Hat noch niemand was zu Spahns Maskenaffäre geschrieben? Verstehe ich. Man ist leider mittlerweile so abgestumpft, dass einen das gar nicht mehr überrascht. Man könnte es beinahe mit einem müden Achselzucken quittieren.
Ich frage mich ja, was da gerade läuft. Sollen zukünftige Wählergenerationen bereits enpolitisiert werden, indem sie so ernüchtert davon sind, dass derlei (politisches und moralisches) Fehlverhalten viel zu oft keine Konsequenzen hat und die Protagonisten einfach weitermachen können? Wenn man das planen würde, könnte man es nicht besser machen.
Ich verstehe das auch. Aber eventuell aus ganz anderen Gründen.
Für mich ist das mal wieder ein Paradebeispiel, dass es in der Gesellschaft an Medienkompetenz mangelt und es bei einigen um das Menschenbild nicht groß bestellt ist. Ich meine aber nicht bestimmte Personen hier, sondern betrachte den landesweiten Umgang in den letzten Tagen.
Wie äußert sich das Gesamtbild, sofern ich es bisher Überblicken konnte...
Am Freitag den 04.06 kommt der erste Bericht vom Spiegel in einer Paywall. Schon einmal gut, bei so einem herftigen Vorwurf eine Paywall vorzuschieben. Aber ok, die wollen Geld verdienen. Aktzeptiere ich.
Dann folgen zwei Tage News-Karusell. Die News der anderen Berichterstattung wandelt sich von "Spahn/Gesundheitsminster will Schrott-Masken verbrennen" oder "Spahn/Gesundheitsminster will Schrott-Masken an Bedürftige verscherbeln" zu "Heftige Kritik an Spahn/Gesundheitsminister". Die Empörung über die Nachricht wird die Nachricht... Zwei Tage kam nichts mehr inhaltlich und da muss man sich als Journalist die Berichterstattung eben aus den Fingern ziehen. Die Kommentarspalten und Social Medie brodelt natürlich wahnsinnig mit. Spahn und dem Gesundheitsministerium kann ich zur Reaktionszeit keinen Vorwurf machen. Prüfen, klären und konstrukiv äußern ist sehr viel schwieriger als einfach mal verbal drauf zu hauen.
Ist es eigentlich Kalkühl, dass so eine Meldung vor einem Wochenende kommt, damit die nötigen Ressourcen die das bearbeiten könnten, im Wochenende sind? Das wäre allerdings eine Unterstellung. :-P
Als nächstes folgen sehr kurze Meldungen, dass Spahn die Kritik von sich weißt. Inhaltlich steht da nichts drin und das ist sehr mager. Mager, weil es nicht hilft einen tatsächlichen Diskurs zu führen.
Erst heute, am Montag, folgt dann wieder Kontext. Und ich wie meine, wichtiger Kontext. Mittlerweile gibt es ein Faktenblatt vom Gesundheitsministerium in dem genauer auf den Ablauf eingegangen wird (
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/C/Coronavirus/Faktenblatt_Schutzmasken.pdf).
Auch hat sich Spahn mittlerweile etwas näher dazu geäußert (
https://www.bz-berlin.de/deutschland/spahn-masken-kontingent-an-obdachlose-war-idee-des-arbeitsministeriums Die BZ ist ein Beispiel. Ich habe das gleiche Interview mittlerweile auch auf drei anderen Seiten gefunden). An der Stelle bin ich persönlich sehr gespannt, ob der Spiegel das heute auch berichtet. Oder ob es bei dem Narativ "Spahn schummelt und vertuscht. Opposition wirft ihm menschenverachtende Haltung vor. Merkel nimmt ihn in Schutz." bleibt. Das wäre Wahlkampf par excellence.
Man kann das Thema jetzt aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Hier mal drei Beispiele.
Erstens: Die Berichterstattung und der Umgang.
Ich lehne Vorverurteilung strikt ab und meiner Meinung nach konnte man am Freitag und Samstag da noch nicht darüber diskutieren, ohne einen starken Konjunktiv bei jeder Behauptung zu verwenden. Trotzdem wurde das gemacht. Egal ob es stimmt oder nicht, der Schaden ist angerichtet und tolle Chancen für Wahlkampf wurden geboten. Keine Medien der Welt werden das revidieren, wenn es etwas zu revidieren gäbe. Die Diskussionen werden jetzt auch nicht mehr anfangen, weil die Meinungen bereits seit drei Tagen gebildet sind.
Der Spiegel hat reingehaun. Alle anderen sind aufgesprungen. Wir sind in einem Wahlkampfjahr und meiner Meinung nach ist das ziemliches Kalkül und die meisten fallen drauf rein. Wenn man einen Stock mit Scheiße bewirft, bleibt da immer etwas hängen. Auch wenn in dieser Situation an dem Stock vorher eventuell gar nichts hing.
Zweitens: Die wahre Wahrheit
Man kann auch sagen, dass der Spahn trotzdem lügt. Aber dann ist auch das Positionspapier gelogen. Und damit lügt quasi das ganze Ministerium bis zur Verwaltungsbeamtin, die das Schriftstück verfasst hat. Außerdem die Mitarbeiterinnen, die bei der Kommunikation, dem Test, dem Einkauf und den Entscheidungen beteiligt waren. Dann wäre alles ein großer Betrug. Klar hätte Spahn dann die Verantwortung. Aber ingesamt klingt das für mich nach Verschwörungsidee und wenn wir soweit sind kann man direkt das Bahn-Ticket zur nächsten Querdenker-Demo kaufen. Dann gibt es nämlich keinen Grund mehr irgendwas zu glauben was ein Poltiker sagt und was ein Ministerium erarbeitet. Dann wären, um mal dieses Forum hier einzubeziehen, die Diskussionen über Impfungen und Maskentragen zu früheren Zeiten ganz anders verlaufen.
Drittens: Umgang von Dritten
Krass finde ich auch, wie die SPD damit umgeht. Ich bin gespannt, ob eine Gegendarstellung kommt. Weil wenn das was Spahn aussagt stimmt und die Kommunikation zwischen den beiden Ministerien auch nur irgendwie gesund bezeichnet werden kann, dann werden die Schnittstellen den Sachverhalt gekannt haben und den Sachbearbeiterinnen (auf beiden Seiten) werden die ganze mediale Sache aktuell massiv überraschen. Und wenn das so ist, dann wird es auch keine öffentliche Entschuldigung geben, weil man Spahn menschenverachtende Taten vorgeworfen hat und wenn, dann greift meine Behauptung von oben. Der Schaden ist angerichtet, egal was wahr ist. Das dreht niemand mehr zurück.
Ich bin kein Fan von Spahn und ich glaube ihm auch nicht blind. Warum sollte ich auch... Aber jeder Mensch sollte immer die Möglichkeit bekommen sich zu verteidigen. Wir leben in einer Welt in der man sehr schnell das Image von einem Menschen beschmutzen oder zerstören kann. Die Rufe mit Rücktrittsforderung (oder im anonymen Morddrohungen und Co) und Anschuldigungen auf halbgaren Aussagen kommt heute wie aus der Pistole geschossen und das nervt mich. Erst einmal finde ich es zu hektisch, menschlich schwach und oft maßlos übertrieben. Und zweites finde ich es bedenklich, dass eine sichtbare Masse von Menschen sich so schnell und ohne großen Kontext zu so vernichtenden Aussagen hinreisen lässt.
Leider muss ich sagen, dass sowas immer öfter passiert und es immer ätzender wird sich im Internet mit Nachrichten auseinanderzusetzten. Dafür ist das Thema hier nur ein Beispiel.
Und zu guter Letzt. Ich weiß natürlich nicht genau was passiert ist. Ich kann nur aufmerksam beobachten. Aber nach dem Interview von Spahn und dem Positionspapier des Ministeriums kann ich keine menschenverachtenden Taten erkennen. Und ich bin nicht bereit das ganze Ministerium pauschal der Lüge zu bezichtigen. Wenn das Ministerium angefragt wird, ob sie Masken für Bedürftige haben finde ich es gut, dass sie ja sagen. Und ich finde es logisch, dass sie die Masken nehmen, die nach ihren Erkentnissen den nötigen Schutz bieten, ohne dabei auf Ressourcen rückgreifen zu wollen, die darüber hinaus auch in Krankenhäusern oder Arztpraxen verwendet werden können (Auf Grund von Arbeitsschutzmaßnahmen).
Das man darüber heinaus empört aufschreit, dass es gar nicht geht, dass man die Masken wahrscheinlich nach 4 Jahren vernichtet finde ich krass. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Da sollte man einfach darauf achten in welchem zeitlichen Kontext wir uns bewegen und wie es am Markt der Masken so aussah, als diese Masken angeschafft wurden. Wenn die Situation schlimmer geworden wäre, hätte am Ende keiner mehr gefragt, wie sich die Maske bei +60 oder -30 Grad Celsius verhält.