwohl ohne Torerfolg, die Mannschaft zu einem ungefährdeten 2:0 Sieg. Dass das Ergebnis nicht höher ausfiel, lag an dem überragenden Jaschin, der zum besten Torhüter des Turniers gewählt wurde.
Viertelfinale:
Brasilien- Wales 1:0
Gegen die wohl beste Waliser Nationalmannschaft reichte es "nur" zu einem 1:0 Sieg. Dies lag daran, dass Wales deutlich defensiver agierte, als angenommen. In meinen Augen ist dies der erste Ansatz eines Nachdenkens gegen das neue System der Brasilianer. Pele sorgte dann aber doch noch für den Siegtreffer.

Halbfinale:
Brasilien- Frankreich 5:2
In meinen Augen ist dies das beste Spiel einer Mannschaft, die je ein klassisches 4-2-4 zelebrierte. Führen wir uns die Voraussetzungen vor Augen. Frankreich war die Torfabrik der WM 1958. Raymond Kopa und Just Fontaine zerlegten die Gegner nacheinander. Und ausgerechnet in der brasilianischen Defensive beißt sich Frankreich dann die Zähne aus. Frankreichs Spielsystem hatte keine Mittel gegen Brasilien. Die 2 französischen Tore sind lediglich Resultate der körperlichen Unterlegenheit der Brasilianer. Pele und Vava waren mit je 2 Toren die Spieler des Tages, auch Garrincha schuf viele Freiräume, nie funktionierte der Brasilianische Sturm besser. Brasilien hätte eigentlich noch höher gewinnen müssen.
Finale:
Brasilien - Schweden 5:2
Erneut trafen Vava und Pele zwei mal. Brasilien war technisch eine Spur besser als die Schweden. Diese waren sehr konsequent im Abschluss, wie die 2 Tore zeigen, doch konnten sie nicht mit der Brillianz der Brasilianer mithalten.

Was lässt sich aus dieser WM schließen? Es ist auffällig, dass Brasilien ab dem Halbfinale seine Überlegenheit demonstrierte, gegen die besten Mannschaften des Turniers. Zudem lässt sich sagen, dass man gegen defensivere Mannschaften Probleme hatte ( Wales, ungewollter Weise auch England). Dennoch sagten auf allen Teilen der Erde die meisten Vereine dem Wm-System "Bye-bye" nach dieser WM. Der Grund lag daran, dass das Spielsystem der Brasilianer so extrem anders war, dass es ohne eigene Änderungen nicht fassbar wurde. Wollte man ein Gegenmittel gegen Brasiliens System finden, musste man das eigene System hinterfragen. Da stellen sich folgende Fragen: Brauche ich wirklich 5 Stürmer, wenn Brasilien mit 3 oder 4 Spitzen Frankreich abschießt? Ist die Manndeckung angemessen, wenn das Angriffsspiel des Gegners schon im Mittelfeld entwickelt wird? Soll ich meine Verteidigung so hoch stehen lassen? Wen sollen die Außenläufer denn decken?? Das 4-2-4 System der Brasilianer war deshalb so wichtig für die künftige Entwicklung des Fußballs, weil überaltete Strukturen bei der Beantwortung dieser Fragen aufgebrochen werden mussten. Der fünfte Stürmer starb kurz danach aus, die Außenläufer waren spätestens 1966 verschwunden.  Zudem bot das 4-2-4 deutlich mehr Möglichkeiten in seiner Umsetzung. Brasilien 1958 ist die "Urformation" aller modernen Spielformationen.
Verfügte eine Mannschaft nur über 3 passable Stürmer, wurde ein zusätzlicher Mittelfeldspieler nötig - 4-3-3.
Waren die Flügelstürmer abschlusschwach, wurden diese ebenfalls ins Mittelfeld verschoben : 4-4-2
Unterschieden sich die zentralen Mittelfeldspieler aufgrund ihres offensiven bzw. defensiven Spielverständnisses, wurden diese einfach verschoben: 4-1-2-1-2 -> Die Raute ist nichts anderes als eine Variante des 4-2-4.
England wurde 1966 mit einem 4-1-3-2 System Weltmeister.  Stiles war als defensiver zentraler Mittelfeldspieler nach hinten verschoben, Bobby Charlton aufgrund seiner offensiven Gesinnung nach vorn verschoben, Peters und Ball wurden als ehemalige Flügelstürmer einen Tick ins Mittelfeld verschoben. Man sieht also, letztendlich basiert alles auf personell bedingte Verschiebungen des ursprünglichen 4-2-4 Systems..............
Und einer Idee, die das Fußballspiel nochmals revolutionieren sollte, und zwar noch mehr als Brasiliens 4-2-4 System, denn erhielt erst dadurch der Fußball sein heutiges Gesicht..........
Was demnächst folgt: Viktor Maslow- Vater des modernen Fußballs-  Interpretationen der Maslowschen Idee mit besonderem Fokus auf den totalen Fußball
 
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #64 am: 09.Mai 2013, 16:12:38 »

Exkurs - Viktor Maslow, Erfinder des modernen Fußballs, Anwendung der Maslower Idee anhand des Beispiels des "Totaalvoetbal"
Dieses Thema ist deshalb ein Exkurs, weil hier keine (fast) vergessene Mannschaft vorgestellt wird. Der Totaalvoetbal ist immernoch allgegenwärtig. Viktor Maslow ist dies vielleicht nicht.
Zum Themeneinstieg muss man sich fragen, was den "modernen" vom "alten" Fußball unterscheidet. Im vorherigen Kapitel haben wir gesehen, dass mit der Abkehr vom WM-System zum 4-2-4 System ein Meilenstein erreicht wurde. Dennoch fallen Unterschiede zum heutigen Fußball ins Auge. Laien würden auf Anhieb sagen, dass das Fußballspiel heute deutlich schneller geworden ist. Das ist richtig. Sie würden außerdem sehen, dass zwischen Ballannahme,Ballmitnahme, Ballabgabe deutlich mehr Zeit verging als im heutigen Fußball. Hervorragend abgeleitet. Nur: die Ursachen dafür sind vielfältiger als man denkt. Natürlich wurden die Trainingsmethoden professioneller, die "Hungerjahre " kurz nach dem zweiten Weltkrieg liegen immer weiter zurück. Doch nur durch ein komplett neues Spielverständnis lässt sich der moderne Fußball vom alten Spiel differenzieren. Ich rede vom Pressing. Viktor Maslow

 erfand diese Methode Ende der 50er Jahre, um seine Vorstellungen vom Fußball zu verwirklichen. Die Vorstellung von Defensivarbeit sah klassisch so aus, den gegnerischen Spieler durch Manndeckung an seinem Spiel zu hindern. Doch Maslow dachte anders: Für ihn war der gegnerische Spieler zunächst egal. Wichtig war für ihn , Kontrolle über den Raum zu haben. Diese Einstellung sollte alles verändern. Für Maslow bedeutete die Kontrolle des Raumes, bei Rückeroberung des Balles sofort eine Überzahlsituation zu schaffen und so durch geschickte Kombinationen den Gegner zu überrennen. In der Rückwärtsbewegung bedeutete dies, den Gegner schon bei der Ballannahme zu stören, ein komplett neuer Ansatz zu dieser Zeit. Hatten Spieler wie Stanley Matthews oder Garrincha nach der Ballannahme genug Zeit, ihr weiteres Vorgehen zu überdenken, bzw. bei ihren Flügelsprints Geschwindigkeit aufzunehmen, sollte diese Möglichkeit durch das Pressing verschwinden.
Maslow war vom brasilianischen 4-2-4 begeistert und versuchte seine Vorstellungen in diesem System zu verwirklichen. Doch Maslow ging noch einen Schritt weiter als die Brasilianer: Spielte Brasilien 1962 als erste mit einem 4-3-3, so zog Maslow in seinem System den zweiten Flügelstürmer ebenfalls zurück, wodurch er das 4-4-2 erfand, und zwar noch vor Alf Ramsey , der das System kurz vor der WM 1966 ausprobierte. Wichtig zu erwähnen ist, dass diese Flügelspieler allesamt gelernte Stürmer waren und auch dementsprechend spielten, insofern ist es beim Maslower System schwer zu differenzieren, wie konsequent das 4-4-2 gehalten wurde oder ob doch eher das 4-2-4 überwog. Für Maslow war die Qualität des Einzelspielers nicht unbedingt von Bedeutung, jedenfalls ließ er die besten Einzelspieler seines Teams (Torpedo Moskau, Dynamo Kiew) früher oder später aussortieren, er opferte sie für sein System. Dennoch betonte auch er die neue Wichtigkeit des zentralen Mittelfeldes: durch die Raumdeckung konnten die zentralen Mittelfeldspieler schalten und walten, hatten sie doch die Aufgabe, gegnerische Spieler auszuschalten, verloren. Der Spielmacher war geboren und Maslow setzte auf ihn voll und ganz.  Die Raumdeckung verlangte von der Mannschaft eine extreme Laufbereitschaft und taktische Disziplin. Maslow setzte dafür einen gelernten Stürmer als defensiven Mittelfeldspieler ein (Turyantschyk). Er besaß die Ausdauer und Dynamik, sowie die Konzentration um die Raumdeckung zu koordinieren und so das Pressing zu aktivieren. Ein so dynamisches Mittelfeld gab es zu dieser Zeit ( um 1965) nirgendwo sonst: Zeitweise rannten alle 4 im Mittelfeld befindlichen Spieler auf einen ballführenden Gegenspieler zu, ohne dabei die entstehenden Lücken zu vernachlässigen: man hatte schließlich Kontrolle über den in der Situation wichtigen Raum des Spielfelds.
Zur Positionstreue muss ebenfalls noch gesagt werden, dass im Angriffsspiel die Spieler eben nicht unbedingt an ihren Positionen gebunden waren. Maslow ließ da der Kreativität seiner Spieler freien Lauf, spontane Positionswechsel waren immer mitinbegriffen - ein kleiner Vorgriff auf den Totalen Fußball war also zu erkennen.
Anhand von Zahlen lässt dich der Erfolg dieses Systems belegen: Bevor Maslow nach Kiew kam, kassierte man in 42 Partien 48 Gegentreffer. In der Saison 1966, Maslows drittem Jahr in Kiew hatte man nur noch unglaubliche 17 Gegentore in 36 Partien zu beklagen, mit fast dem gleichen Spielermaterial. Die Raumdeckung sollte ihren Siegeszug bald antreten.
Maslow tat sich übrigens noch als Visionär hervor. Von ihm stammt nämlich das Zitat: " Der Fußball ist wie ein Flugzeug. Mit steigender Geschwindigkeit erhöht sich auch der Luftwiderstand und dementsprechend muss man die Spitze stromlinienförmiger machen".
Maslow dachte als erster daran, nur noch mit einer Sturmspitze zu spielen.
Maslows Ideen waren prägend. Wie diese angewendet wurden, soll das nächste Kapitel zeigen, wenn ich den Blick nach Holland richten werde, genauer gesagt zu Rinus Michels.
Der Totaalvoetbal folgt demnächst ;)
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #65 am: 12.Mai 2013, 23:51:46 »

Totaalvoetball
Bevor ich richtig ins Thema einsteige, sind einige Fakten wichtig zu wissen, um keine falschen Schlüsse zu ziehen.
1.  Maslows Idee vom Pressing ist keine Voraussetzung für den Totaalvoetball. Das Pressing wurde nur noch hinzugefügt, was den Stil, den Rinus Michels mitbestimmte nur noch verstärkte.
2. Der Totaalvoetball ist KEIN allein holländisches Phänomen. Michels trug ihn nach seinem Wechsel zu Barcelona dorthin weiter und auch Johann Cruyff setzte als Trainer von Barcelona auf Michels' altbewährtes Konzept.
3. Auch in Deutschland wurde der Totaalvoetball in modifizierter Form praktiziert,dazu dann im nächsten Kapitel.

Kurze Vorgeschichte des holländischen Fußballs
Die Nationalmannschaft Hollands war Anfang der 50er Jahren am Boden. Man gewann ledigleich 2 von 27 Länderspielen. Dies änderte sich erst, als Mitte der 50er Jahre die Profiliga eingeführt wurde. Ajax Amsterdam wurde zu dieser Zeit vom Engländer Kurt Reynolds trainiert. Dieser ist der eigentliche Vater der Ajax Fußballschule, sorgte er doch als erster dafür, dass viel mit dem Ball trainiert wurde und das gleiche System auf allen Ebenen zelebriert wurde. Das WM-System war in Holland gänzlich unbekannt, was mittelfristig gesehen sogar positive Folgen hatte: Die strenge Manndeckung war nicht weit verbreitet. Trotzdem wurde dieses System unter Reynolds und seinem Nachfolger Vic Buckingham eingeführt, wenn auch deutlich flüssiger. Bei Ballbesitz sollten die gegnerischen Reihen schnell überwunden werden, der Hang zum Kurzpassspiel mit Offensivdrang war schon bis Anfang der 60er Jahre ausgeprägt.

Rinus Michels

Rinus Michels wurde 2000 zum "Welttrainer des 20. Jahrhunderts" gekürt. Dies lag zum einen an seinen unzähligen Erfolgen mit Ajax und Barcelona, sowie Holland ( EM 1988) , zum anderen aber an das System, was er zelebrieren liess. Der "Totalvoetball" war, besonders in Zeiten des Catenaccios, wie eine Revolution und sein Segen für den Sport. Wie sah nun also Michels Idee aus?
Er experimentierte viel mit der taktischen Formation seiner Mannschaften ( Ich rede jetzt von Ajax und Holland bis 1974). Aus einem 4-2-4 machte er schließlich die Grundformation, die seine Taktik zum Ruhm brachte: ein 1-3-3-3 System. Diese wurde auch im Spiel eingehalten, nur wechselten die Spieler auf diesen Positionen so oft wie in keiner anderen Formation.
Michels war der Meinung, dass man im Spiel nach vorne durch Positionswechsel am besten Druck aufbauen kann. Das heißt, bei schnellem vorpreschen des ballführenden Spielers musste der auf der Senkrechten Linie nächstspielende Akteur nach hinten "absichern", wobei in krassesten Ausprägungen auf diese Absicherung nur wenig gesetzt wurde.
Das ist schon der Totalvoetball. Die revolutionäre Idee dahinter ist schlichtweg dieser Positionswechsel auf senkrechter Ebene. Schauen wir uns also dieses 1-3-3-3 System an:

Das ist zwar nicht von mir, aber das ist die am richtigsten dargestellte Formation die sich finden lässt. Man kann darüber streiten, ob man die äußeren Mittelfeldspieler nicht auf die Flügel setzen sollte, aber das ist jetzt nicht wichtig.
Der senkrechter Positionswechsel sei an einem Beispiel erklärt: wenn nun also der rechte Verteidiger nach vorn prescht, wird der rechte Mitspieler, sofern Platz vorhanden angespielt und dem Verteidiger per Doppelpass zurückgegeben. der Mittelfeldspieler sichert dann ab, indem er den Raum hinter dem bereits erwähnten Abwehrspieler zudeckt. Wie das im Detail funktionierte, darauf komm ich später nochmal zu sprechen.
Wichtig ist nämlich noch die Modifizierungzu erwähnen, die Michels nachträglich einfügte: das Pressing. Michels wusste vom Pressing, das Maslow in Kiew spielen ließ und übernahm es. Ein Pressing in einer so dynamischen Formation mit Positionswechseln und risikoreichem Offensivfussball müsste eigentlich in die Hose gehen, bei taktischen Fehlern ist ein Gegentor normalerweise vorprogrammiert. Doch Rinus Michels war ein Disziplinfanatiker und forderte die auch von seiner Mannschaft. Doch dies allein klärt noch nicht den Erfolg seines Systems. Dazu kommt die niederländische Fußballtradition und die Ajax-Fußballschule, zudem die Epoche in der das System zelebriert wurde.
Arbeiten wir die Punkte nacheinander ab:  Wie ich bereits sagte, waren die Niederländer nicht an das strikte WM-System gewöhnt. Ihr 2-3-5 System aus der alten Zeit war mehr auf Spontanität und taktischer Freiheit ausgerichtet, was der Dynamik ihres Spiels natürlich zu Gute kam.
Die Ajax-Schule führte diese Eigenschaft in einen professionellen, kontrollierbaren Rahmen. Michels Ajax bestand zu 90% aus Spielern, die sich schon aus der Jugend kannten. Die Spieler wussten also schon, wann sie ihre Positionen wechseln mussten, es hatte sich in ihrer Art zu spielen früh manifestiert und sie wussten, wie ihre Mitspieler reagieren würden.
Drittens spielen die 68er auch in den Niederlanden eine Rolle, denn die Freiheit auf den Straßen manifestierte sich auch in der holländischen Mannschaft in ihrer Art zu spielen. Johan Cruyff wurde als Verbildlichung dieser Freiheit angesehen, als Rebell, der die allgemeine Lage auf dem Spielfeld mit ausdrücken konnte. Somit war Michels Idee auch von den Fans legitimiert und fleischte sich in ganz Holland ein.
Durch die Ajax-Schule waren zudem alle Spieler technisch auf dem allerhöchsten Level. Verteidiger konnten als Stürmer agieren, Stürmer konnten auch als Abwehrspieler agieren. Ein solches System, wo jeder jede Position spielen konnte, war für den Gegner einfach nicht auszurechnen. Die Abwehrspieler Hollands waren die weltweit torgefährlichsten auf ihrer Position, der "stürmende Libero", an dessen Entwicklungskette später Ronald Koeman die Krone darstellte, war nur mit dem Totaalvoetbal möglich. So gewann Ajax 1971-1973 3 mal hintereinander den Europapokal der Landesmeister ( man bedenke- Michels wechselte nach dem ersten Titel 1971 nach Barcelona) und Holland galt auch zur WM 1974 als klarer WM- Favorit. Die Niederlage gegen Deutschland war zwar unverdient, allerdings offenbarten sich schon auf Vereinsebene die Schwächen des Systems. Auf diese will ich eingehen, wenn ich im nächsten Kapitel Deutschlands Interpretation des Totaalvoetbals beleuchte.
Zum Ende will ich noch kurz die entscheidenen Spieler des Totaalvoetbals vorstellen:

Johan Cruyff

Johan Cruyff wurde 2000 hinter Pele zum 2. besten Fußballer des 20. Jahrhunderts gewählt. Dies liegt einfach daran, dass Cruyff als Kopf des Totaalvoetbals den Fußball auf eine neue Ebene setzte. Cruyff wär auch heute noch einer der weltbesten Fußballer, da er sowohl physisch, technisch und auch von seinem Spielverständnis seiner Zeit weit voraus war. Cruyff war und ist wohl der kompletteste Fußballer der Geschichte, was seine Spielposition angeht. Er konnte absolut jede Position spielen und tat dies auch, war daher auf dem Spielfeld überall zu finden. Seine technischen Fähigkeiten waren absolut überragend, dazu gesellten sich Spielmacherfähigkeiten, ein eiskalter Torabschluss ( Cruyff schoss in 48 Länderspielen 33 Tore, war also lange Zeit Rekordtorschütze der Niederlande) und auch die Fähigkeit , Bälle zu erobern. Zudem war Cruyff pfeilschnell. Man sieht also, er war einfach unglaublich komplett, zudem war er auch vom Typ ein General auf dem Spielfeld, manche sehen in ihm aber auch eine Diva, da er in schlechteren Spielen krampfhaft versuchte, das Spiel an sich zu reißen, weil er der Meinung war, dass seine Mitspieler dies nicht könnten. Aus diesem Grund wurde er auch als Ajax Kapitän abgewählt und wechselte schließlich nach Barcelona.

Johnny Rep

Der Rechtsaußen Johnny Rep war nach Oleg Blochin der vielleicht schnellste Spieler der 70er Jahre. Er konnte dieses Tempo auch 90 Minuten lang halten. Durch seine Dynamik war er immer anspielbar und schaffte es mit seinen Tempodribblings, die gegnerische Abwehr durcheinander zu wirbeln.

Johan Neeskens

Der Mittelfeldspieler Johan Neeskens war der Grund dafür, dass Rinus Michels das Pressing in seiner Mannschaft etablierte. Neeskens attackierte den Gegner schon aus seinem eigenen Spielverständnis heraus während der Ballannahme .Neeskens war auch ein Garant für die Stabilität des Teams, ordnete das Defensivverhalten maßgeblich. Zudem setzte er viele Offensivakzente und war kämpferisch gesehen der wichtigste Spieler für die Holländer.

Im vorherigen Kapitel und in diesem hier habe ich bewusst noch nicht die Schwächen erwähnt. Diese werden im nächsten Kapitel aufgezeigt, wenn es um Deutschland 1972 geht. Mit diesem nächsten Kapitel ist der Übergang vom "alten" zum modernen Fußball abgeschlossen und man kann sich dann einzelne Mannschaften herauspicken, die nicht nur wegen ihrer Taktik , sondern wegen anderer Kategorien erwähnenswert sind, einige wurden hier ja auch schon in der Diskussion erwähnt.

Was demnächst folgt: Deutschland 1972 - Balance aus Totalvoetbal und Pragmatismus- Grenzen des Maslower Systems.

 
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Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #66 am: 14.Mai 2013, 01:19:20 »

Deutschland 1972-74   Grenzen der Maslower Idee
Dies ist also endlich das letzte Pflichtkapitel, bevor wir uns dann mal andere Mannschaften unter anderen Gesichtspunkten anschauen können, als der Taktik.
Ich hatte schon mal angedeutet, dass die deutschen Mannschaften taktisch gesehen als wenig innovativ galten. Dies mag auch stimmen, aber man kann dem entgegensetzen, dass die deutschen Trainer wohl am besten wussten, neue taktische Konzepte aus dem Ausland zu rezipieren und an die Gegebenheiten anzupassen. Auf der anderen Seite war es auch lange kaum möglich, ideale Voraussetzungen zu schaffen, da Deutschland elend lange keine Profiliga hatte. Und selbst nach der Gründung der Bundesliga 1963 waren viele Spieler immernoch Amateure, erst 1972 kann man wirklich von einem flächengreifenden Profistatus in Deutschland reden ( Uli Hoeness war bei der EM 1972 zum Beispiel immernoch Amateur). Insofern musste der deutsche Fußball erst mal bis 1970 gewissermaßen Anschluss finden, auch was die Organisation, eben das drumherum betrifft. Nach der enttäuschenden WM 1962 übernahm Helmut Schön 1964 die Nationalmannschaft. Er fürte das 4-2-4 relativ schnell ein, verzichtete aber auf die Raumdeckung und auch das Pressing wurde nicht eingeführt. Erst Ende der 70er fürte Gyula Lorant als erster in der Bundesliga die Raumdeckung ein, Pressing wurde gar erst Mitte der 90er Jahre verstärkt eingesetzt. Im Prinzip zelebrierte Deutschland , wenn man diese Kategorien betrachtet, lange den "alten" Fußball, ähnliches gilt im übrigen auch für die Italiener.   Auf der anderen Seite schien Deutschland aber auch die Grundvoraussetzungen zu haben, im alten Konzept erfolgreich zu sein. Damit steigen wir ins eigentliche Thema ein.

Die Fußball WM 1970 stellte für Deutschland richtungsweisende Dinge dar: Man schlug England erstmals bei einem großen Turnier, Gerd Müller wurde Torschützenkönig der WM und Franz Beckenbauer begann erste Gedankenspiele mit der Liberoposition. Man hatte schon das 4-3-3 System für sich entdeckt, doch war es noch nicht stabil genug und es fehlte die spielerische Klasse, die Formation ideal auszunutzen. Machen wir uns nichts vor, die Spiele gegen England und Italien waren überragend, aber Deutschland brachte es nicht fertig, in 90 Minuten sein Konzept durchzubringen. Gegen England hatte man das Glück, dass Ersatzkeeper Bonetti einen schlechten Tag erwischt hatte, gegen Italien überzeugte man kämpferisch, ausgedrückt durch Schnellingers Ausgleichstor in der 90. Minute. Auf der anderen Seite waren eklatante Schwächen in der Rückwärtsbewegung da, und nur selten war man in der Lage den Gegner an die Wand zu spielen.

Die Europameisterschaft 1972 war aber der Wendepunkt. Kurz zum Modus: Nur die Halbfinals und das Finale fanden am gleichen Ort statt, die Runden davor wurden jeweils im Land der Heimmannschaft ausgetragen ( es gab Hin- und Rückspiel). Vor dem Viertelfinalhinspiel befand sich die Nationalmannschaft in einem furchtbaren Zustand. Sämtliche Leistungsträger waren angeschlagen oder verletzt, Bayern erwischte ein rabenschwarzes Saisonende ( Klatsche im Europopokal der Landesmeister, Niederlage gegen den tabellenletzten), die Bayern-Spieler schienen demoralisiert. Kurz vor dem Spiel sprachen Günther Netzer und Franz Beckenbauer miteinander. Netzer :" Wir können froh sein, wenn wir von den Engländern ( in Wembley) nicht 5 Stück bekommen." Franz antwortete wie gewohnt : "Ja, mei!"  ( Quelle: Aussagen von Günther Netzer). Auf der anderen Seite waren die Engländer in bestechender Form. Trainer Helmut Schön erwartete insbesondere eine konzentrierte Abwehrarbeit , im Spiel nach vorn sollte wie gewohnt durch die gewisse Ballsicherheit , und schnellen Flügelläufen Druck aufgebaut werden.
Die Taktik war ein klassisches 4-3-3 ( ich habe keine visuelle Darstellung gefunden, ihr müsst mit den Namen vorlieb nehmen):

    Torwart: Sepp Maier (FC Bayern München)
    Abwehr: Horst-Dieter Höttges (Werder Bremen), Franz Beckenbauer, Georg Schwarzenbeck, Paul Breitner (alle FC Bayern München)
    Mittelfeld: Uli Hoeneß (1 Tor, FC Bayern München), Günter Netzer (1 Tor), Herbert Wimmer (beide Borussia Mönchengladbach)
    Angriff: Jürgen Grabowski (Eintracht Frankfurt), Gerd Müller (1 Tor, FC Bayern München), Siggi Held (Kickers Offenbach)

Overath und Vogts mussten verletzt passen, auch im Sturm spielte ein eigentlich schon überalterte Siggi Held - der Bundesligaskandal hatte den wohl begnadetsten Dribbler Deutschlands, Stan Libuda , leider der Nationalmannschaft entrissen.  Günther Netzer spielte im defensiven Mittelfeld, während Beckenbauer als Libero agierte, Uli Hoeneß war als rechter Flügelflitzer eingeteilt.  Diese 3 Personen sollten die wichtigsten Akteure des Spiels werden. Doch Beckenbauer und Netzer hatten sich noch etwas anderes überlegt: einen Positionstausch auf senkrechter Linie, sprich: Wenn Beckenbauer seine gefürchteten Sturmläufe ansetzte, sicherte Netzer hinter ihm ab -> Totaalvoetball !! Und genau diese häufigen Positionswechsel schienen die Engländer dermaßen zu verwirren, dass sie zeitweise nicht mit dem Tempo der Deutschen mitkamen. Und das, obwohl die Spielstatistiken aussagen, dass England mehr Schüsse aufs Tor brachte als die Deutschen. Aber es gibt noch beeindruckendere Zahlen, die beweisen, dass Deutschland in diesem Spiel 40 Jahre voraus spielte.
Es war die Geschwindigkeit des Balls im Spiel nach vorne, der den unglaublichen Wert von 2,9 Metern pro Sekunde erreichte. Selbst bei der WM 2010 oder EM 2012 wurde dieser Wert nicht immer erreicht. Diese atemberaubende Geschwindigkeit das Spielfeld zu überbrücken machte die Brillianz der Deutschen in diesem Spiel aus. Diese "Wembley-Elf", die das Spiel 3:1 gewann ( der erste deutsche Sieg in Wembley!)  gilt/galt bis noch vor wenigen Jahren als beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten.
Deutschland zog schließlich ins Finale gegen die UdSSR ein, die das Maslower Spielsystem mit Raumdeckung und Pressing spielten.
O-Ton Netzer: " Vor dem Spiel versuchte uns der Bundestrainer die  Taktik an einer Tafel zu erklären. Nach 3 Minuten legte er die Kreide beiseite und sagte:' macht doch, was ihr wollt!'  Für mich war dies das schönste Kompliment, was ein Trainer einer Mannschaft machen konnte. Er vertraute uns."  Und er vertraute ihnen zurecht, die Sowjets hatten nicht den Hauch einer Chance und wurden 3:0 geschlagen.
Der WM-Titel im eigenen Land 2 Jahre später war auf der einen Seite glücklich, auf der anderen Seite die Konsequenz aus einem allmählichen Prozess, der Deutschland bzw,. dem FC Bayern noch 3 Europapokalsieger-Pokale der Landesmeister hintereinander ( 1974-76) einbrachte, der "pragmatische Totaalvoetbal" hatte dem Totaalvoetbal zumindest für 3 Jahre den Rang abgelaufen. Warum?

Maslows und Michels System hatten natürlich Schwächen. Die in meinen Augen prägnanteste Schwäche ist die physische. Da die Spieler von Dynamo Kiew, Ajax Amsterdam und der holländischen Nationalmannschaft jede Position auf technisch hohem Niveau spielen können mussten ( bzw. auch Dynamisch genug für die Raumdeckung und das Pressing sein mussten), fehlte ihnen mitunter die physische Stärke. Deutschland machte sich dies zunutze, indem sie Cruyff von Berti Vogts "behandeln" ließen, sodass dieser einfach die Lust verlor. Das heißt also, war der Gegner nur klug genug, seine physischen Vorteile auch dementsprechend einzusetzen, bekamen Holland und Kiew und wie sie alle hießen schwere Probleme. Zweitens war der Totaalvoetbal unglaublich riskant. Der Raum zwischen Abwehrspieler und Stürmer musste extrem enggehalten werden, um flüssige Positionswechsel zu ermöglichen und das Pressing effektiv zu gestalten. Die in der Abwehr agierenden Spieler mussten die Abseitsfalle perfekt beherrschen, sie mussten 90 Minuten lang mit den Augen auf den Ball, den eigenen Mitspieler, dem ballführenden Mitspieler und auch noch den gegnerischen Stürmern achten, alles aus taktischen Gründen. Die Abwehr stand so hoch, dass bei gegnerischen Kontern immer Gefahr drohte. Solange die Mannschaft taktisch diszipliniert genug war, war dieses Risiko kalkulierbar. Doch die dritte Schwäche führte mitunter zu einem Zusammenbruch:
Dadurch, dass sich die Spieler meist in einen Rausch kombinierten, führte dies mit Sicherheit auch zu einer gewissen Überheblichkeit. Durch ihre überragenden technischen Fähigkeiten sah sich besonders die Ajax Mannschaft als die allergrößten an und zeigten dies auch durch Kabinettstückchen in wichtigen Spielen ( man denke an Ajax gegen Real Madrid 1971 oder 1972, als ein Abwehrspieler anfing, den Ball zu jonglieren). Die Diva Cruyff wurde über die Jahre auch deutlich mürrischer, der Nachfolger von Rinus Michels, Kovac, war von der Mannschaft nie wirklich akzeptiert. Irgendwann war Ajax in sich völlig zerstritten. Auch im WM-Finale 1974 sah man in der zweiten Halbzeit, dass die Holländer anfingen, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Was ich damit sagen will, dass bei ernsten Problemen, wie einem Rückstand oder einigen missglückten Aktionen durch die angespannte Situation die taktische Disziplin vernachlässigt wurde, und in einem so offensiven System war dies einfach tödlich.
Deutschland rezipierte die taktischen Umstände einfach besser: Durch das nicht-vorhandene Pressing und einer Manndeckung wurde zwar viel Offensivgeist herausgenommen, aber das Risiko, vom Gegner überrannt zu werden, war deutlich geringer. Die physischen Vorteile wurden dadurch optimal ausgenutzt. Spontane Positionswechsel waren, wie 1972 möglich, aber nicht nötig, um trotzdem erfolgreichen Fußball zu spielen. 1974 , als Overath und nicht Netzer spielte, waren in meinen Augen keine Rochaden im deutschen Spiel erkennbar, vielmehr wurde versucht, schnell über die Flügel zu kommen und dann Gerd Müller in Szene zu setzen. Zudem hatte Deutschland aber auch unglaublich starke Einzelspieler.
Trotzdem hielt sich Deutschlands pragmatische Spielweise nicht lange so erfolgreich. Bei der WM 1978 war die Mannschaft einfach zu geschwächt von den Rücktritten Beckenbauers, Gerd Müllers und vieler andere Säulen, um diesen Qualitätsmangel aufzufangen. Das pragmatische System verfiel wieder in alte Muster von 1968 und früher, als Deutschland meist nur kämpferisch zu überzeugen wusste. Die Niederlande erreichten 1978 übrigens wieder das Finale, diesmal mit Ernst Happel als Trainer, der aber ebenfalls offensiven Fußball zelebrieren ließ. Cruyff war schon aus der Nationalelf zurückgetreten.

Damit haben wir also die wichtigsten taktischen Revolutionen hinter uns. Wir haben verschiedene Interpretationen des 2-3-5 ( siehe Wunderteam Österreich), dem WM System ( Italien, Deutschland vor 1945), und dem 4-2-4 kennengelernt ( Kiew, Brasilien, Holland, Deutschland). Zudem haben wir einmalige Phänomene gesehen ( Ungarn 1954, Catenaccio). Insofern ist das Handwerkszeug für weitere Mannschaften voll abgedeckt.
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #67 am: 04.Juli 2013, 23:05:28 »

Soooo, das Semester neigt sich langsam dem Ende zu, weshalb es wohl spätestens Ende dieses Monats wieder hier weitergeht.
Um wieder einzusteigen , will ich vorher noch 2 Exkurse behandeln- die "vergessene " WM 1962 in Chile und die "schönste" WM aller Zeiten in Mexiko 1970.
Danach werde ich auch ein Team von 1962 vorstellen, nämlich die spanische Nationalmannschaft- wo wir einen alten Bekannten wiedersehen werden :)
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #68 am: 04.Juli 2013, 23:07:32 »

.... wo wir einen alten Bekannten wiedersehen werden :)

Messi?
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #69 am: 04.Juli 2013, 23:09:51 »

In einem vorherigen Leben? Hmm, ne , unmöglich, die haben zeitgleich noch zusammengelebt :D
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #70 am: 04.Juli 2013, 23:12:07 »

Ferenc Puskas :D
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #71 am: 04.Juli 2013, 23:20:36 »

100 Punkte :)
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #72 am: 04.Juli 2013, 23:21:19 »

War auch nicht so schwer :D
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #73 am: 13.Juli 2013, 00:30:46 »

Exkurs:WM 1962 - Die "vergessene" WM

Wenn einem herausragende Weltmeisterschaften einfallen, dann würde man wohl zunächst 2006 , 1970 oder auch 1986 aufgrund der damit in Verbindung gebrachten Ereignisse nennen. Wenn man aber an 1962 denkt, fällt einem höchstens ein: Weltmeister Brasilien und Deutschland früh raus. Woran liegt das?
Zunächst einmal fand die Weltmeisterschaft 1962 in Chile statt. Der Kontrast zur Wm 1958 in Schweden war gewaltig: Während im Hexenkessel des Rasunda Stadions in Schweden die Spieler teilweise schreien mussten, um sich zu verstehen, war in Chile die Stimmung in den Rängen gedämpft. Chile war natürlich nicht so ein fußballbegeistertes Land wie Argentinien oder Brasilien, zudem befand sich das Land politisch gesehen in einer fragwürdigen Lage. Außerdem war es immer noch eine Herausforderung für die Medien aus Europa, nach Südamerika zu fliegen und anständige Fernsehbilder nach Europa zu liefern.
Insofern war diese "Wm da drüben" schon ganz anders zu betrachten als vier Jahre zuvor in Schweden.
Nun zum Turnier selbst: Wer waren die Favouriten, was konnte man erwarten?
Der Topfavourit war natürlich Brasilien. Die Weltmeistermannschaft von 1958 war im Großen und Ganzen zusammengeblieben und konnte auch weiterhin überzeugen, wenngleich die Copa America nur ein Mal in der Zwischenzeit gewonnen wurde. Insbesondere Pele spielte auf "Messi- Niveau" ,wie man heute sagen würde und stellte einen Torrekord nach dem anderen auf. Doch dieser Pele erlitt im zweiten Gruppenspiel eine Muskelverletzung und konnte im weiteren Verlauf des Turniers nicht mehr eingesetzt werden.

Ebenfalls hochgehandelt war Argentinien. Diese hatten erneut eine gut funktionierende Mannschaft und auch ihre Spielweise war sehr modern, wenn auch vom körperlichen Einsatz her grenzwertig. Die argentinische Fußballliga hatte den Ruf, die körperbetonteste Liga der Welt zu sein.

Bei den europäischen Vertretern war es nicht einfach, eine herausragende Mannschaft auszumachen. Ungarn hatte mit Tichy sicher einen der besten Spieler der Welt, aber die Unterschiede innerhalb des Teams waren zu groß, als dass man sie als gefährlich einschätzen musste. 
Spanien hatte eine hochinteressante Mannschaft, auf die ich aber im übernächsten Thread Bezug nehmen will.
Deutschland befand sich in einer Übergangssituation: Von den Weltmeistern von 1954 war nur noch Hans Schäfer dabei. Helmut Rahn war eigentlich noch in guter Form ( er spielte in Enschede, was Herberger aber nicht davon abhielt ihn noch bis 1961 zu berufen), schließlich kam es dann aber zum Zerwürfnis mit Herberger und Rahn machte gegen Portugal 1961 sein letztes Länderspiel.
Nach dieser WM wird schließlich der Beschluss gefasst, in Deutschland eine Profiliga einzurichten.

Turnierverlauf

Die Ergebnisse im einzelnen könnt ihr selber nachschlagen. Mir geht es nur darum, den Turnierverlauf zu analysieren.

Genrell lässt sich sagen, dass die WM 1962 das wohl körperbetonteste Turnier der Fußballgeschichte war. Dies lässt sich ziemlich einfach erklären. Wie ich bereits beim Thema "Brasilien 1958" angemerkt habe, mussten sich die Mannschaften ein Gegenmittel ausdenken, um das berauschende 4-2-4 der Brasilianer stoppen zu können. Die meisten Nationen kamen zu dem Entschluss, deutlich defensiver zu agieren und mit höherem Einsatz. Dies lässt sich besonders bei den südeuropäischen bzw. südamerikanischen Ländern (Ausnahme Brasilien) erkennen. Bezeichnenderweise schieden die meisten dieser Teams schon in der Vorrunde aus  :laugh:  Die Schlacht von Santiago, Chile gegen Italien, ging als härtestes Spiel einer Weltmeisterschaft in die Geschichte ein. Es gab 3 Platzverweise und nach dem Spiel prügelten die Mannschaften in der Kabine weiter.

Überraschenderweise schieden Argentinien und Spanien trotz ihrer Qualität in der Vorrunde aus. Auch Uruguay war nur noch ein Schatten vergangener Tage.
Die osteuropäischen Teams gaben bei dieser Weltmeisterschaft den Ton an: Ungarn gewann seine Gruppe und auch die UdSSR wusste zu überzeugen. In der Brasilien-Gruppe kam auch die CSSR weiter. Jugoslawien zog ebenfalls in die nächste Runde ein, es sind also alle Osteuropäer weitergekommen. Ich werde am Ende nochmal darauf zurückkommen.

Viertelfinals

Chile- UdSSR 2:1

Die UdSSR mit ihrem Weltklassetorwart Jaschin schied überraschend gegen den Gastgeber aus. Letztendlich erwischte die sowjetische Abwehr nicht ihren besten Tag, letztlich waren die Sowjets auch körperlich nicht auf einem Level der Chilenen. Dennoch war dieses Ergebnis eine Sensation.

Jugoslawien - Deutschland 1:0

Alle guten Dinge sind 3 : nachdem Jugoslawien 1954 und 1958 im Viertelfinale gegen Deutschland ausschied, klappte es "endlich" dieses Mal. Trotzdem hatte dieses Ergebnis für Deutschland auch sein Gutes, denn endlich wurden aus den Plänen  Taten. Die Gründung der Bundesliga wurde durch das frühe Ausscheiden bei der WM 1962 stark forciert und auch dringend notwendig.

CSSR - Ungarn 1:0

Auch wenn es das Ergebnis nicht vermuten lässt, war dieses Spiel wohl das zweitbeste der Weltmeisterschaft. Beide Mannschaften zelebrieten ein sehr offensives, dynamisches Spiel. Beide Mannschaften spielten aber auch noch das alte WM System. Letztlich war der Sieg der CSSR glücklich, die Ungarn vergaben beste Chancen und zeigten ein letztes Mal ihre Klasse.

Brasilien - England 3:1

Wieder einmal wurde den Engländern gezeigt, wo der modernste Fußball gespielt wird: Brasilien hatte keine Probleme und gewann mühelos, auch ohne Pele. Die neue taktische Innovation, den Außenstürmer Zagallo etwas defensiver aufzustellen, erwies sich als vollkommen richtig.

Die Halbfinals hießen Brasilien- Chile und CSSR - Jugoslawien, die Ergebnisse könnt ihr nachschlagen. Wieder anzumerken ist, dass 1. nur Brasilien im gesamten Turnier in der Lage war, immer viele Tore zu schießen und dass die CSSR auch im Halbfinale eigentlich den Jugoslawiern unterlegen war, aber letztlich unheimlich effektiv .

Das Finale Brasilien gegen die CSSR würde man eigentlich als ein Kampf der Philosophien beschreiben: Das offensiv agierende, technisch beschlagene Spiel der Brasilianer gegen das defensive, behutsam aufbauende Spiel der Tschechoslowaken.
Doch im Finale kam es anders. Die CSSR agierte so offensiv wie im ganzen Turnier nicht und war den Brasilianern zwar nicht ebenbürtig, aber auch nicht hoffnungslos unterlegen. Der Torwart der CSSR, Schrojf, hatte nur leider nicht seinen besten Tag und musste bei der 1:3 Niederlage seiner Mannschaft zwei Tore auf seine eigene Kappe nehmen. Zudem war es merkwürdig, dass Garrincha im Finale spielen durfte, denn eigentlich wurde er im Halbfinale vom Platz gestellt, dann aber "begnadigt". Dies ist einmalig in der WM Geschichte.

Zum Spiel an sich: Die CSSR agierte im eigentlich veralteten 3-2-5 System. Doch hatten sie mit Masopust ( der zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde und bis heute als bester Tschechischer Spieler gilt) einen hochinteressanten Star: Masopust war enorm vielseitig. Er konnte auf jeder Position im Feld eingesetzt werden und war im Turnier das, was man einen "Box-to box " Mittelfeldspieler heute nennt. Er lief enorm lange Wege und war aber auch im richtigen Moment zur Stelle und dabei extrem torgefährlich.
Zudem war in dieser Mannschaft die Abwehr am besten besetzt, für gute Mannschaften in dieser Zeit eigentlich extrem ungewöhnlich. Das Trio Nowak,Pluskal und Popluhar gilt als die beste Abwehr einer Nationalmannschaft in den 60er Jahren ( England-Liebhaber werden jetzt mit der Stirn runzeln) .
Brasilien hat gezeigt, dass sie ihre taktische Entwicklung nicht ruhen ließen. Das 4-2-4 System war 1962 nicht mehr das gleiche wie 1958. Sie hatten zunächst einmal eine Mannschaft, die funktionierte. Die Mannschaft war sehr erfahren, mehr als die Hälfte waren um die 30 Jahre alt. Garrincha war immernoch ein nicht zu lösendes Rätsel für die Gegenspieler, Vava war weiterhin eiskalt vor dem Tor.
Doch die Schlüsselrolle hatte Mario Zagallo. Der Außenstürmer wurde in die LM- Position zurückgezogen, sodass Garrincha auf der anderen Seite sein Offensivspiel zelebrieren konnte. Diese Maßnahme spielte später in einem gewissen Sinne auch im Catenaccio eine Rolle.        Jedenfalls glich das brasilianische System eher einem 4-3-3 , welches sowohl Stabilität, als auch Dynamik ermöglichte.

Generell zeigte Brasilien noch einmal , wie wichtig das Mittelfeld war. Die meisten anderen Mannschaften wurden deshalb überrannt, weil die zwei Läufer schlichtweg überfordert waren. Dabei wäre es wichtig gewesen, die Brasilianer schon früh zu stören, doch herrschte nunmal eine Überzahlsituationen in diesem Spielbereich.

Osteuropa
Inwieweit der Erfolg der Osteuropäer mit dem Wirken von Viktor Maslow schon in Verbindung steht, ist fraglich. Ich würde diese Frage verneinen. Ich denke vielmehr, dass einige Faktoren zusammenkommen: In der CSSR waren die Spieler schlichtweg auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, die Spieler waren im besten Alter. Auch wenn auch die Osteuropäer defensiv spielten, so waren sie nicht auf diese körperliche Härte aus wie Argentinien, Italien oder England. Es war eher das Verständnis, Konter zu fahren  und nach Ballgewinn sofort nach vorne zuu stürmen. Dies sind aber nicht die Worte eines Viktor Maslow, sondern eher die Nachwehen von den Spielsystemen von Sebes und Arkadiew. Insofern hatten diese Nationen ein ganz anderes Defensivverhalten intus.

Die anderen europäischen Mannschaften standen sich eigentlich selbst im Weg: Zunächst war es diese Suche nach einem stabilen System, woraus in Ruhe ein geregelter Spielaufbau stattfinden kann -> entgegen dem modernen Trend der Brasilianer. Prinzipiell ist das eine nette Idee, doch wurde an den falschen Schrauben gedreht. Das Spiel körperbetonter zu gestalten lähmt den eigenen Spielaufbau. Italien erkannte dies und zog daraus seine richtigen Schlüsse mit dem Catenaccio und blieb dieser Linie treu. Alle anderen Mannschaften begannen nach diesem Turnier mit anderen Prozessen: England profitierte neben einer starken heranwachsenden Spielergeneration und einer Heim-WM von dem Erkenntnisgewinn, dass die Kontrolle des Mittelfelds Spiele entscheiden kann.
Deutschland hob schlichtweg seine Qualität durch die Gründung der Bundesliga und dem Übergang in ein 4-3-3 System.

Schlussendlich kann man sagen, dass die Weltmeisterschaft 1962 für die meisten Mannschaften eine Korrektur ihres Kurses bedeutete: Die Kontrolle des Mittelfeldes war die Aufgabenstellung für die nächsten Jahre.
Bei den osteuropäischen Mannschaften stellte sich bereits eine andere Frage: Wie schaffe ich Überzahl im Raum, wie kontrolliere ich ihn?
Brasilien hatte allerdings die schwierigste Aufgabe: Die Mannschaft musste neu aufgebaut werden, die alte Generation tat ihren letzten Atemzug. 1966 bekam Brasilien dieses Loch zu spüren, um dann 1970 mit der besten Mannschaft anzutreten, die man bisher gesehen hatte.
Warum das so war und warum sich die Gegner nicht davor schützen konnten, davon handelt das nächste Thema:
Die WM 1970- das beste Turnier aller Zeiten?
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #74 am: 13.Juli 2013, 11:34:57 »

Wie immer sehr informativ. Besten Dank!
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #75 am: 13.Juli 2013, 19:54:17 »

Superinteressant und schön geschrieben. Ich freue mich schon auf die WM 1970 in Mexiko und dann vielleicht der deutsche Triumph vier Jahre später.
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HaHoHe, Euer Jürgen!

Tomminator4real

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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #76 am: 17.Juli 2013, 16:29:12 »

Die WM 1970 in Mexiko - Die beste WM aller Zeiten

Die WM 1970 ist wohl die am meisten zitierte, analysierte und bestaunte Weltmeisterschaft, wenn es darum geht, die Schönheit des Fußballspiels in allen seinen Facetten aufzuzeigen. Beinahe jedes K.O. Spiel hatte ein absolutes Highlight zu bieten, zu 60 % waren es allerdings die Brasilianer, die Meilensteine setzten. Zudem wurde das Turnier zum ersten Mal in Farbe übertragen, was natürlich eine unbeschreibliche Veränderung darstellte. Das Spiel wirkte lebhafter, intensiver. Ich bin jetzt nicht genau mit der Geschichte der Karten vertraut, doch meine ich zu wissen, dass auch wegen dem Farbfernsehen die gelbe und rote Karte eingeführt wurden.
Doch zurück zum sportlichen:
Anders als bei meinem Beitrag zur WM 1962 gab es zur WM 1970 viele Favoriten. England war Titelverteidiger und hatte die wichtigsten Spieler von 1966 wieder mit an Bord. Deutschland räumte man ebenfalls Chancen ein, da man mit Gerd Müller einen neuen Wunderstürmer hervorbrachte.
Der Topfavorit war wohl Italien. Sie gewannen die Europameisterschaft 1968 und hatten trotz ihrer defensiven Interpretation des Catenacchios mit Riva und Rivera zwei supergefährliche Stürmer. Zudem war Mazzola der ideale Spielmacher, zudem hatten sie mit Facchetti den Besten LV aller Zeiten in ihren Reihen.
Der Sowjetunion wurden Außenseiterchancen eingeräumt, allerdings wurde Jaschin zwar nominiert, aber nicht mehr eingesetzt.

Für Brasilien galt das gleiche, denn die Brasilianer hatten vor dem Turnier mit vielen Problemen zu kämpfen. Der neue Trainer, Mario Zagallo ( ja, genau der Zagallo) war erst seit März 1970 im Amt und musste in Windeseile seine Mannschaft zusammenstellen. Doch er holte genau die richtigen Spieler, wie sich später zeigen sollte.

Die Gruppenphase lief recht unspektakulär ab, alle Favoriten kamen weiter.
Doch das Spiel England -  Brasilien (0:1) hatte schon die ersten beiden magischen Momente dieser WM zu bieten: Nach einer Weltklasse-Grätsche von Bobby Moore an Jairzinho ging der große Pele zu eben diesem Moore, um ihn für diese Aktion zu gratulieren und seinen Respekt auszusprechen - eine große Geste zwischen zwei Weltklassefußballern.
Der zweite magische Moment ist die von der Fifa als "greatest save" ausgezeichnete Parade vom englischen Keeper Gordon Banks, der einen wuchtigen Kopfball von Pele noch irgendwie am Tor vorbeilenken konnte:
http://www.youtube.com/watch?v=0D_UOEGkBQs

Im Viertelfinale steigerte sich das Turnier deutlich, auffällig sind die hohe Anzahl der Tore - das war 1962 deutlich anders.
Die Sowjetunion schied gegen Uruguay aus. Uruguay sollte das letzte mal mit einer absolut konkurrenzfähigen Mannschaft eine WM bestreiten, erst ab ca. 1998 sollte die uruguayische Mannschaft bei einer WM wieder achtbaren Fußball zeigen. Die Urus wurden schließlich 4. des Turniers.

Italien und Brasilien hatten mit ihren Viertelfinalgegnern keine Probleme und schossen jeweils 4 Tore - und da sagt noch einer, der Catenacchio wär auf ein 1:0 ausgelegt.

Das Spiel Deutschland gegen England war dann das nächste Highlight des Turniers und wurde nach dem Ende schon als "Jahrhundertspiel" tituliert: Die Engländer lagen ab der 67. Minute mit 2:0 vorne und bestimmten durchaus auch das Spiel, ehe die Deutschen doch noch ins Spiel fanden. Beckenbauer erzielte durch ein wunderschönes Solo den Anschlusstreffer, ehe Uwe Seeler mit seinem berühmten "Hinterkopftor" noch den Ausgleich erzielte. In der Verlängerung gelang Gerd Müller schließlich der Siegtreffer, Deutschland drehte also das Spiel nach einem 0:2 Rückstand.
Die Engländer gaben ihrem Keeper Bonetti die Schuld, der Gordon Banks aufgrund dessen Erkrankung verteten musste.
Diesem "Jahrhundertspiel" sollten aber noch zwei weitere folgen.

Das Halbfinale Brasilien - Uruguay ( 3:1) war zwar eine klare Angelegenheit, doch bot auch dieses Spiel zwei unvergessliche Momente, beide sind Aktionen von Pele:   
Zunächst umspielte Pele den Torwart nach einem Pass von Tostao, ohne den Ball überhaupt berührt zu haben, um dann kläglich zu verschießen, als ob er zeigen wollte, dass auch er nur ein Mensch sei:
http://www.youtube.com/watch?v=-UzRsvCsC4c

In der zweiten Halbzeit versuchte er noch etwas spektakuläreres. Pele bemerkte, dass der uruguayische Torhüter zu weit von seinem Tor entfernt stand. Pele zog noch aus der eigenen Hälfte ab - und verfehlt das Tor nur um wenige Zentimeter:
http://www.youtube.com/watch?v=hj2k5xKs-lg

Dies war eine zu jener Zeit einzigartige Aktion ( Stan Libuda Fans werden jetzt aufschreien).

Das zweite Halbfinale ist dann das bekannte "Jahrhundertspiel" zwischen Italien und Deutschland gewesen, wenngleich man eigentlich sagen muss, dass es eine "Jahrhundertverlängerung" war, denn die regulären 90 Minuten waren nicht besonders ansehnlich, der Catenacchio zeigte seine hässliche Seite.
Über den Verlauf des Spiels ( 4:3 für Italien) möchte ich keine Worte verlieren, da jedermann dieses Spiel wohl kennt, ansonsten: Youtube hilft ;) 

Das WM- Finale zwischen Brasilien und Italien ist meiner Meinung nach das eigentliche "Jahrhundertspiel" . Auch wenn Brasilien wieder einmal nicht wirklich in Schwierigkeiten geraten sollte, so war dieses Spiel doch eine Lehrstunde, ein Ideal des "schönen Spiels", wie Brasiliens Spielweise inzwischen bezeichnet wurde. Doch genaueres dazu folgt später.

Bis zur Halbzeit war das Spiel eigentlich offen, 1:1. Doch war Brasilien niemals in Gefahr, sich das Spiel aus der Hand nehmen zu lassen. Das 1:0 durch Pele wurde später zum "best header" in der WM-Geschichte gekürt. Eine eigentlich viel zu hoch angesetzte Flanke verwandelte Pele trotzdem noch und sprang beim Kopfball viel höher als sein Gegenspieler, der ihn eigentlich um 10 cm überragte.

In der zweiten Halbzeit münzten die Brasilianer ihre Überlegenheit dann schließlich in Tore um. Gerson traf durch einen wunderbaren Weitschuss, Jairzinho in Torjägermanier. Er setzte damit einen Meilenstein, denn er traf damit in allen WM-Spielen 1970.
Und als wollte Brasilien sein "beautiful game" in einem einzigen Spielzug manifestieren, war das 4:1 durch Carlos Alberto der wohl schönste Spielzug der Wm-Geschichte:
 http://www.youtube.com/watch?v=NZkR5Wb2KQs (ganz ansehen!)

Die brasilianische Mannschaft von 1970 galt und gilt für viele als bestes Nationalteam aller Zeiten ( Spanien mal außer Acht gelassen).
Die Gründe dazu sind vielfältig: Zum einen ist es schlicht der Fakt, gegen die beste Abwehr der Welt vier Tore geschossen zu haben. Zum anderen war die Art von Brasilien Fußball zu spielen eine Art Befreiung ( dieses Argument ist meiner Meinung nach nur bedingt richtig). Damit war einfach gemeint, dass nun auf allerhöchste Ebene die Überlegenheit des Catenacchios zerstört wurde. Das offensive Spiel der Brasilianer war vollkommen anders als der Fußball, der in Europa gespielt wurde.

Ich wollte eigentlich die Formation von Brasilien hier einfügen, aber die Grafiken , die ich gefunden habe sind meiner Meinung nach unangemessen und fehlerhaft, wobei es sowieso schwierig ist, das Brasilien von 1970 in einer starren Formation zu fassen.

Unübersehbar bei Brasilien Viererkette war die Rolle der beiden Außenverteidiger Carlos Alberto ( welcher auch Kapitän war) und Everaldo, die sich immer wieder ins Angriffsspiel mit einschalteten ( Carlos Alberto schließlich auf beeindruckende Weise im Finale). Eine 1958 begonnene Entwicklung in Brasilien war damit auf ihrem Höhepunkt angelangt, die offensiven Außenverteidiger waren geboren. Italien hatte dies mit Facchetti zwar auch, doch entstand diese deutlich radikalere Entwicklung in Italien erst Mitte der 60er Jahre.
Das zentrale Mittelfeld bestand aus Clodoaldo, der das Defensivspiel der Mannschaft organisierte. Clodoaldo wurde von Trainer Zagallo erst kurz vor der Weltmeisterschaft entdeckt, als er einen defensiv orientierten Mittelfeldspieler suchte. Unterstützt wurde Clodoaldo durch den Kettenraucher Gerson, der für seine Distanzschüsse schon vor dem Turnier bekannt war und auch eher den Offensivspielern den Rücken frei hielt.
Schaut man sich die Offensivspieler der Brasilianer an, so muss man feststellen, dass es schwierig ist, ihnen feste Positionen zuzuordnen. der 29 jährige Pele war wie immer als falsche 9 eher hinter den Spitzen zu finden. Doch auch Tostao und Rivelino waren eigentlich auf dieser Position zu Hause. Was hat Zagallo also getan? Rivelino war für den Linken Flügel vorgesehen, um sich aber im Spiel immer zu Pele hin zu orientieren. Das bedeutete für Pele, weiter nach rechts zu rücken, wo Jairzinho auf dem rechten Flügel weilte, der aber auch in die Zentrale auswich.
Nochmal zusammengefasst: Rivelino schob von links in die Mitte, Pele agierte dynamisch hinter den Spitzen und der Rechtsaußen Jairzinho begab sich oft in die Mittelstürmerposition.
Der in meinen Augen interessanteste Spieler war allerdings Tostao. Das Jahrhunderttalent, das viel zu früh mit 25 Jahren aufgrund einer Augenverletzung seine Karriere beenden musste, war der eigentliche Star dieser WM. Seine Leistungen wurden höher eingeschätzt als die von Pele. Tostao war der nominelle Mittelstürmer, der sich aber immer wieder zurückfallen ließ. Der Linksfuß war wie Pele sowohl als Vollstrecker und Regisseur ausgebildet und mit einer sagenhaften Technik ausgestattet.
Die in Brasilien schons eit 1958 etablierte Raumdeckung ermöglichte ein extrem flüssiges und vielseitiges Spiel nach vorne. Anders als 1962 und 1958 waren die Dribbeltalente nicht mehr unbedingt die Außenstürmer, sondern in der Zentrale zu finden. Stattdessen fällt auf, dass viel mehr lange Bälle und Flanken geschlagen wurden, da man Peles Fähigkeiten im Luftkampf neu entdeckte. Die brasilianische Mannschaft schien physisch besser zu sein als bei den Turnieren zuvor, der Altersdurchschnitt wurde eigentlich nur durch die 29 Jahre von Pele hochgezogen.

Bei all dieser Qualität darf man eines jedoch nicht vergessen: Die WM 1970 fand in Mexiko bei hohen Temperaturen statt, was für die europäischen Mannschaften sicher eine Belastung darstellte. Auch die große Höhe war ein Hindernis. Es bleibt also die Frage, ob sich Brasilien in Europa schwerer getan hätte.

Vier Jahre später sollte Brasilien in der WM in Deutschland eher durch brutale Fouls als durch spielerische Perfektion glänzen, Trainer Zagallo erkannte sein Team nicht wieder. Allerdings waren Pele und Tostao bereits zurückgetreten, Jairzinho war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der einzige Spieler, der von der 1970er Mannschaft seinen Ruhm noch erweitern sollte, war Roberto Rivelino.


Was demnächst folgt: Spanien 1962 - Mit Altstars nach Chile
« Letzte Änderung: 17.Juli 2013, 16:33:58 von Tomminator4real »
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #77 am: 17.Juli 2013, 16:30:39 »

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« Letzte Änderung: 17.Juli 2013, 16:34:16 von Tomminator4real »
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #78 am: 17.Juli 2013, 16:33:03 »

Das Close-Tag in der allerrsten überschrift hat keine öffnende Klammer. Und mach das weg, kriegt man ja augenkrebs.
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Re: Fußballgeschichte: (fast) vergessene Mannschaften
« Antwort #79 am: 18.Juli 2013, 20:08:08 »

Ein großes Lob! Ich kenne solche Threads eigentlich nur aus dem englischsprachigen fm-Foren. Weiter so. Es macht wirklich Freude hier mitzulesen.

Speziell das Thema totaler Fußball gefällt mir. Persönlich fließt alles was ich zu diesem Thema weiß, in meine Taktiken mitein. Egal ob in unteren Ligen, oder mit Erstligavereinen.