Früher oder später ist eh jeder mit Corona konfrontiert, nicht wenige wahrscheinlich schon Ende 2019 / Anfang 2020, bevor es in Europa populär wurde.
Dem ersten Teil stimme ich zu. Deshalb ist die Entscheidung ja auch nicht "impfen oder nicht impfen", sondern "geimpft mit dem Virus in Kontakt kommen oder ungeimpft".
Der zweite Teil (von mir fett markiert) triggert mich zugegebenermaßen aber auf mehreren Ebenen:
Was meinst du mit "populär wurde"? Die Formulierung suggeriert ja einen (möglicherweise unberechtigten?) Hype, vielleicht sogar eine Übertreibung. Ich will das aber nicht fehlinterpretieren, deswegen frage ich nach, wie du es meinst.
Wie kommst du darauf, dass "nicht Wenige wahrscheinlich schon Ende 2019 / Anfang 2020" Kontakt mit SARS-CoV-2 haben? Wie viel Prozent der Bevölkerung sollen "nicht Wenige" sein? Ich halte das für eine äußerst steile These und würde mich über eine Begründung freuen.
Zu den Suiziden hatte Joe sich schon geäußert. Was die Drogentoten anbelangt: Stimmt, der Anstieg zum Vorjahr ist recht deutlich, grundsätzlich scheint diese Zahl seit 2001 aber einer Wellenbewegung zu folgen, insofern ist ein Anstieg an sich nicht zwangsläufig überraschend. Ich will aber die Verstorbenen keinesfalls kleinreden und nicht ausschließen, dass die Pandemie bzw. der Lockdown auch eine Ursache dafür sein können. Diesen Anstieg aber monokausal darauf zurückzuführen finde ich schwierig. Korrelation =/= Kausalität. Wie gesagt: es ist möglich, nein, wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil des Anstiegs dadurch erklärt werden kann. Wir sollten das aber nicht als Fakt verkaufen.
Im Übrigen bestreitet zumindest hier auch niemand die (nennen wir es mal sehr weit gefasst so) sozialen Folgen von Eindämmungsmaßnahmen (aka Lockdown). Ich hatte vor einigen Seiten sogar explizit geschrieben, dass man die Kinder auch nicht vor den psychischen Folgen der Pandemie ausreichend schützt. Auch bei diesen sozialen Folgen sehe ich im Übrigen ein großes Versäumnis in der Politik: Man hätte bspw. Hotels für die Opfer häuslicher Gewalt bereitstellen können, um mal eine mögliche Idee zu nennen. Andere Probleme wie die verschleppte Digitalisierung liegen tiefer und rächen sich jetzt. Bzgl. der wenigen Kassenplätze bei Psychiatern hat Joe sich auch schon geäußert. Die Pandemie hat schonungslos andere große Baustellen in der Gesellschaft offengelegt. Das eigentlich Erschreckende daran ist doch: Die Politik (und damit meine ich alle Parteien) scheint nicht ernsthaft daran interessiert zu sein, diese Probleme auch zu lösen oder überhaupt erst einmal anzuerkennen und zu analysieren.
Um den Faden wieder aufzunehmen: Die Maßnahmen waren und sind trotz dieser Folgen richtig. Es ist aus meiner Sicht auch ethisch nicht richtig, Tote gegeneinander aufzuwiegen. Ist ein Corona-Toter z.B. mehr (oder weniger) wert, als ein Drogentoter? Man kann darüber diskutieren, ob sie an der ein oder anderen Stelle zu hart oder zu locker waren oder die Gewichtung falsch war. Wichtig wäre jetzt, aus diesen Folgen zu lernen, die Probleme zu erkennen und anzugehen. Es kann doch z.B. nicht sein, dass ein Mensch mit psychischen Problemen unzählige Telefonate führen muss, um einen Behandlungsplatz zu bekommen (oder sich auf eine Warteliste zu setzen). Dass man überhaupt erstmal zum Hausarzt muss, um sich eine Überweisung abzuholen. Diese Hürden sind einfach zu hoch.
Vielleicht einfach mal die Perspektive ein wenig rund um das Virus herum wieder erweitern.
Nun, ich hoffe, ich konnte klarmachen, dass "Lockdownbefürworter" (oder wie auch immer du Leute mir meiner Position bezeichnen möchtest) diese Perspektive durchaus mitdenken. Man kann dann aber trotzdem zu einem anderen Schluss kommen.
Und um das Ganze noch um meine persönliche Lebenswelt zu ergänzen: Ich bin privilegiert. Ich konnte problemlos im Homeoffice arbeiten, habe einen Garten, den ich jederzeit nutzen kann, habe meine Frau und meine Tochter im Haus, bin also nie alleine, wir hatten keinen Betreuungsstress in dem Sinne, dass wir unsere Tochter (2 1/2 Jahre) eh erst mit 3 in den Kindergarten bringen wollten. Heißt: Wir mussten unsere Arbeitstage nicht um die Kinderbetreuung herum organisieren, weil meine Frau eh da war/ist. Ich würde mich auch als psychisch stabilen und gesunden Menschen bezeichnen. Trotzdem merke ich, wie die Pandemie mich auszehrt, wie ich psychisch und physisch an meine Grenzen komme. Mir geht es nach wie vor gut, keine Frage, aber mir wäre lieber, der Mist wäre heute vorbei und wir könnten unbehelligt von dieser beschissenen Krankheit leben und sorgenfrei Freunde und Familie treffen. Diese ganze Pandemie ist, um es deutlich zu sagen, ein riesiger Haufen Scheiße, der uns alle trifft. Manche (deutlich) härter als andere.
Unterschwellig vorzuwerfen, man nehme keine Perspektive ein, die über das Virus hinausgehe, finde ich angesichts dessen ehrlich gesagt ziemlich unverschämt.