Kapitel 1: Anno Uno - Der steinige Weg aus der Zweitklassigkeit
Kapitel 1.1: Catenaccio-Träume und Schrotflinten-Fußball
Wenn im Dezember die kalten Winde vom Ligurischen Meer durch die engen Betonschluchten des Marassi pfeifen, verzeiht dieser Ort keine Illusionen. Nach neunzehn absolvierten Spieltagen liegt die Hinrunde meiner ersten Spielzeit hinter uns, und wer geglaubt hatte, wir würden den Geist von Vujadin Boškov mit einer Handvoll taktischer Kniffe und nostalgischem Pathos wiederbeleben, wird von der nackten Tabelle der Serie B schonungslos geerdet. Platz 13, dreiundzwanzig Punkte, neunundzwanzig erzielte Tore und unfassbare vierunddreißig Gegentreffer. Der Vorstand träumte im Sommer forsch von den Top 4 und dem direkten Wiederaufstieg, eine Marke, von der uns zur Winterpause bereits acht Zähler trennen. Mein eigenes, weitaus realistischeres Ziel waren von Beginn an die Playoff-Ränge zwischen Platz 3 und 8. Mit fünf Punkten Rückstand auf Rang 8 ist dieser Zug keineswegs abgefahren, und der Vorsprung auf die Playout-Zone beträgt immerhin beruhigende fünf Punkte, doch der Weg dorthin glich in den vergangenen fünf Monaten einer emotionalen Achterbahnfahrt ohne Sicherheitsbügel.
Dabei begann alles mit dem bitteren Geruch von Kassensturz und Aufräumarbeiten. Als ich im Juli mein Büro bezog, war die Geschäftsstelle bereits ein einziges Durchgangszimmer. Unzählige Abgänge und Verkäufe waren vom Verein längst eingetütet worden, um den finanziellen Kollaps abzuwenden. Für mich blieb in den letzten Wochen des Transferfensters nur noch die Rolle des Sanierungs-Chirurgen: Wer nicht bedingungslos ins Gefüge passte oder das Budget erdrückte, musste gehen. Fabio Depaoli verkauften wir für 350.000 Euro nach Houston, Alex Ferrari wanderte für ein Handgeld nach Portugal zu Marítimo ab, und Flügelspieler Tjaš Begić wurde zur Spielpraxis nach Südtirol verliehen. Um das erstickende Gehaltsgefüge weiter zu entlasten, parkten wir Topverdiener Yari Verschaeren per Leihe in Antwerpen. Auf der Zugangsseite diktierte der Kontostand pure Bescheidenheit: Nach einem erfolgreichen Probetraining sicherte ich mir ablösefrei den vereinslosen Hünen Jérôme Onguéné als physische Absicherung fürs Abwehrzentrum. Um unsere chronische Not auf der linken Innenverteidigerposition zu lösen, überwiesen wir rund 425.000 Euro an Hansa Rostock für Lukas Wallner, ein Glücksgriff, denn der junge Österreicher biss sich mit seiner Aggressivität, seiner Zielstrebigkeit und seiner Lufthoheit auf Anhieb als unverzichtbarer Fels in der Brandung fest und stand in zwanzig Pflichtspielen auf dem Platz. Ganz vorne landeten wir den Transfercoup der Saison: Bendegúz Kovács kam für zwei Jahre auf Leihbasis von AZ Alkmaar. Die im Vertrag verankerte Kaufoption über elf Millionen Euro ist angesichts unserer Finanzen zwar reine Realsatire, doch was der Ungar auf dem Rasen ablieferte, machte ihn zum absoluten Gesicht unserer Offensive.

Auf dem Platz allerdings drohte das Projekt frühzeitig zu zerschellen. Meine ursprüngliche taktische Vision war ein asymmetrisches 3-4-2-1 gewesen, das sich gegen den Ball in ein tiefes 5-2-2-1 zurückzog. Tobias Lauritsen sollte ganz vorne als wuchtiger Zielspieler Bälle festmachen, flankiert von Roberto Insigne und Yann Karamoh, während Antoine Makoumbou und Oliver Abildgaard das Zentrum dichtmachten. Es war ein Desaster mit Ansage. Lauritsen erwies sich von Woche zu Woche als unser größtes Sorgenkind: Er rieb sich zwar auf, blieb im Kombinationsspiel aber völlig isoliert und erzielte in zwanzig Einsätzen gerade einmal zwei mickrige Törchen. Nach dem trostlosen 0:2-Pokalaus bei Cremonese und drei zähen Unentschieden zum Ligastart holten wir uns am vierten Spieltag bei Mantova eine schallende 1:3-Ohrfeige ab. Das System war tot. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion flog die Solospitze vom Reißbrett. Ich stellte auf ein ur-italienisches 3-4-1-2 um, formierte eine bewegliche Doppelspitze und beorderte Insigne als echten Trequartista auf die Zehn, wo er fortan mit dem luxemburgischen Freigeist Danel Sinani rotierte.
Die taktische Umstellung schenkte uns vorne sofort ein neues Leben. Die Doppelspitze zog die gegnerischen Abwehrreihen auseinander, und Kovács explodierte förmlich: Zehn Tore und eine Vorlage in neunzehn Einsätzen machten die Alkmaar-Leihgabe mit einer Durchschnittsnote von 7,03 zu unserem unangefochtenen Lebensretter. Doch während die Maschinerie vorne zu laufen begann, verwandelte sich unsere Fünferkette in ein unberechenbares Scheunentor. Vierunddreißig Gegentore sind der fünftschlechteste Wert der gesamten Lig, ein Schlag ins Gesicht für jeden Liebhaber der defensiven Grundordnung. Die Halbräume hinter den aufrückenden Schienenspielern wurden von den Innenverteidigern regelmäßig zu spät zugestellt, und dahinter erlebte Torhüter Peter Vindahl eine Hinrunde zum Vergessen. Mit einem Notenschnitt von 6,48 patzte der Däne immer wieder bei Distanzschüssen und Flankenbällen und entwickelte sich zum statistisch schwächsten Stammspieler der Mannschaft. An der Seitenlinie alterte ich im Minutentakt, nicht zuletzt wegen Antoine Makoumbou: Unser kongolesischer Mittelfeldmotor trieb mich mit seinen wilden, völlig aussichtslosen Schüssen aus fünfundzwanzig Metern regelmäßig an den Rand des Wahnsinns, nur um dann in zwei Spielen genau mit solchen Granaten den erlösenden Siegtreffer zu markieren.
Mitte November brach dann das pure personelle Chaos über uns herein. Erst riss sich Stamm-Rechtsverteidiger Kevin Mbabu die Oberschenkelmuskeln und fiel für bis zu vier Monate aus, und als wäre das nicht genug, meldete sich kurz darauf auch noch sein Backup Alessandro Di Pardo für Wochen ab. Auf der rechten Außenbahn brannte lichterloh der Baum. Aus der Not geboren griff ich in den Nachwuchs und warf den 18-jährigen Hubert Fruscione ins eiskalte Wasser der Serie B, ein Eigengewächs, das, wenn man ehrlich ist, noch nicht im Ansatz reif für diesen Druck war. Was folgte, war die reinste Football-Manager-Folklore. In seinem allerersten Profispiel auswärts bei Carrarese servierte der Junge nach wenigen Minuten eine maßgeschneiderte Torvorlage, nur um wenig später mit ungestümem Eifer im eigenen Strafraum einen Elfmeter zu verschulden. Ein wildes 2:2, das mich zwischen Stolz und Verzweiflung zerriss. Doch Fruscione ließ sich nicht beirren: Eine Woche später stand er wieder auf dem Rasen und legte prompt die nächste Führung auf.
Diese Wochen vor Weihnachten fraßen Jahre meiner Lebenserwartung, lieferten aber auch jene Momente, für die man diesen Sport liebt. Da war der 21. November, als der ungeschlagene Spitzenreiter Benevento Calcio ins Marassi reiste. Kovács brachte uns früh in Führung, doch der Favorit drehte das Spiel im zweiten Durchgang eiskalt zum 1:2. Das Stadion drohte zu verstummen, doch meine Mannschaft warf alles nach vorne: In der 83. Minute hämmerte Salvatore Esposito den Ball zum 2:2 in die Maschen, und in der dritten Minute der Nachspielzeit explodierte die Kurve, als Yann Karamoh einen Konter zum 3:2-Siegtreffer über die Linie drückte! Nur eine Woche später folgte das absolute Wahnsinnsspiel gegen unseren Pokalschreck Cremonese: Fruscione legte nach vier Minuten für Kovács auf, Cremonese drehte das Ding auf 1:2, Esposito und Karamoh drehten es wieder auf 3:2, ehe uns ausgerechnet Ex-Samp-Stürmer Bonazzoli in der 83. Minute mit dem 3:3-Endstand das Herz brach. Es war kein Catenaccio, es war offener Schlagabtausch mit gezogener Klinge.
Kurz vor dem Jahreswechsel gelang uns mit einem abgeklärten, defensiv makellosen 2:0 gegen den Erstliga-Absteiger Hellas Verona endlich der versöhnliche Zu-Null-Abschluss, der ein wenig Ruhe in die Weihnachtstage brachte. Doch die Sorgenfalten für das Winterfenster sind tief. Danel Sinani verletzte sich schwer und fällt für volle drei Monate aus, womit Insigne die Last auf der Zehn nun ganz alleine tragen muss. Mein sehnlichster Wunsch an den Sportdirektor wäre ein verlässlicher Torhüter, der Vindahl erlöst oder ihn zumindest zu Höchstleistungen zwingt. Doch die Vereinskasse ist leer, jeder Cent verplant. Große Transfers wird es im Januar nicht geben; wir sind auf Wunder, ablösefreie Notleihen und die eigene Entwicklungsarbeit angewiesen. Wir stehen im Niemandsland der Tabelle, doch die Fünf-Punkte-Lücke zu den Playoffs ist in dieser unberechenbaren Serie B ein Wimpernschlag. Wenn wir es schaffen, die Schotten im eigenen Strafraum endlich dichtzumachen, ohne vorne unsere Feuerkraft zu verlieren, ist die Wiedergeburt noch lange nicht gestorben.