Ich finde das zutiefst erschreckend. Dabei habe ich nichts gegen konservative Politik. Aber auch in Sachsen mit Spitzenreiter Görlitz (rund 35 % AfD) werden doch nicht > 30 % Rassisten leben? Was bringt denn einen rational denkenden, an menschlichen Freiheitsrechten auch nur irgendwie glaubenden Menschen dazu, sein Kreuz bei diesen den Nationalsozialmus verherrlichenden Reaktionären zu machen? Ich kann das einfach nicht begreifen.
An dieser Frage "forsche" ich hier nicht erst seit gestern (die Ergebnisse zur Bundestagswahl 2017 bzw. Kommunal- und Landtagswahl 2019 liefen schließlich auch schon in diese Richtung).
Zumal dazu kommt, dass nach meiner Wahrnehmung die Grünen bzw. grüne Politik/Ideen als "Hauptärgernis" derjenigen ausgemacht werden, die ihr Kreuz bei der AfD setzen. Insofern man unterstellt, dass ein Großteil dieser 30 % grundsätzlich eher typische CDU-/FDP-Wähler wären, schwächt bzw. verhindert man mit dem Ausweichen auf den Alternativen für Deutschland in der nächsten Bundesregierung genau diese Parteien und stärkt indirekt die Grünen.
Ich denke, dass nicht jeder einzelne dieser Wähler ein Rassist ist und aus voller Zustimmung für die radikalsten Stimmen dieser Partei sein Kreuz so gesetzt hat, wird jedem klar sein, der sich ehrlich mit dem Problem auseinander setzen will. Je mehr und längerfristiger sich dieser Trend verstetigt, desto mehr kommt die Partei hier leider tatsächlich "in der Mitte der Gesellschaft" an, so dass vermutlich die Zusammensetzung ihrer Vertreter bzw. deren Wahrnehmung auch eine andere ist als in Teilen der Republik, in denen sie um die 5 % hängen.
Nichtsdestotrotz bleibt es für mich in vielerlei Hinsicht ein Rätsel. Was die wirtschaftliche Situation, das Bildungssystem, die Infrastruktur und o.Ä. angeht, müssten m.E. andere Bundesländer mehr "Frustpotenzial" liefern.
Die AfD bespielt die leider durchaus verbreitete Ostalgie. Dazu sicherlich die Nähe zu Russland ein weiterer Grund (RT und Co. Katalysator). Nein, sind wohl nicht alle Wähler klare Rassisten, aber grundsätzlich (egal ob West/Ost) sehe ich bei deren Wähler die Entgleisungen als gerne gesehenen Stinkefinger gegen das "Establishment" bzw. "linksgrün verseuchte Medien". Ich wüsste aktuell nicht, wie man die AfD da politisch und gesellschaftlich wirklich effektiv bekämpfen kann. Rationalität und Realität scheint nicht wirklich ausschlaggebend zu sein, ist aber sicherlich auch ein Thema der Medienbildung, auf den Bullshit nicht so leicht reinzufallen.
Ich habe vor einigen Jahren als Student in meinem Kiez (allerdings in Berlin, nicht in Sachsen), eine Umfrage mit ungefähr 80 Personen (ich weiß es nicht mehr genau) mit ziemlich provokanten Fragen über das 3. Reich bzw. Rassismus auf heute bezogen. Von den 80 Personen gehörten fast 2/3 zu den Geringverdienern.
Eine meiner Fragen war, wie diese Menschen reagieren würden, wenn sie mitbekommen würden, wenn Menschen einer anderen Ethnie oder Religion vor ihren Augen diskriminiert oder gar "weggebracht" werden würden.
85% der Antwort war "gar nicht".
Was ich damit bezogen auf Sachsen sagen will: Den meisten Menschen ist Diskriminierung und Rassismus scheißegal, solange es nicht einem selbst betrifft. Im Prinzip vergleichbar mit der Mentalität vor 33. Es wird weggeschaut.
Meine Erfahrungen als Stadt - und Museumsführer bestätigen leider auch meine Umfrage.
Eine zweite Frage in meiner Umfrage war: Wie fänden Sie es, wenn in der Schule nur noch Literatur von deutschen Autoren durchgenommen wird? 80% fanden das gut.
Ich schließe daraus: Eine AFD könnte ohne große Akzeptanzprobleme ein Bundesland ganz nach ihrer Fasson umgestalten, ohne dass sich große Teile der Bevölkerung darum sorgen würden.
Ich möchte jetzt keine grundlegenden Aussagen treffen, ob das jetzt ein Problem ist, dass nur die geringverdienenden Schichten betrifft.
Ich kenne in meinem beruflichen Milieu und auch in meinem Freundeskreis auch nur Mittel-bis Gutverdiener, die sich alle klar von der AFD abgrenzen. Daher liegt mir eine Einschätzung fern.
Aber nochmal, meine Quintessenz aus dem ganzen: Solange es einem nicht selbst betrifft, sind Diskriminierung und Rassismus für einen nicht zu unterschätzenden Teil der Deutschen noch immer total ok und daher ist eine Rückkehr zu nationalsozialistischen Mustern jederzeit möglich.