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Studium/Schule alles mit Bildung hier rein
DragonFox:
--- Zitat von: Signor Rossi am 15.März 2022, 00:33:17 ---Und von wegen "Kaufdruck": niemand wird gezwungen, irgendeinen Kram zu kaufen, erst recht wird niemand gezwungen, deswegen Schulden zu machen. Früher war auch nicht alles besser, im Gegenteil, dazu muss man sich nur mal ansehen, wie viele Geräte durch das Smartphone ersetzt wurden, die man damals einzeln kaufen "musste".
Aber klar, "der Kapitalismus" ist böse, das muss man nur immer wiederholen, irgendwann glaubt man dann dran, dass man nicht selber die Verantwortung für sein Handeln tragen muss, liegt halt am System.
--- Ende Zitat ---
Falls du mich meinst, weil ich von Kaufdruck gesprochen habe: Ich halte den Kapitalismus nicht für böse.
Ich stimme dir mit dem Grundlagenwissen grundsätzlich zu. Jemand der eine Gedichtsinterpretation in 4 Sprachen erstellen kann und bereits gemerkt hat, dass er bei Themen Defizite hat, könnte sie auch aufholen, anstatt darüber zu tweeten. Andererseits hat die Person trotzdem das Recht, zu fordern, dass es ihr bereits beigebracht hätte werden können.
Das mit der Verantwortung finde zu einfach. Mit dem Argument könnten sehr viele Inhalte aus dem Schulunterricht herausgestrichen werden, die wir für ganz normal halten.
Die Aufgabe der Schule ist es nicht nur Grundlagenwissen (oder überhaupt 'nur' Wissen) zu vermitteln, sondern auch Werte, Rechte und Pflichten in der Gesellschaft sowie Urteils- und Entscheidungsfähigkeit. Die Vermittlung soll auf eine Vielzahl von Aufgaben und Anforderungen im Leben und der Berufs- und Arbeitswelt vorbereiten. Außerdem ist in manchen Schulgesetzen verankert, dass die Fähigkeit zur Eigenverantwortung, sozialen Bewährung und Entfaltung der Persönlichkeit gefördert werden soll.
Das klingt sehr hochtrabend. Es geht aber auch weit über die einfache Vermittlung von Grundlagenwissen hinaus. Wenn sich das komplette Bildungssystem per Gesetz die Verantwortung auf die Fahne geschrieben hat, das oben gesagte zu tun, dann können sich auch Jugendliche beschweren, wenn sie meinen, dass das nicht geklappt hat.
Octavianus:
Ich unterrichte ja Deutsch und versuche in den wenigen Stunden nach dem Abitur genau solche Ideen zu vermitteln. Ich spreche sie darauf an, wer aktuell all ihre Rechnungen bezahlt. Ich frage sie, woher ihr Geld kommt und wie viel sie glauben, monatlich zur Verfügung zu haben. Das sensibilisiert einerseits und andererseits kläre ich sie dann kurz über die wichtigsten Versicherungen auf (Haftpflicht und Krankenversicherung, alles andere hängt von der Person ab). Ich ermutige sie, eine Gespräch mit ihren Eltern zu suchen, wenn sie es noch nicht getan haben. Die meisten haben keinen blassen Schimmer, wo sie versichert sind, wie ihre Bank heißt und wie viel Geld sie eigentlich auf den Kopf hauen können. Und ja, für die Altersvorsorge ab 18 mache ich Werbung, da man sich so rechtzeitig Geld für später ansparen kann. Ich kann, darf und werde ihnen nicht sagen, wie sie ihr Geld investieren sollen, aber man muss Schüler frühzeitig darüber informieren, dass bei der momentanen Entwicklung eine Versorgungslücke existiert, die jeder selbst überbrücken muss.
Ich bin nicht nur Deutschlehrer, sondern seit diesem Schuljahr auch Studien- und Berufsberater. In den bisherigen Beratungsgesprächen habe ich festgestellt, dass viele Schüler keine Vorstellung davon haben, was im Studium auf sie zukommen wird. Ich kann ihnen das Modulsystem auch nur ansatzweise erklären, da ich mein Studium noch vor der Modularisierung sämtlicher Studiengänge abgeschlossen habe, aber dennoch sind dann einige Schüler erstaunt, dass ich ohne Schwierigkeiten Vorlesungsinhalte finde, während sie bereits an der Uniwebseite scheitern. Wir haben Konzepte entwickelt, sodass jeder Schüler in der 9. und 10. Klasse ein Portfolio erstellen muss, in der Studieninteressenstests, Recherchearbeiten, Lebenslauf usw. verarbeitet werden. Dennoch überfordert insbesondere meine bulgarischen Schüler der Grad an Selbständigkeit in diesen frühen Jahren und deshalb ist es unsere Aufgabe, ihnen Brücken zu bauen.
Das bringt mich zu dem, was ich schreiben wollte. Wer neue Fächer fordert, will nicht zwangsläufig andere Fächer abschaffen. Insbesondere mein Fach Deutsch ist ein fächerübergreifendes Kompetenzfach, denn Lesetechniken benötige ich für alle anderen Fächer. Genauso benötige ich auch Argumentationstechniken in anderen Fächern. Viele dieser Kompetenzen werden im Deutschunterricht naturgemäß mit Literatur abgedeckt und da sind wir dann schon bei dem Vorwurf, dass Gedichtanalysen nutzlos seien. Ich persönlich liebe Gedichte, ich schreibe hin und wieder eigene Gedichte oder Poetry Slams und das Spiel mit der Sprache ist famos. Gedichte sind die literarisch anspruchsvollsten Texte, weil Sprache so sehr verdichtet wird, dass man nicht sofort einen Sinn in den Zeilen findet. Daher befasst man sich auch erst ab der Mittelstufe mit diesem Genre intensiver. Dennoch ist die Gedichtanalyse nichts anderes als die Anwendung der bisher gelernten Arbeitstechniken unter Berücksichtigung sprachlicher Gestaltungsmittel. Diese Gestaltungsmittel wird man im Alltag nicht mehr konkret benennen müssen, aber sie begegnen einem ständig. Guter Unterricht greift diese Phänomene in der Werbung, in Reden von Politikern und dergleichen auf und zeigt, dass Werbeleute und Redner ganz bewusst diese Stilmittel einsetzen, um das Publikum zu umgarnen.
Wo und wie kann man nun Geldfragen in den Unterricht integrieren? Ich denke, dass der Mathematikunterricht dafür eine gute Wahl wäre, aber das kann man auch in anderen Fächern abdecken. Notwendig ist dafür ein Bewusstsein im Kollegium, damit diese Thematiken im internen Schulcurriculum fächerübergreifend verankert werden. Unser oben genanntes Portfolio zur Studienwahl haben wir explizit mit Deutsch verknüpft und umfasst etwa 2 Wochen, da man dabei Arbeitstechniken lernt, die für die gesamte Berufslaufbahn wichtig sein werden (z.B. einheitliche Formatierung, Inhaltsverzeichnis und sinnvolle Dokumentenstruktur usw.). Über Geldfragen im Deutschunterricht debattieren? Ich sehe da kein Problem, wenn man dies zum Beispiel im Rahmen von Jugend debattiert als Streitfrage etwas gelenkt vorgibt, z.B. so "Soll an unserer Schule ein Fach Finanzen und Steuerfragen eingeführt werden?"
Was ist weiterhin als Voraussetzung an Schulen notwendig? Einerseits müssen wir Lehrkräfte bereit sein, in unserer Jahresplanung 1-2 Wochen abzuknappen, um uns diesen Themen widmen zu können. Andererseits muss die Schulleitung dies mittragen und unterstützen. Zudem kann man mithilfe projektorientierter Phasen dem ganzen einen spielerischen Touch verleihen, der den Schülern nicht nur graue Theorie vermittelt, sondern ihnen zeigt, dass Geldfragen jeden etwas angehen und sie darin bestärkt, sich mit ihrem Konsum auseinanderzusetzen.
Hinter allen Beschwerden und Forderungen steht letztlich eine große Frage: Was soll Schule eigentlich leisten? Ich sehe meine Aufgabe als Gymnasiallehrer darin, den Schülern eine umfassende und allgemeine Bildung zukommen zu lassen. Ganz wesentlich ist jedoch, dass Schülern nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern sie in die Lage versetzt werden, selbständig und mündig Wissen anzueignen und anzuwenden, um mit Erreichen ihrer Volljährigkeit selbstbestimmt und kompetent Entscheidungen treffen zu können. Ich weiß, das klingt nach Lehrbuch, aber so verstehe ich meine Rolle in diesem System (und ja, über Probleme hierarchisch organisierter Systeme könnte man jetzt gut und gerne genauso lang weiter debattieren).
DeDaim:
Bei mir ist es ja mittlerweile auch immerhin schon fast 11 Jahre her, dass ich die Schule besucht habe. Neben einigen Zweifeln an Lehrinhalten, über die man trefflich streiten kann, denn für alles gibt es gute Pro- und Contra-Argumente, hat mich aber in der Schule vor allem die krasse Abhängigkeit von der Lehrkraft. Damit meine ich: Hast du einen guten Lehrer, nimmst du viel mit, hast du einen schlechten Lehrer, bleibt nichts hängen und das Fach macht die keinen Spaß. Mir ist schon klar, dass sich diese Abhängigkeit nicht vollständig lösen lässt, aber in dieser ausgeprägten Form werden dadurch letztlich auch Interessen geprägt, die ein Leben lang bleiben können. Um das mal anekdotisch aus meiner eigenen Schulerfahrung aufzugreifen: Ich hatte mit meinen Lehrern in den Naturwissenschaften wenig Glück. Eine Ausnahme bildete für kurze Zeit der Chemieunterricht: in der 9. und/oder 10. Klasse (das weiß ich leider nicht mehr so genau) hatte ich einen Lehrer, der es wirklich drauf hatte, Wissen zu vermitteln. Der Mann hat keinen Unterricht vorbereitet, weil er immer im Stoff war. Pädagogisch war das zwar nicht state of the art, aber das Abfragen zu Beginn jeder Stunde und seine natürliche Autorität (manche hatten gar Angst, sicher keine gute Motivation, zu lernen) haben dafür gesorgt, dass man was gelernt hat. Mir hat Chemie zu dieser Zeit Spaß gemacht und das Bisschen, was ich darüber noch weiß, stammt aus diesen ein oder zwei Schuljahren. Denn anschließend bekam ich einen Lehrer, der eine absolute Katastrophe war, der Notenschnitt der gesamten Klasse rutschte um 2 Noten nach unten, als wir dann am Ende der 11. Klasse auf die Fächerwahl zusteuerten wurde im Jahrgang eine Petition herumgereicht, dass dieser Mann keinen Unterricht in der Oberstufe übernehmen solle. Es ging schließlich ums Abitur. Der Mann war fachlich kompetent, aber menschlich und pädagogisch eine Katastrophe. Chemie war für mich zu dieser Zeit gestorben, ein Hassfach, weil ich einfach nichts mehr verstand.
Also ging es zur Fächerwahl für die 12./13. Klasse. Ein naturwissenschaftliches Fach konnte ich abwählen, eins als zweistündigen Kurs und eins als Leistungskurs auswählen. Ich entschied mich dafür, Chemie abzuwählen, weil ich das Gefühl hatte, nach dem Jahr mit dem Katastrophenlehrer, nichts mehr von diesem Fach zu verstehen und befürchtete zu versagen. Physik wurde mein zweistündiges Fach. Dort konnte man sich immer irgendwie durchmogeln, aber als Leistungskurs? Nein, Danke. Und Biologie, ein Fach, dem ich bislang wenig Begeisterung abringen konnte, wählte ich dann notgedrungen als Leistungskurs. Und siehe da: ich hatte Glück mit der Lehrerin, die es schaffte, mich für dieses für mich bis heute faszinierende Fach zu begeistern. Es wurde eines meiner Lieblingsfächer, weil es endlich jemand verstanden hatte, mir zu vermitteln, warum das spannend und wichtig ist. Ähnliche Beispiele könnte ich auch für andere Fächer berichten, das ist aber sicher am prägnantesten.
Aber das ist wie egsagt 11 Jahre her, ich kann natürlich nicht beurteilen, was sich seither im Schulsystem getan hat bzw. gerade alles in Bewegung ist. Worauf ich aber raus will: Viel problematischer als die Lehrinhalte finde ich die Struktur der Lehre, die eine solche Abhängigkeit von Einzelpersonen schafft. Das hat nichts mit freier Entfaltung nach den eigenen Interessen zu tun, sondern ist Vielfach leider auch das Absitzen von Zeit. Und ist das nicht verschwendete Lebenszeit?
veni_vidi_vici:
Sehe ich ähnlich.
Fächer, die eventuell Luft für anderes schaffen könnten: Kunst, Musik und Religion/Werte&Normen. Kunst und Musik ist doch sehr individuell. Ich bin heute noch immer nicht sehr gut im Malen und beherrsche kein Instrument. Beides wurde in diesen Fächern m.E. auch gar nicht vermittelt. Dennoch mochte ich diese Fächer, weil sie eine Auszeit von den schweren Fächern waren. Das jedoch nur am Rande. In Musik haben wir immer weniger gesungen, je älter wir wurden. Stattdessen galt es Noten zu lernen (kann ich heute noch nicht/nicht mehr) oder Geburts- und Sterbedaten von Händel, Beethoven, Mozart und Co auswendig zu lernen (weiß ich nicht mehr, kann aber immerhin das Jahrhundert zuordnen). Religion hat für mich im Unterricht keine Daseinsberechtigung. Werte&Normen sind der Ersatz - finde ich nicht unbedingt verkehrt, aber von der Benennung vielleicht zu altmodisch.
Fächer, die auch ich gerne sehen würde: Finanzielle Bildung und Medienkompetenz. Über die Finanzen wurde schon viel gesagt. Es wäre auch schon viel gewonnen, wenn im Matheunterricht der Zins- und Zinseszinseffekt mal auf das persönliche Vermögen durchgerechnet würde. Der Umgang mit Medien ist ebenfalls wichtig. Ich erinnere mich lebhaft, dass es eine Zeit gab, wo meine Nichte und mein Neffe alles was sie bei YouTube gehört haben, für bare Münze nahmen. Da war viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Klar, geht auch von zuhause. Doch Medienumgang ist ja so viel mehr. Und gerade hier sind Eltern oft nicht up to date. TikTok?
Fächer ist, wie schon angemerkt, eventuell das falsche Wort. Ich habe es dennoch bewusst gewählt. Denn anstelle von Kunst, Religion, Musik und Co, wäre ein modulares System nicht schlecht. Schlussendlich müssen viele dieser Dinge nicht jahrelang im Lehrplan stehen. Immer mal ein halbes Jahr und dafür dann von allem die Grundlagen. Dazu zähle ich auch Kochen. Konnte ich beim Auszug auch nicht wirklich. Klar, lernt man. Aber gesunde Ernährung gehört dann ja auch irgendwie in der Schule dazu. Werken? War ich schlecht. Bin ich schlecht. Handwerklich ohnehin. Sogar beim Stricken (gibt es sowas heute in der Schule noch?). Mir fallen viele Sachen ein, die ich eher als Modul oder Wahlkurs sehe. Wo es vielleicht keine Noten geben sollte. Wie sehr kann man sich in einer Stunde Kunst oder Musik in der Woche verbessern? Oder ist man sogar ein Stück weit als Künstler geboren? Ich habe als Kind immer gerne und viel gemalt, besser wurde ich nicht wirklich.
Das ist jetzt alles etwas konfuser geworden, als ich es mir gewünscht habe.
Zur Gedichtsanalyse möchte ich aber auch noch etwas sagen. Lehrer Octa hat das ja verteidigt. Dennoch widerspreche ich. Es mag anspruchsvoll sein. Aber es ist völlig veraltet. Wann brauche ich das im wirklichen Leben. Es ist zu nischig für die Allgemeinbildung! Warum nicht lieber mal einen Gesetzestext analysieren. Damit kommt man im Leben meist leider in Berührung. Oder eine Gehaltsverhandlung im Job durchspielen? Ein Bewerbungsgespräch? Rhetorisch gibt es viele Möglichkeiten und auch in Sachen Analytic und Verständnis muss sich etwas praktischeres finden lassen als ein Gedicht. Hat auch etwas damit zu tun, wie die Kinder damit umgehen. Wir haben das nämlich auch zumindest in zwei Sprachen widerwillig gemacht. Aktuell ist meine Nicht dran und würde am liebsten zuhause bleiben. Die Aussage bleibt die Gleiche: "Das brauche ich nie im Leben." Und wie gesagt: Die Fähigkeiten dahinter, könnten auch praxisnäher und neumodischer beigebracht werden.
LG Veni_vidi_vici
(seit 2004 mit der Schule fertig; seit 2010 mit dem Studium)
Henningway:
--- Zitat von: Veichen blühen ewig am 14.März 2022, 19:40:01 ---
--- Zitat von: Henningway am 14.März 2022, 19:25:05 ---Echt jetzt?
--- Ende Zitat ---
Logisch. Den Standpunkt hattest du nicht am Radar? Ach ja, die Politiker wollen ja unser Leben besser machen, ich vergaß.
--- Ende Zitat ---
Dein Standpunkt ist: Politiker (alle, offensichtlich) wollen Dein Leben schlechter machen?
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