@Sonzee87:
Volltreffer.

„Präger schießt…aber soooo lasch, da müsste man ja eine Stulle hinterher schmeissen,
damit der Ball auf dem Weg zum Tor nicht verhungert…“ (Wilfried Mohren)
"Wo soll ich denn da anfangen?", lacht Tony Borges.
"Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte von Stade de Reims! Hah! Und was dann? Eine kurze Geschichte des Römischen Reiches in 3 Sätzen oder wie?" Er kann zunächst gar nicht aufhören zu lachen und es dauert eine ganze Weile, bis er sich soweit gefaßt hat, dass er mir zumindest dies sagen kann:
"Pass auf, Vorschlag: Du schlenderst jetzt mal rüber in unseren Trophäenraum, holst Dir den Jubiläums-Bildband '125 Jahre Stade de Reims' von 2035 aus dem Regal und dann blättern wir den zusammen durch, in Ordnung?"Und genauso machen wir es dann auch - was dazu führt, dass ich in den folgenden zwei Stunden mit Bildern, kurzen Texten und Borges-Kommentaren zur Reimser Fussballgeschichte vollgepumpt werde, bis mir der Schädel dröhnt.
Von den Dutzenden Photographien bleiben mir dabei vor allem diese fünf im Gedächtnis - nicht weil es die wichtigsten Personen sind, die darauf abgebildet sind (wobei das teilweise natürlich der Fall ist), sondern weil die Geschichten, die Borges mir dazu erzählt, so ungemein fesselnd sind.
Der Name des ersten in der Reihe,
Just Fontaine, sollte für einen Fussballinteressierten dabei eigentlich geläufig sein - hält er doch einen absoluten Fabelrekord: bei der WM 1958 erzielte er sagenhafte 13 Tore für Frankreich!
Im Verein erwies er sich also genauso treffsicher - obwohl er "lediglich" 151 Spiele für Reims absolviert hat (was Rang 53 bedeutet), ist er mit 145 erzielten Toren dennoch Rekordtorjäger des Vereins - vor einem gewissen Carlos Bianchi, der dem einen oder anderen Interessierten wohl auch noch etwas sagen dürfte.
(Von ihm gibt es sogar ein wenig
Videomaterial von der WM 1958, das man sich im kleinen Vereinsmuseum anschauen kann, wie ich später feststelle.)
Der Zweite ist für die Goldenen Jahre von Stade Reims (den Zeitraum zwischen 1949 und 1962) womöglich sogar noch ein wenig wichtiger gewesen. Sein Name:
Albert Batteux. Bis heute spricht man diesen Namen in Fussball-Frankreich mit Ehrfurcht und Respekt aus. Batteux war zunächst Spieler, dann Spielertrainer, dann Trainer des Vereins, und dann Vereins- und Nationaltrainer in Personalunion. Unter seiner Regie wurde Reims fünfmal Meister (am ersten von insgesamt sechs Reimser Meistertiteln war er ebenfalls beteiligt - allerdings noch als Spieler), zweimal Vizemeister, holte einmal den Pokal und erreichte zudem zweimal das Finale des Europapokals der Landesmeister, wo man jeweils knapp an Real Madrids Starensemble um Ferenc Puskas und Alfredo di Stefano scheiterte.
Die Nationalmannschaft belegte bei der Weltmeisterschaft 1958 - mit Batteux als Trainer - den dritten Rang, ein erstes dickes Ausrufezeichen der Franzosen auf der WM-Bühne.
In späteren Jahren führte er noch die AS Saint-Etienne zu 3 Meisterschaften in Folge (und gewann dabei zweimal sogar das Double).
2000 wurde er zum zweibedeutendsten Trainer der französischen Fussballgeschichte gewählt (hinter dem Weltmeistertrainer von 1998, Aime Jacquet, aber noch vor dem ersten Trainer, der Frankreich jemals zu einem internationalen Titel führte, Michel Hidalgo nämlich - der übrigens auch in Reims spielte).
Und 2013 wählte ihn die Redaktion von France Football einstimmig zum "bedeutendsten Trainer in der Geschichte der Ligue 1."
Nummer Drei -
Raymond Kopa. Auch er Teil der Reimser Erfolgsstory in den Fünfzigern. Der Spielmacher (der eigentlich Kopaszewski hieß und der Sohn polnischer Einwanderer war) galt als eleganter und dribbelstarker Ballkünstler - seine Tempodribblings waren ebenso gefürchtet wie seine präzisen Zuspiele in die Spitze. Bei der WM 1958 wurde er zum besten Spieler gewählt, im gleichen Jahr gewann er den "Ballon d'Or".
Im damals vorherrschenden 3-2-5 ("WM-System") spielte er als Mittelläufer (also Stopper bzw als die Vorform des späteren Liberos) und füllte diese Rolle bei Stade de Reims sagenhafte 18 Jahre lang aus.
Der Vierte hört auf den Namen
Robert Jonquet. In einer offensiv wie defensiv herausragenden Reimser Mannschaft war er ein vorwiegend defensiv orientierter, aber dennoch auch für den Angriff essentieller Spieler. Für Menschen, die sich mit der Taktik der 50er im Allgemeinen und/oder dem Spiel von Jonquet im Besonderen beschäftigt haben, gilt er als eine Art personifizierte Vorahnung der Liberorolle, wie sie 10 Jahre später von Spielern wie Franz Beckenbauer interpretiert wurde.
Er ist mit 572 Einsätzen mit weitem Abstand Rekordspieler des Vereins (der Zweitplatzierte Raymond Kopa kommt "lediglich" auf 414 Spiele im Reimser Trikot).
Natürlich war auch er Nationalspieler Frankreichs und Teil des Teams, das 1958 nachgerade sensationell Dritter wurde.
Am Spiel um Platz drei konnte er allerdings nicht teilnehmen.
Warum?
Weil er sich im Halbfinale nach einer halben Stunde das Schienbein brach - die Partie aber zuende spielte!
Unfassbare Geschichte, das: Auswechslungen waren 1958 noch nicht gestattet und nachdem Jonquet Mitte der ersten Halbzeit heftigst mit Brasiliens Mittelstürmer Vava zusammengeprallt war, biß er daher trotz aller Schmerzen auf die Zähne und machte weiter.
Beziehungsweise stand zumindest auf dem Feld - von "bewegen" konnte kaum noch die Rede sein, weil er vor Schmerzen kaum laufen, geschweige denn am Spiel teilnehmen konnte.
In der Halbzeitpause wurde nicht erkannt, dass sein Schienbein gebrochen war (!) - er bekam eine schmerzstillende Spritze und lief für die zweite Halbzeit wieder aufs Feld.
Natürlich nahm er am Spiel nicht wirklich teil, sondern stand mehr oder minder nutzlos auf dem Flügel herum.
Allein die Tatsache jedoch, dass er in einem WM-Halbfinale über eine Stunde lang mit gebrochenem Bein auf dem Feld stand, machte ihn zu einem absoluten Ausnahmefall der Fussballgeschichte.
(Und dieser Vorfall war einer der Gründe, warum es knapp ein Jahrzehnt später erlaubt wurde, bei schweren Verletzungen zunächst einen Spieler, ab 1970 sogar 2 Spieler auszutauschen.)
Und der Fünfte schließlich ist
Robert Piantoni, Kind italienischer Einwanderer in Lothringen und einer der talentiertesten Stürmer dieser Zeit. Der spielte den größten Teil der "goldenen Reimser Fünfziger" beim FC Nancy, bevor er zum Reimser Publikumsliebling wurde - und die Geschichte seines Wechsels wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Zustände, die vor dem Bosman-Urteil in diesem (auch damals schon mitleidlosen) Business herrschten.
Piantoni debütierte 1950/51 in Nancy und wurde gleich in der ersten Saison prompt Torschützenkönig der damals noch "Division 1" genannten ersten Liga. Und er sorgte auch in den Folgesaisons derart für Furore, dass sich europäische Schwergewichte daranmachten, ihn aus Nancy wegzulocken. Ganz vorn dabei: FC Internazionale Mailand und Juventus Turin.
Für den italienischstämmigen Piantoni wäre, wie er später sagte, ein Traum wahrgeworden, wenn er nach Italien hätte wechseln dürfen und er bat seinen Clubpräsidenten, dem Wechsel zuzustimmen - aber der lehnte rundheraus ab.
Piantoni war derart enttäuscht, dass er (mit 24 Jahren!) kurzzeitig gar erwog, die Schuhe an den Nagel zu hängen.
Letztendlich spielte er aber dennoch weiter für Nancy, die in dieser Zeit trotz seiner Tore nicht allzu erfolgreich waren und 1956/57 sogar abstiegen.
Und das brachte Stade Reims auf den Plan. Für die damals ungeheure Summe von 24 Millionen "alten Francs" (die ein Jahr später, nach de Gaulles Währungsreform und dem Wechsel zum "neuen Franc", einen Wert von ca 24.000 Franc darstellten) wechselte Piantoni nach Reims.
In diesem Zusammenhang stellte sich heraus, dass der abgelehnte Wechsel nach Italien einen sehr einfachen Grund hatte: Reims hatte sich in aller Stille bereits 1952 (!) durch eine Vereinbarung jährlicher Zahlungen ein Vorkaufsrecht für Piantoni gesichert.
Ein Vorkaufsrecht, von dem weder Piantoni oder sonstwer wußte. Und natürlich wurde er 1957 auch nicht gefragt, ob er nach Reims wechseln wolle - genausowenig wie die beiden Reimser Spieler Jean Templin und Raoul Schollhammer, die im Zuge dieses Wechselgeschäfts nach Nancy in die Division 2 zu wechseln hatten!
"Man kann von den Folgen des Bosman-Urteils (mit ausufernden Beraterprovisionen, zunehmender Sinnlosigkeit langfristiger Verträge etc) halten, was man will - besser als der zuvor offen gelebte Sklavenhandel mit den Spielern ist es allemal."So lautet Borges' lakonischer Kommentar zu diesem Thema.
Diese fünf sind natürlich nichtmal im Ansatz die einzigen Akteure, die man in der Reimser Fussballgeschichte kennen sollte.
Von Präsident Henri Germain über Spieler wie Michel Hidalgo (den der eine oder andere vielleicht noch als Trainer der französischen Europameister von 1984 und damit von Weltstars wie Michel Platini, Alain Giresse oder Jean Tigana kennt) oder Robert Pires (den letzten aus der Reimser Nachwuchsakademie hervorgegangenen französischen Nationalspieler, kurz bevor die Vereinsinsolvenz den Club an den Rand der Auflösung - und in die sechste Liga - brachte) gibt es eine Fülle von Personen, die auf oder neben dem Platz erhebliche Bedeutung daran hatten, dass allein der Name "Stade de Reims" noch heute einen guten Klang in Frankreichs Fussball hat.
Nichtsdestotrotz klappe ich den Bildband irgendwann erstmal zu.
Geschichte gucken ist ja gut und schön - aber ich bin hier nicht als Märchenonkel angestellt, sondern als Vereinstrainer. Und der von mir zu trainierende Verein steht knapp oberhalb einer gewissen roten Linie - eine beschämende Situation, die wir, also meine Wenigkeit, Sportdirektor Dan Stoican und mein Co-Trainer Jose Manuel, so schnell wie möglich zu verbessern gedenken.
Apropos "Jose Manuel" - der wollte um diese Zeit eigentlich gar nicht mehr hier sein, sein Heimatverein Athletic Bilbao hat angefragt, ob er nicht Lust hätte, sich deren Trainerstab anzuschließen.
Hat er. Und wie!
Ich hab allerdings derart würdelos darum gebettelt, dass er bitte erst im Sommer gehen möge, weil ich seine Expertise hier brauche, dass er meiner Bitte schließlich zugestimmt hat.
Ich brauch ihn wirklich - Manuel ist seit fast 10 Jahren als Trainer hier tätig, sein Wissen um Verein und Spieler ist von unschätzbarem Wert für die ansonsten runderneute Reimser Führungsriege (und den erwähnten würdelos bettelnden Cheftrainer).
Zum Beispiel dafür, dass er mir gleich zu Beginn unter vier Augen erzählt, mit welchen Spielern ich mal ein sehr behutsames Gespräch führen sollte, weil sie aktuell aus unterschiedlichen Gründen extrem unzufrieden sind.
Ali Sebbar zum Beispiel. Der Algerier, der sich vorwiegend auf dem linken Flügel heimisch fühlt, ist seit anderthalb Jahren in Reims, fühlt sich aber immer noch wie ein Fremdkörper, weil er sich einfach nicht an das Land gewöhnen kann.
"Ich will weg!", lautet seine unmißverständliche Botschaft.
Na, dem Manne kann geholfen werden!
Insgeheim bin ich sogar recht froh über sein Ansinnen, denn der 33-jährige ist zwar in dieser Saison noch ungefähr auf dem Level, das wir in Reims brauchen, aber er hat - so zumindest Manuels Einschätzung - bereits deutlich abgebaut, kein Wunder bei einem Spieler, der hauptsächlich über seinen früher herausragenden Speed gefährlich wird.
Stoican bekommt also den Auftrag, einen Abnehmer für den Flügeljogger (zum Flitzer reichts wie gesagt leider nicht mehr) zu finden.
(Eine Aufgabe, die er erfolgreich erfüllen wird - der deutsche Zweitligist Hannover 96 kauft ihn uns für ein paar hunderttausend Euro ab - gerüchteweise als designierten Anführer für die in der Regionalliga spielende Zweitvertretung des Clubs.
Wird ne (un)schöne Überraschung für Sebbar, wenns stimmt - der verabschiedtet sich nämlich mit Leuchten in den Augen und einem gegrinsten
"Ich spiel demnächst gegen Stuttgart, Nürnberg und Dresden, hehe!"Und ich frag mich, ob ich mich fragen sollte, ob sich Ali vielleicht mal gefragt hat, inwieweit Deutschland eine Verbesserung darstellt, wenn man schon in Frankreich nicht zurechtkommt.
Überhaupt - die Abgänge! Dass sich da einiges tun wird, ist uns ja von Anfang an klar. Dass wir allerdings durch die sportlich schmerzhaften Transfers glatte EINUNDZWANZIG MILLIONEN Euro einnehmen, überrascht uns dann doch etwas.
Gut, im Gegenzug verlieren wir zwei der herausragendsten Akteure, die Reims in den letzten Jahrzehnten gesehen hat, aber das muss man als kleiner(er) Verein ja sowieso immer einkalkulieren.
Publikumsliebling und Topscorer Fitsum Tamirat wechselt aus der zweiten französischen Liga in die erste belgische und vom nationalen Abstiegskampf in die Europa League. KRC Genk legt schwindelerregende 11,5 Millionen auf den Tisch, die wir einfach nicht ablehnen können - keine Diskussion! (Gut, ich will natürlich dennoch diskutieren, weil Tamirat in der abgelaufenen Halbserie auf 19 Scorer kommt, die wirklich schwer zu ersetzen sein werden, aber Stoican und Borges argumentieren mich innerhalb von 10 Sekunden in Grund und Boden. Und Stoican teilt mir danach augenzwinkernd mit, ich solle nicht allzu traurig sein, er habe da schon ein, zwei konkrete Ideen...)
Tamirat wird von den Medien übrigens bereits am Tage nach seinem Wechsel auf über 30 Millionen Euro taxiert!
Der zweite Millionenabgang betrifft unseren Quoten-Ami Max Martinez. Der ist zwar lediglich der in Frankreich geborene Sohn eingebürgerter US-Amerikaner (die nach der "Burgerkrise" unter König JayDee dem Ersten die US-Monarchie verlassen haben), aber die Mannschaft zieht ihn dennoch gern damit auf, dass er gerüchteweise über achtzehn Ecken mit dem unaussprechlichen Donald verwandt ist.
Nun, solche Sticheleien werden ihm an seinem neuen Arbeitsplatz wohl weniger widerfahren:Al-Ahli aus Saudi-Arabien kauft unseren Standardspezialisten und Taktgeber für phantastisch-elastische 8,25 Millionen Euro aus seinem Vertrag und macht ihn zum Topverdiener der Mannschaft. Nicht allzu verwunderlich, dass auch sein Marktwert spontan steigt - auf immerhin 20 Millionen.
Die neuen Marktwerte der Abgänge interessieren uns aber natürlich bestenfalls am Rande - viel wichtiger ist, was wir mit den reichlich sprudelnden Einnahmen anfangen.
Und da stellt sich heraus, dass Stoican nicht nur "ein, zwei Ideen" hat, sondern einen sehr konkreten Plan!
(Mehr dazu weiter unten.)
Wir haben uns als eine der ersten Amtshandlungen darüber verständigt, wie die Arbeitsteilung aussehen soll: er verantwortet alle Transfers, ich bekomme jedoch die Option, sowohl Transferziele vorzuschlagen als auch mein Veto einzulegen, wenn ich einen Spieler absehbar überhaupt nicht brauchen kann.
Eigentlich wollte ich bei einem auf dem Papier derart grandiosen Sportdirektor alle Kaderentscheidungen ihm überlassen. Da das Transferbudget und auch das Gehaltsbudget durch die Abgänge allerdings rasch total aufgebläht wurde, waren Stoicans erste Ideen Dinge wie eine 625.000 Euro kostende Leihe ohne Kaufoption (!) eines Spielers, der absehbar nur Ergänzung gewesen wäre oder ein 2-Millionen-Angebot für einen 31-jährigen Innenverteidiger, der keine klare Verbesserung darstellte. Und sorry, aber das geht ja wohl gar nicht.

Ergo greife ich inzwischen auch in Reims wieder deutlich in die Transfers ein - ich mache Vorschläge, ziehe (sehr regelmäßig) transferangebote zurück, die er gemacht hat und passe insgesamt wie ein Luchs auf, dass er die gute Ausgangsbasis, die sich duch die beiden ultrateuren Abgänge ergeben hat, nicht einfach für Spieler der Güteklasse "Puh, ernsthaft?!" aus einem Reimser Fenster wirft.^^
Während sich Stoican also anschickt, Stade de Reims temporär in einen auf Fussballspieler spezialisierten An- und Verkauf zu verwandeln, sind Manuel und ich mit Hochdruck dabei, die Mannschaft auf das erste Pflichtspiel unter meiner Leitung vorzubereiten. Zeit haben wir kaum, denn bereits 3 Tage nach meiner offiziellen Vorstellung gehts los: Auswärtsspiel in Angers.
Die sind Tabellenzweiter, da können wir gleich mal schauen, welche Spieler unter hohem Druck funktionieren und welche nicht.
Als wir uns auf die Rückreise machen, habe ich mehrere durchaus brauchbare Erkenntnisse gewonnen.
Erstens: die grundlegende Taktik funktioniert. Oder besser: sie hat in diesem Spiel zumindest defensiv sehr gut funktioniert.
Wir halten die Gastgeber nämlich derart konsequent vom Tor weg, dass sie kaum eine echte Torchance haben.
Zweitens: leider geht die erfreuliche defensive Stabilität mit einer deutlich weniger erfreulichen offensiven Harmlosigkeit einher - wir haben nicht eine einzige richtige Chance. Zwei halbgare Fernschüsse sind alles, was unseren xG-Wert in die Höhe treibt. Und dass dieser Wert nach einer solchen "Performance" dann unter 0,1 liegt, überrascht uns gar nicht.
Den Punkt nehmen wir dennoch mal so mit, besser als nix isses allemal. (Und besser als erwartet sowieso, aber - um einen deutschen Kabarettisten aus früheren Tagen zu zitieren: "Besser als erwartet? Was für eine Aussage ist das denn? Hömma, wenn die DIE Kategorie bei der Tour de France einführen, fahr ich da auch mit!")
Drittens: wir brauchen unbedingt Verstärkungen im Sturm. Faife ist klasse, aber hinter ihm wirds sehr schnell sehr dünn.
Viertens: Ähnliche Aussagen können wir auch auf nahezu allen anderen Positionen treffen, sogar im Tor, wo Stoicans Vorgänger zu Beginn der Saison mit Joao Batista einen (mit 2 Millionen Euro Ablöse verflucht teuren!) neuen Stammkeeper geholt hatte - der sich durch die Reflexe eines tibetanischen Meditationsbären im Winterschlaf auszeichnet. Also jedenfalls, wenn man wie ich immer noch von einem gewissen Mario Orlandoni träumt, den es in echt zwar nie gab, was mir aber egal ist.
Fünftens: die Abstimmung im Team ist genauso verbesserungswürdig wie die Laufwege.
Zum Glück haben wir jetzt anderthalb Wochen Zeit für ungestörtes Training, um das zu verbessern - allerdings müssen wir dann zu Erstligakellerkind Nancy, weil Pokal.
Als dieses Spiel angepfiffen wird, ist die Favoritenrolle natürlich klar.
Als es allerdings ABgepfiffen wird, reiben sich etliche Menschen ziemlich verwundert die Augen - denn wir haben den Erstligisten in seinem eigenen Stadion besiegt und sind in der nächsten Runde!
Gut, es war eine Menge Glück dabei, denn unser Führungstor durch Rechtsaußen Lejeune war ein abgefälschter Schuß, Nancy ließ mehrere gute Gelegenheiten liegen und im Endeffekt versagten im Elfmeterschießen drei von ihren Spielern die Nerven, während es bei uns nur zwei waren ... aber das interessiert uns null.
Erste dicke Überraschung meiner Amtszeit und wir sind damit in der elten Runde (bzw dem Sechzehntelfinale).
Drei Tage später dann endlich das erste Heimspiel - und obwohl die Gäste aus Tours (die immerhin noch um die Aufstiegsplayoffs kämpfen), die erwartet schwere Nuss sind, erringen wir drei wichtige Punkte. Matchwinner ist Lejeune, der vier Minuten vor Schluß einfach mal von der Strafraumkante aus draufhält.
Als wir eine Woche später mit exakt dem gleichen Ergebnis auch noch bei Abstiegskandidat Le Mans gewinnen (Doppeltorschütze: Neuzugang Bolanos), sieht die Welt in Reims alles in allem schon deutlich freundlicher aus als zu Jahresbeginn.
Der Februar beginnt mit einem weiteren Auswärtsspiel - und was für einem!
Vier Tage nach dem Sieg gegen Le Mans fahren wir in die Hauptstadt (ist ja von Reims aus nicht allzuweit) und messen unsere Kräfte mit einem Erstligisten namens Paris FC. Die Hauptstädter stecken tief im Abstiegsschlamassel und wollen gegen uns nicht nur Selbstvertrauen tanken, sondern natürlich auch das Veirtelfinale des Coupe de France buchen.
Aber Pustekuchen! Nicht mit uns! Bolanos erweist erneut als gute Verpflichtung und bringt uns bereits nach acht Minuten mit einem wuchtigen Kopfball nach Lejeune-Ecke in Führung.
Sein Sturmpartner Faife münzt zu Beginn der zweiten Halbzeit - mitten in die erste echte Drangphase der völlig verunsicherten Gastgeber hinein - einen phantastischen 40-Meter-Pass von Grandel in das 2:0 um, danach sind die Messen unglaublicherweise gelesen und wir spielen diese Partie ganz entspannt (!) zuende.
Viertelfinale, unfaßbar!
Das war wettbewerbsübergreifend bereits der vierte Sieg in Folge - wenn wir diesen Lauf irgendwie noch ein bißchen verlängern könnten, wären wir alle echt dankbar, weil es nach unten nämlich immer noch nicht genug Punkte sind, um sich zu entspannen. Ganz schön eng, dieses Ligue-2-Mittelfeld!
(Zumal das mit dem Präsidium vereinbarte Saisonziel ja "sicherer Mittelfeldplatz" lautet und nicht "Abstiegsgespenst geradeso zum Narren gehalten".)
Wie sich herausstellt, ist Mittelfeldteam US Boulogne sehr gern bereit, uns bei unserem noblen Ziel zu unterstützen. Sie kommen kaum mal über die Mittellinie (weil sie auf Konter lauern, zu denen sich dank disziplinierter Reimser Spielweise einfach keine Gelegenheit ergibt) und haben zudem in der Viererkette unter anderem die bekannten Spieler Francois Slap und Jean Stick aufgestellt, die uns ein ums andere Mal zum Toreschießen einladen.
Das Endergebnis von 3:0 ist fast noch zu niedrig ausgefallen - allein Doppeltorschütze Faife hatte noch zwei sogenannte "Hundertprozentige" auf dem Fuß!
Beim Tabellenletzten Marignane FC machen wirs danach zwar unnötig spannend, aber zum Glück haben wir inzwischen deutlich mehr Optionen im Kader, die wir einfach mal so ins Spiel werfen können (klatsch!), wenns bei den etablierten Kräften nicht so richtig laufen will.
Einer der Neuen ist ein belgischer Jungspund namens Guy Torfs - und der Mittelstürmer wird zum Matchwinner, weil er kurz vor Schluß eine Bolanos-Ablage zum kaum umjubelten Führungstor einschiebt.
Kaum umjubelt? Logisch, war ja auswärts.
Damit sind wir bereits beim Pokal-Viertelfinale angelangt.
Das ist nicht nur mein erstes Heimspiel im französischen Pokal - nein, es ist auch das erste Pokalspiel in Frankreich, bei dem ich mit meiner Mannschaft Favorit bin.
Wieso?
Weils ein Zweitligaduell ist und der Gast, der FC Lorient, in dieser zweiten Liga ums Überleben kämpft.
Die Favoritenrolle liegt uns allerdings, das merken wir recht fix, mal so gar nicht.
Wir gehen zwar durch Bolanos schnell in Führung, lassen uns Anfang der zweiten Halbzeit aber doppelt düpieren und brauchen ein Eigentor des gegnerischen Keepers (!), um kurz vor Schluß das sicher scheinende Ausscheiden gegen die Verlängerung einzutauschen. In der passiert nix mehr - und im fälligen Elfmeterschießen wird der neue Stammkeeper Francesco Traina zum Helden, weil er gleich zwei Gäste-Elfmeter hält.
Halbfinale.
HALBFINALE!
Vorher gibts aber natürlich noch das eine oder andere Ligaspiel.
Zum Beispiel zuhause gegen Tabellenführer Niort.
Vor dem Spiel mach ich mir eine Menge Gedanken darüber, wie wir deren famosen Doppelsturm aufhalten sollen - Fausset und Trezeguet haben zusammen bereits über 30 Ligatore erzielt.
Im Spiel stellt sich heraus, dass man die ruhig schießen lassen kann, solange Keeper Traina einen guten Tag hat...
Wir surfen auf einer Erfolgswelle, die einen an Hawaii denken läßt - auch wenn das größte Gewässer in der Umgebung im Vergleich dazu wahrscheinlich ein besserer Fischteich ist.
(Und dieses Wortspiel eigentlich eine Schaufel braucht, um das Niveaus zu finden...)
Am Ende des Monats fahren wir dann noch nach Grenoble und holen dort dank eines weiteren Treffers von Torfs (der den angeschlagenen Faife prima vertritt) erneut drei Punkte.
Das bedeutet, dass Stade de Reims auch nach zehn Pflichtspielen unter Trainer Lavayeux noch ungeschlagen ist und sich vorerst ins sichere Ligue-2-Mittelfeld abgesetzt hat.
Schmeckt!
Kurz darauf ist Deadline Day, da wirds für Stoican nochmal kurz ein bisschen hektisch, aber dann steht der Kader für die Rückrunde und der An- und Verkauf ist vorerst geschlossen.
Laut der französischen Fachpresse hat sich an der grundsätzlichen Prognose für Reims nichts geändert - man erwartet uns irgendwo zwischen Platz 6 und 16, Tendenz aufgrund der letzten beiden Monate aber steigend. (Ach!)
Der Kader sei balancierter als im Herbst, und wenn schon nicht unbedingt in der Spitze stärker, so doch in der Breite.
Und wie sieht er nun im Einzelnen aus, dieser Kader?
Im Tor hat es erneut einen Wechsel gegeben. So war ja erst im Sommer Batista als der neue Stammtorhüter geholt worden, dieser findet sich nun auf der Bank wieder und soll, so die Gerüchteküche, im Sommer den Verein idealerweise schon wieder verlassen, da Neuzugang Traina nicht nur die Nase, sondern sogar die Ohren vorn hat.
Traina wiederum hat sich in der Handvoll Spiele, in denen er auf dem Platz stand, als ein unglaublicher Glücksgriff erwiesen, dessen Ablöse von 150.000 Euro (er kam vom schwedischen Vertreter Pitea IF) nachgerade lächerlich wirkt.
Matteo Regnier, die Nummer 3, ist vorwiegend in der zweiten Mannschaft eingeplant, wo trotz ausdauernder Bemühungen bisher noch kein neuer Stammkeeper zur Verfügung steht.
In der Innenverteidiung ist zum jetzigen Zeitpunkt nur einer gesetzt - Kapitän Torrella nämlich. Ist der Spanier fit, spielt er, so einfach sieht die Lage aus. Neben ihm streiten sich Kean und Kouakou um Spielzeit, wobei Kean aufgrund seiner mentalen Stärke die besseren Karten hat. Kouakou kann eigentlich nur mit seiner Stärke in der Luft punkten, die allerdings in speziellen Situationen auch sein entscheidener Trumpf ist (zb wenn der gegnerische Stürmer genauso kopfballstark ist wie Bolanos).
Der Leihvertrag von Goios (den Stoican als viel zu teuer empfindet) konnte leider nicht abgebrochen werden, allzuviel Spielzeit wird er aber wahrscheinlich nicht sehen.
Die defensiven Außenpositionen sind einfach klasse besetzt, kann man nicht anders sagen. Waren sie zugegebenermassen auch vor Dans Dienstantritt schon, aber durch den Zugang von Said Omary (für 325.000 Euro) ist hier auch nochmal wirklich Qualität dazugekommen.
Anders als in der Innenverteidiung sind hier die beiden (ebenfalls arschteuren) Leihen die Stammspieler. Caramalho links und Senechal rechts sind einfach viel zu gut, um sie auf der Bank zu lassen. Letzteren würden wir gern fest verpflichten, aber aktuell verlangt er ein Gehalt von mindestens 500.000 Euro, um dem zuzustimmen. Das können und werden wir nicht machen.
Der Russe Sergey Sokolovskiy hat sich bereits für einen Sommerwechsel entschieden und kommt daher nur noch als letzte Option infrage.
Ryan Besse dagegen hat ein wenig das Pech, zwar viele Positionen spielen zu können - aber keine so gut, dass er die Spezialisten dort verdrängen könnte,
Er wird perspektivisch am ehesten auf der Doppelsechs auf seine Einsätze kommen.
Auf eben jender Doppelsechs sind aktuell aufgrund der Taktik ein primär defensiv denkender Ballverteiler und ein laufstarker Box-to-Box-Spieler gefragt. Das sind meist Grandel (defensiv) und Selemane (B2B), perspektivisch wollen wir dort aber Eike Zorzenon heranführen. Der Brasilianer könnte - gute Entwicklung seiner defensiven Fähigkeiten vorausgesetzt - eine absolute Bank auf dieser Position werden.
Erster Backup für Grandel ist Papa Seck, der auch dann aufläuft, wenn wir mit einer doppelt defensiven Sechs arbeiten (was sich zB gegen ein 3421 ja anbietet).
Mavila will eigentlich weg, hat allerdings noch keinen Abnehmer gefunden - und Amrane wurde kurzfristig geholt, weil die Optionen für einen defensiven Sechser ansonsten nicht bezahlbar waren. Beide Spieler haben im Moment keine allzugroße Perspektive in Reims.
Auf den Flügeln haben wir zwei eindeutige Stammspieler (Luaces und Lejeune) und zwei eindeutige Backups, da gerade auf dieser Position die Verletzungshäufigkeit in den ersten beiden Monaten jedoch extrem hoch war, sind hier bereits Spieler aus der Zweiten oder der U19 aufgelaufen.
Im Sommer wird hier wohl die größte Baustelle des Kaders sein, denn zusätzlich zur Verletzungsanfälligkeit der Spieler möchte zB Luaces auch unbedingt weg - die Heimat ruft. Und da der Spanier zwar eines der fünf höchsten Gehälter im Kader bezieht, aber ganz sicher keiner der fünf besten Spieler in besagtem Kader ist, werden wir ihn bei seinem Wunsch sehr gern unterstützen, selbstlos wie wir nunmal sind.
Im Sturm hat es mächtig gerappelt, in der Rückrunde wird nur noch Faife länger als "seit dem Winter" da sein.
(Ortega haben wir kurzfristig nach Metz ins Championnat National verliehen, da er absehbar Nummer Vier im Sturm ist. Metz hat eine Kaufoption, ich befürchte jedoch, sie werden sie nicht ziehen...)
Faife ist nach den Abgängen von Tamirat und Martinez nicht nur der Spieler mit dem höchsten Marktwert, sondern auch der einzige verbliebene wirkliche Publikumsliebling.
Wir sind sehr, sehr, SEHR froh, dass er nicht auch noch gewechselt ist (zwischenzeitlich sah es nämlich danach aus), richten uns aber schonmal darauf ein, dass er im Sommer wohl doch gehen wird. Positiv daran ist, dass auch seine zu erwartende Ablösesumme uns finanzielle Möglichkeiten für einen Ersatz an die Hand gibt, von denen wir ansonsten nur träumen könnten.
Bolanos wurde als "Turm" geholt, der auf Torfs oder Faife ablegen soll, hat sich jedoch aus dem Stand auch selbst als treffsicher erwiesen und hat seinen Stammplatz aktuell genauso sicher wie Faife.
Torfs bekommt jedoch im Zuge der bei häufigen englischen Wochen nötigen Rotation genügend Einsatzminuten, um uns auch nach 2 Monaten schon bewiesen zu haben, wie richtig seine Verpflichtung war.
Der Kader ist aus meiner Sicht gut, wenn er auch noch nicht klasse ist - aber das Ziel "Mittelfeldplatz" ist mit einer solchen Mannschaft natürlich Pflicht.
Sag ich selbstverständlich nicht laut (man muß seinem Präsidenten die Munition für etwaige Kritik ja nicht frei Haus liefern), aber es ist schon offensichtlich, dass ich hier bereits nach ein paar Wochen eine richtig gute Basis für erfolgreiche Arbeit habe.
Das hörte sich bei Amtsantritt deutlich (DEUTLICH!) schlimmer an.