Soo, ich habe ein paar Minuten Zeit gefunden.
Erstmal zur Unterscheidung zwischen Autonomen und "Linksextremisten": Nach meinem Dafürhalten ist die Autonome Szene in sich zwar politisch heterogen, aber generell am linken Rand verortet. Den Begriff "unpolitisch" im Bezug auf Autonome anzuwenden, halte ich für vollkommen unangebracht, denn die Entscheidung des Einzelnen, sich der Autonomen Szene anzuschließen, ist per sé eine politische und zwar aus Motiven heraus, die eindeutig dem Linken Spektrum zuzuordnen sind.
Hmm, politisch heterogen, aber generell eher am linken Rand - das passt irgendwie nicht richtig zusammen. Mir ist auch unklar, was dieser ominöse "linke Rand" sein soll. Ist eine Antiatomkraftdemo links? Ist eine Freiheit-Statt-Angst-Demo links? Ist Kapitalismuskritik links? Dann müsste man sich anschauen, wo die "originalen" Autonomen so in Erscheinung treten. Jedenfalls treten die nicht bei Antiatomdemos oder Friedensmärschen auf, auch bei Arbeitskämpfen (Streiks, Demos) sind sie nicht.
Die generellen Bestrebungen von Autonomen lassen sich doch bereits aus ihrem Namen ableiten. Sie stehen für Selbstbestimmung, wollen sich ihre eigenen Gesetze machen und danach leben. Aus Erfahrung würde ich Autonome viel eher dem anarchischen Sektor zuordnen (aber Autonome sind keine Anarchisten, das möchte ich nicht falsch verstanden wissen), als irgendeinem linken Spektrum. Autonome gehen dann auf die Straße, wenn sie sich in ihren Freiräumen bedrängt fühlen von einer feindlichen Macht. Gegen den Kapitalismus richtet sich die autonome Szene vordergründig erst, wenn dieser direkt für die Lebensraumeingrenzung verantwortlich ist (siehe Wohnungsräumungen für Spekulanten). Was Autonomen "fehlt" um links zu sein, ist ein gewisses Sozialbewusstsein und ein Solidaritätsgedanke, solange eine bestimmte politische Entscheidung nicht direkt auf ihre Gruppe Auswirkungen hat. Beispielsweise würden Autonome niemals für einen Mindestlohn auf die Straße gehen oder gegen den Überwachungsstaat mobilisieren. Allenfalls bei den großen Antiglobalisierungsdemonstrationen findet man Autonome. Aber auch dort ist nicht eine politische Idee oder Ideologie die Motivation, sondern der eigentliche Existenzgrund dieser Gruppe kommt da zum Tragen: die Ausübung von Gewalt und Zerstörung. Das ist historisch verbrieft. Die ganze Autonomenbewegung hat ja in Italien seine Wurzeln (daher auch die häufigen italienischen Sprechchöre wie "No pasarán", "Policia, assassini", "Alerta, Alerta, Antifascista", "A-anti-Anticapitalista"). Dort war es die Autonomia Opereia, die sich ganz bewusst von den Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschaften und anderen, in ihren Augen, systemschützenden Institutionen losgesagt hat. Sie hat zum bewaffneten Kampf aufgerufen, sogar gegen kommunistische Bestrebungen (es gab zu APO-Zeiten auch unter deutschen Autonomen diesen Sprechchor: "Kein Gott!Kein Staat!Kein Proletariat!"). Mensch kann jetzt natürlich auf die Idee kommen, dass sie das taten, weil sie den autoritären Staat abgelehnt haben, der ja aber gerade dem Kommunismus immanent ist. Das mag sein, aber das macht sie doch nicht links. Dass Autonome antiautoritär sind, daran besteht kein Zweifel, aus dieser Theorie lehnen sie sich auch gegen Steuern und jegliche Art der staatlichen Einflussnahme auf. Das ist ganz klar nicht links im klassischen Sinne, es ist vielmehr libertär (aber das will kaum ein Autonomer wahr haben oder er kann diesen Gedankenschritt nicht vollziehen). "Links" sein hat viel mit Institutionalismus zu tun, den Autonome per sé ablehnen.
Wieso werden Autonome also oft dem "linken" Spektrum zugeordnet und sehen sich selbst eher links? Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Das herrschende System, ist in einem bipolaren System aus "rechts" und "links" relativ weit rechts angesiedelt. Wir leben in einer westlichen Kultur, die von mehr oder minder starkem Marktradikalismus geprägt ist, es gibt durchaus Ausbeutungs- und Unterdrückungsstrukturen (IWF, Weltbank, Kriege der NATO und der USA, Operationen der CIA zur Unterstützung von paramilitärischen Regimen wie den Taliban und Al-Quaida [als die noch auf der anderen Seite waren], Unterdrückung Afrikas seit der Kolonialzeit, Leiharbeit, Menschen die unter der Armutsgrenze leben müsste und die selbst mit Arbeit unter das "Existenzminimum" rutschen, kapitalistische Wirtschaftsstrukturen, etc). Aber es gibt eben auch sowas wie einen Sozialstaat, Krankenversicherung, gesetzliche Renten (zugegeben, alles im Rückgang die letzten Jahrzehnte) und Gewerkschaftstarifverträge...ganz rechts außen steht das System also nicht, aber doch eher auf der rechten Seite, als auf der linken, wobei das Sowjetsystem eben auch nicht ganz links stand, sondern eher auf der linken Seite, als auf der rechten. Soweit so gut. Autonome zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie gegen aktuell bestehende Staatsstrukturen vorgehen. Da gäbe es also in dem Bipolaritätsmodell 2 Richtungen: Noch weiter rechts oder eben eher auf der linken Seite. Und absolut BEIDE Richtungen, werden von autonomen Gruppen besetzt. Natürlich gibt es auch Autonome, die überzeugte Antikapitalisten, Antifaschisten und Kommunisten sind. Das liegt vor allem daran, weil eben in diesem Bipolaritätsmodell auf der linken Seite viel mehr Platz ist, als auf der rechten Seite. Ich hoffe, dass das verständlich ist. Es gibt im linken Spektrum viel mehr Positionen, die das herrschende System nicht besetzt hat und die sich damit als Alternative zum bestehenden, feindlichen System anbieten. Dass dort aber eine einheitliche Linie bei den Autonomen dahinterstecken würde oder man den Autonomen als Gruppe überhaupt irgendwelche Ziele zuschreiben könnte, wage ich zu bezweifeln. Das einzige Ziel, das Autonome im Prinzip haben, ist die gewaltsame Abschaffung des Systems. Dabei geht es nicht um eine politische Leitlinie, die Alternativen sind gar nicht so entscheidend. Das merkt man relativ schnell, wenn man sich in der "Szene" etwas bewegt, was schwierig ist, denn die autonome Szene ist quasi nur ein loses Netzwerk, was eben gerade daran liegt, dass es keine verbindende politische Linie gibt. Es reicht eigentlich schon aus auf indymedia öfter mal reinzuschauen, da sind teilweise bei den merklich autonomen Beiträgen erhebliche Differenzen in den Kommentaren zu erkennen, was auf einer Website, die eine politische Ideologie verfolgt (PI-News) nie der Fall wäre. Bei PI hat man gewisse Feindbilder, den Islam, den Moslem selbst, "Linke" und Intellektuelle. Neben den Feindbildern existieren gewisse Fankulturen, die sich vor allem mit Israel, den USA, dem Christentum, dem bürgerlich-konservativen Lager und gewissen Islamhetzern solidarisieren (Broder, Sarrazin, Joffe). So ein klares poltisches Bild könnte man von autonomen Websites niemals ziehen. Einige Autonome sind ausländerfeindlich, einige antiproletarisch, viele sind Antiintellektuelle, es gibt Israel-Fans unter ihnen und Israel-Hasser und Palästina-Sympathisanten.
Dies alles kann nur nebeneinander existieren, weil es beim eigentlich Autonomendasein um gewalttätige Auflehnung gegen das bestehende System geht und nicht darum, ein konkretes Alternativsystem zu kreieren. Die Zusammenrottung im "schwarzen Block" bei einer G8-Demo erfolgt nicht aus politischer Überzeugung mit den Zielen der Demo. Der Demo Anlass ist den Autonomen doch völlig Schnuppe und an einer Demonstration haben sie sowieso kein Interesse. Der Block formt sich nicht, um politische Botschaften zu vermitteln, sondern um Steine und Pyros auf das System, also die Polizei, zu werfen (das möchte ich jetzt nicht als Täter [Autonome] und Opfer [Polizei] Beziehung verstanden wissen, die Polizei ist durchaus Ziel Autonomer, aber in der Opferrolle befindet sich ein gewisser Prozentsatz von ihnen garantiert nicht). Um es auf den Punkt zu bringen: Autonomen geht es um Gewalt. Diese Gewalt ist selten zielgerichtet, sich fokussiert sich nicht auf ein erreichbares Ziel, sondern sie ist meistens Mittel zur Frustbewältigung, erzeugt ein Überlegenheitsgefühl und eine Gruppenstimmung.
Wenn ich im schwarzen Block mitmarschiere, dann frage ich doch meinen Nebenmenschen nicht, welche poltische Einstellung er/sie hat. Das ist auch völlig egal, was verbindet ist der Hass und der Hang zum Vandalismus und da solche Blockaktionen zumeist sowieso anonym ablaufen ist es in dem Moment egal, ob ein Nazi, Hooligan oder Linksextremist neben mir mit dem Stein auf die Polizei wirft.
wenn denn z.B. im Friedrichshain reihenweise Porsches oder Mercedes-Coupés abgefackelt werden, dann stecken da durchaus politische Motive dahinter ("Yuppies raus aus unserem Viertel!" oder auf schlau: "Anti-Gentrifizierung")
So, dann zum Autoanzünden in F-Hain. Das wird ja auch "linken" Extremisten in die Schuhe geschoben. Immerhin brennen BMWs, Audis und dergleichen dekadente Autos. Der dumme Menschen (und Journalist) sieht sofort eine Verbindung, "aha, hier war ein Antikapitalist am Werk, ein Linker also." Recht und billig. Die Frage, die sich dann für den offen denken Menschen auftut ist doch aber, warum brennen diese Autos dann nur in F-Hain und nicht in Charlottenburg, nicht in Mitte und nicht in Spandau. Ist das Autoabfackeln vielleicht doch gar kein Ausdruck "linker Gewalt" resultierend aus der Ablehnung gegen den Kapitalismus? Friedrichshain war mal ein Paradies für Autonome. "Besetzte" Häuser, uralte, unbürgerliche Wohnungen, kaum beachtenswert für das Establishment und dreckig. Hier konnte jede/r autonom leben, alles war schön. Bis ein paar wohlhabendere Menschen auf die Idee gekommen sind, auch in den "hippen" Großstadtvierteln zu wohnen. Das hat im Prenzlauer Berg schon so gut geklappt und die Gentrifizierung klappte auch in F-Hain, weil das System sehr einfach ist. Früher gehörten die Wohnungen der Stadt, die haben sie billig vermietet an Menschen, die nicht viel Geld hatten und relativ autonom gelebt haben. Dann wurde dieser Charme der subkultur geschickt vermarktet und zog eben auch die berühmten Zahnarzthelferinnen an, die dort hingezogen sind, in die "Szeneviertel". Auf einmal kam also Geld in den Bezirk, Geld, das abgeschröpft werden kann. Also werden die Wohnungen von Investoren gekauft, saniert und die Mieten saftig erhöht, weil auf einmal eine höhere Nachfrage von wohlhabenden Mietern gegeben war. Die Menschen, die bis dahin friedlich dort gelebt haben, wurden nach dem Sarrazinschen Modell quasi "abgeschafft" durch die Assimilation des Kapitals. Wohnungen konnten sie sich nicht mehr leisten und die kleinen Lebensmittelmärkte wurden nun zu Kaisers-Filialen und zu Biomärkten umtransformiert, damit die hinzugezogene Familie aus Spandau einen "ordentlichen" Lebensstandard hat und um etwas Geld erleichtert wird. Erst nachdem dies geschehen war, brannten die ersten Autos, die nunmal als Symbol des Kapitals gelten. Das Abbrennen von Autos hat also nichts mit der Ablehnung des Kapitalismus an sich durch Autonome zu tun (sonst würden die Autos überall brennen, die Chance in Spandau erwischt zu werden ist viel geringer), sondern eben mit der "Verteidigung" der Lebensräume und dem Hang zur Gewalt, wie ich sie beide oben beschrieben habe. Das halte ich für gänzlich unpolitische Motive, obwohl sie natürlich den Anschein erwecken, als würden sie "Links" sein. Und wahrscheinlich sagen die Abbrenner auch noch, dass sie aus "linken" Motiven handeln, aber vordergründig war die Einschränkung ihrer eigenen Freiheit das Problem, solange die Autos irgendwo stehen, wo sie nicht wohnen, haben sie mit den Autos nicht das geringste Problem. Ich hoffe, dadurch wird klar, was ich meine (ich weiß, ich schreibe sehr ausführlich).
Achso, im Übrigen halte ich das Abbrennen von Autos für gar nicht so unproduktiv, wie es immer dargestellt wird. Brennende Autos erhöhen die Kriminalitätsrate, verringer dadurch die Mieten und veranlassen den Zehlendorfer "Bonzen" dazu, zweimal zu überlegen, ob er samt Mercedes in sein neues F-Hainer Loft ziehen möchte. Generell kann ich das Abbrennen von Autos zwar nicht gutheißen, weil es mir einfach zu generalisiert erscheint, aber komplett sinnlos ist es nun auch nicht, aus der Sicht eines Autonomen heraus.
Großes Missverständnis! Die "Autonomen Nationalisten" (oder, wie in dem Zeitungsartikel: "nationale Autonome") haben mit der traditionellen Autonomen Szene ungefähr soviel miteinander zu tun, wie Franz Josef Strauß mit Rudi Dutschke. Beide Lager stehen sich diametral gegenüber. Vielmehr noch: Die "rechten Autonomen" sind nichts anderes als ein Plagiat. Der Versuch junger Rechtsradikaler, die von der traditionellen Bewegung (NPD, REPs, DVU, Burschenschaften, Vertriebenenverbände) frustriert sind (Tenor: "verbonzt", "spießig", "elitär"), ihr eigenes "cooles" Ding zu machen und von der bürgerlichen Gesellschaft frustrierte Jugendliche, die gefühlsmäßig eher zur Linken tendieren würden (Stichworte u.a.: Ellenbogengesellschaft, Umweltzerstörung) für sich zu gewinnen. Der Begriff, der anstelle von "nationale Autonome" verwendet weden sollte, lautet: Nazis, denn um nichts anderes handelt es sich, auch wenn sie sich optisch bewußt an das "Original" anlehnen.
Im Folgenden verwende ich daher den Begriff "Autonome" ausschließlich für das "Original".
Ganz so diametral stehen sich die Gruppierungen nicht gegenüber, das wäre zu allgemein formuliert. Bei den klassischen Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Linken, da sind diese beiden Lager durchaus auf verschiedenen Seiten und "bekämpfen" sich, das ist richtig. Aber diese Lager finden durchaus zusammen, wenn es um staatszerstörende Aktionen geht. Gegen Globalisierung haben auch nationale Autonome etwas einzuwenden und da wird dann nicht nach der politischen Gesinnung des Autonomen gefragt, sondern Seite an Seite im Block gegen Polizei und Staat marschiert. In Rostock waren durchaus eine Menge nationaler Autonomer im Block und da hat sich niemand aus dem Block selbst heraus dran gestört. Auch bei Demos gegen die Räumung von alternativen Hausprojekten fragt niemand nach der politischen Gesinnung der Teilnehmer und auch dort sieht mensch die ein oder andere deutsche Fahne (nur in Berlin nicht so häufig, weil hier die Autonomen, die eher dem linken Spektrum zuzuordnen sind, deutlichst in der Überzahl sind). Die Lust an Gewalt überbrückt manchmal die ohnehin nicht wirklich fundierten politischen Interessen.
Ob man diese poltischen Gruppen von Linken und Rechten Autonomen nun in Fraktionen unterteilt oder sie einer Bewegung zuordnet, ist Definitionssache. Beides ist mir zu allgemein, um ehrlich zu sein. Es gibt natürlich auch politisch überzeugte Menschen, die Autonome sind, weil sie Spaß an Gewalt haben, egal in welcher Gruppierung. Die meisten Autonomen, die ich kenne, sind für mich nichts anderes als Hooligans, denen ist es auch nicht immer wichtig, wie ihre Mannschaft spielt und wer in der Mannschaft spielt, sondern der Reiz an der Sache besteht in den Auseinandersetzungen mit anderen. Ein Problem mit den Strafstatistiken habe ich aber insofern, als dass jede Tat eines Autonomen (Steinwurf bei G8-Demo) generell dem linken Spektrum zugeschrieben wird. Genauso wie das Abbrennen von Autos (was in den meisten Fällen ohnehin eher Versicherungsbetrug ist). Ich sehe hier einfach keine evidente politsche Grundlage. Auch ein rechter Autonomer kann in F-Hain ein Auto abfackeln, wenn er dort aus seiner geliebten Wohnung und seinem geliebten Umfeld gerissen wurde. Auch ein rechter Autonomer, der in Europa und der G8 vor allem ein Komplott des internationalen Islamismus sieht, kann dort steinewerfend auffallen. Bei Hooligans wird auch nicht nach deren politischer Gesinnung gefragt, wenn sie nach einem Fußballspiel Straftaten begehen. Die Autonomen haben mit den eigentlichen meist linken Demos soviel zu tun, wie Hools mit dem Fußballspiel, warum muss mensch sie also politisch einordnen? Und wo sind die Grenzen? Ein Autonomer, der gegen Ausländer und den Islam und für den Kommunismus ist, ist der Links oder Rechts? Und glaub mal nicht, dass diese fiktive Person ein Einzelfall wäre...