Hier mal zwei externe Betrachtungen zum Thema "Traditionsverein".
http://blog.wissen.de/wissen/ressort/sprachspione/fussballsprache-3-traditionsverein/http://www.club-station.de/traditionsverein.htmlIch denke, diese Artikel geben im Wesentlichen wieder, was die allermeisten Fußballinteressierten (Hoffenheim- und RB-Leipzig-Fans mal ausgenommen) unter diesem Begriff verstehen. Somit lässt sich relativ klar definieren, was einen Traditionsverein ausmacht:
1. Bestimmung der (mindestens nationalen) Fußballszene über Jahrzehnte hinweg.
Die Fußballszene bestimmt aber kein Verein in der 6. oder 7. Liga, sondern die 1. oder 2. sollte es schon gewesen sein. In Zeiten, in denen die Deutsche Meisterschaft noch im K.O.-System ausgetragen wurde, dann eine regelmäßige Anwesenheit in den letzten Runden. Dabei müssen nicht unbedingt Titel eingefahren worden sein aber es schadet sicher nicht

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2. Ein gewachsenes Umfeld und Verwurzelung in der Region.
Gemessen an diesen zwei Hauptkriterien (die auch zu einem gewissen Grade miteinander in Zusammenhang stehen) sind Hansa Rostock und sogar Bayer Leverkusen selbstverständlich Traditionsvereine.
Im heutigen Profifußball ist der Begriff "Traditionsverein" nur durch diese zwei Kriterien aber nicht mehr haltbar. Während sich Vereine wie Rot-Weiß Essen , Kickers Offenbach, 1. FC Magdeburg oder Lok Leipzig ihren Status als Traditionsverein sportlich erarbeitet haben, bestimmt in der heutigen Zeit eigentlich nahezu ausschließlich der finanzielle Aspekt über Erfolg und Misserfolg. Und nur dies macht es letztlich möglich, dass sogenannte "Retortenvereine" in die höheren Spielklassen aufsteigen können. Der Begriff "Retortenverein", der eigentlich schon vom Wort her das Gegenteil von "Traditionsverein" ist, verdeutlicht hierbei ein meiner Ansicht nach weiteres wichtiges Kriterium zur Definition des Traditionsvereins, nämlich die Akzeptanz im gegnerischen Umfeld. Obwohl sich Schalker und BVB'ler wie die Pest hassen, wird wohl kein Schalker dem BVB seine Tradition absprechen und umgekehrt. Dasselbe gilt für Bayern und Sechz'ger. Ganz im Gegenteil: manch ein Bayern- oder VfB-Stuttgart-Fan wünscht sich wahrscheinlich, dass 60 oder die Kickers mal wieder in der 1. Bundesliga spielen, sodass man sich nicht alle Jubeljahre mal mit viel Glück im Pokal begegnet.
Vereine aber, wie Hoffenheim, RBL und in gewisser Hinsicht auch Wolfsburg, die sich durch Etablierung in den oberen Spielklassen zwar durchaus sowas wie ein gewachsenes Umfeld und eine Fanbasis schaffen konnten/könnten wird wohl immer das Image des "Retortenklubs" anhaften und sie werden wahrscheinlich kaum jemals als "echte" Traditionsklubs betrachtet werden. Niemand (außer den eigenen Anhängern vielleicht, von denen aber wahrscheinlich 95% eh nur aus Opportunisten bestehen) wird sie jemals Vermissen, wenn sie, von allen Geldgebern verlassen, wieder in der fußballerischen Bedeutungslosigkeit verschwinden.
Zudem würde ich, basierend auf obigen Ansichten, sogar noch weiter als Pudel gehen und nicht nur Hansa Rostock sondern z.B. Lok Stendal (19 Jahre in der höchsten oder zweithöchsten Spielklasse der DDR) noch eher als Traditionsklub bezeichnen als die TSG Hoffenheim (wobei es völlig unerheblich ist, dass letztgenannter Verein erst ab 1945 eine Fußballsektion besitzt). Leverkusen ist für mich übrigens ein Grenzfall. Dieser Club verfügt ja tatsächlich über eine langjährige Erst- und Zweitligahistorie und die Bayer AG hat offenbar erst ab der Ära Calmund vermehrt Geld in die Fußballabteilung gepumpt.
Hoffenheim und RBL sind im deutschen Fußball aber sicherlich die krassesten Exemplare für einen "Retortenverein". Hoffenheim deshalb, weil ein Verein, der in einem Dorf mit nichtmal 4.000 Einwohnern angesiedelt ist und damit im Prinzip null Potenzial für den Aufstieg zu einem Proficlub hat, durch einen "Mäzen" finanziell zum Erstligaclub gepusht wird. Und RBL durch die völlige Vereinnahmung eines Clubs durch ein Unternehmen und die Instrumentalisierung des Fußballs als reinen Werbeträger.
Übrigens: Dass der Aufstieg von Hoffenheim in die 1. Bundesliga 20 Jahre gedauert hat, liegt wohl auch daran, dass sich die Firmengewinne von SAP nicht so rasant entwickelt haben, dass ein Durchmarsch von der 8. in die 1. Liga möglich gewesen wäre.
Und was die "Beschallung" des BVB-Fanblocks im Stadion in Sinsheim angeht: Das kann ich auch nicht als Lappalie abtun, sondern das grenzt tatsächlich an einen Angriff auf die Meinungsfreiheit (auch wenn diese Meinungen oft äußerst geschmack- und niveaulos geäußert wurden) und alles spricht dafür, dass das mehr als nur eine einzige Person war, von der das eingefädelt wurde. Inwiefern da Vereinsobere mit zu tun haben, da kann man allerdings nur darüber spekulieren.
Aber dennoch geht es ums Prinzip und ich erwarte dass DFB und DFL diese Vorgänge scharf verurteilen und zumindest eine Verwarnung aussprechen.